Zeitung Heute : Auf der Suche nach Heilung

Bei Arthritis greifen kranke Zellen die Gelenke an – neue Therapien sollen den Prozess stoppen.

Gerd-Rüdiger Burmester
Lymphozyten (hier computeranimiert) gehören zu den weißen Blutkörperchen und umfassen unter anderem die T-Helferzellen. Bei Rheumaerkrankungen werden zu viele dieser Zellen gebildet – einer von mehreren Ansätzen für die Forschung. Foto: SPL/David Mack
Lymphozyten (hier computeranimiert) gehören zu den weißen Blutkörperchen und umfassen unter anderem die T-Helferzellen. Bei...Foto: David Mack / SPL / Ag.Focus

Die Einführung von Biologika, die maßgeschneidert für Rheumaerkrankungen entwickelt wurden, hat in der Therapie zu einem Durchbruch geführt. Ihr Prinzip beruht auf der Erkenntnis, dass es bestimmte Botenstoffe des Immunsystems (Zytokine) gibt, die für Entzündungsreaktionen im Körper verantwortlich sind. Durch deren Blockade kann der krankmachende Entzündungsprozess unterbrochen werden. Das älteste Biologikum zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis (RA) ist gegen einen der bedeutendsten entzündungsfördernden Botenstoffe gerichtet, den Tumornekrosefaktor (TNF)-

alpha. Seitdem wurden weitere Medikamente entwickelt, die gegen andere Botenstoffe, wie Interleukin-1 und Interleukin-6, gerichtet sind, sowie Substanzen, die gezielt bestimmte Zellen des Immunsystems (B- oder T-Lymphozyten) angreifen. Insbesondere die TNF-Antagonisten sind auch bei der wichtigen Krankheitsgruppe der Spondyloarthritiden (etwa Morbus Bechterew) wirksam.

Ende vergangenen Jahres wurde in den USA der erste Vertreter einer neuen Klasse von Rheumamedikamenten, den „small molecules“, zur Behandlung der RA zugelassen. Sie können in die Zellen des Immunsystems eindringen. Dort hemmen sie gezielt eine Gruppe von Signalproteinen, die sogenannten Januskinasen, und unterdrücken so die Aktivierung des Immunsystems. Damit werden der zerstörerische Angriff auf den eigenen Körper gehemmt und die Entzündungsprozesse gebremst. Über die Zulassung des Medikaments in Europa werden die zuständigen Behörden voraussichtlich in diesem Jahr entscheiden. Weitere Wirkstoffe dieser Medikamentenklasse werden in großen klinischen Studien erprobt. Es ist damit zu rechnen, dass in den nächsten Jahren weitere Kinasehemmer zur Behandlung der RA dazukommen.

Einige Forschungsansätze setzen an einer anderen Stelle des überschießenden Immunsystems an: direkt bei den T-Helferzellen. Bei Rheumaerkrankungen werden zu viele dieser Zellen gebildet und aktiviert, was die zu starke Immunreaktion mitverursacht. Ein Wissenschaftlerteam hat nun sogenannte microRNA-Moleküle entdeckt, die für die Vermehrung der T-Helferzellen verantwortlich sind. Werden diese Moleküle gehemmt, bleibt die Zahl der T-Helferzellen normal, das Rheuma kann abgemildert werden.

Eine andere Forschergruppe versucht, Immunzellen anzugreifen, die für die Bildung von Autoantikörpern verantwortlich sind, die sogenannten Plasmazellen. Die Vorstellung dabei ist, dass durch das Ausschalten krankhafter Plasmazellen auch die Autoantikörper reduziert werden können. Hierfür kommt bei Patienten mit systemischem Lupus erythematodes (SLE) in einer Pilotstudie eine Substanzklasse zum Einsatz, die bereits für die Behandlung von Plasmazell-Krebs (Myelome) zugelassen ist, die Proteasomen-Inhibitoren. In Tiermodellen hat sich diese Substanz bereits als wirkungsvoll erwiesen. Die ersten Ergebnisse der Pilotstudie sind erfolgversprechend.

Ein weiterer Ansatz beruht darauf, die Zellen im Immunsystem zu stärken, die für die Aufrechterhaltung von Toleranzmechanismen verantwortlich sind und die Bildung der autoreaktiven T-Helferzellen verhindern. Eine Arbeitsgruppe versucht derzeit, diese Zellen im Körper medikamentös zu aktivieren und zu vermehren, um die Schieflage zwischen pathogenen und regulatorischen T-Zellen zugunsten der schützenden T-Zellen zu verschieben.

Trotz der Verbesserungen in den Therapiemöglichkeiten entzündlich-rheumatischer Erkrankungen besteht dringend weiterer Forschungsbedarf. Die bisherigen Therapien müssen in der Regel über mehrere Jahre, teils lebenslang eingenommen werden und haben zum Teil auch Nebenwirkungen. Ziel ist es, eine verträgliche Therapie zu finden, die zur endgültigen Heilung führt. Der einzige Ansatz, der derzeit Heilungschancen verspricht, ist die komplette Auslöschung des Immunsystems durch eine Hochdosis-Chemotherapie mit Transplantation blutbildender Stammzellen. Diese drastische Behandlung bleibt jedoch Patienten vorbehalten, die nicht auf herkömmliche Therapien ansprechen und bei denen die Gefahr irreversibler Organschäden besteht.

Der Autor ist Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

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