Zeitung Heute : Auf die alten Tage

Deutschland überaltert. Und deshalb müssen vollkommen andere Wohn- und Lebensformen her

Roland Knauer

Ärzte warnen, dass Demenzkranke oft nicht richtig therapiert würden. Wie kann Deutschland mit dem Alter umgehen?

1900 waren nur fünf Prozent der Menschen im Deutschen Reich älter als sechzig, heute hat jeder vierte Bürger den 60. Geburtstag hinter sich und für das Jahr 2030 prognostizieren die Statistiker sogar einen Anteil alter Menschen von 35 bis 38 Prozent. Gleichzeitig steigt die Zahl derer an, die in irgendeiner Form auf Hilfe von anderen angewiesen sind: 2,4 Prozent der Deutschen zwischen 55 und 60 sind pflegebedürftig, bei den 80- bis 85-Jährigen brauchen jetzt schon 15,8 Prozent Hilfe, berichtet Ursula Lehr, die an der Universität Heidelberg die Situation der Betagten erforscht.

„Demenz“ lautet oft die Diagnose, mit der die Entscheidung fürs Alters- oder Pflegeheim begründet wird. Während gerade einmal bei 1,2 Prozent der 60- bis 65-Jährigen die Gedächtnisleistungen vehement nachlassen, gehört jeder Dritte der über 90-Jährigen zu diesen „Vergesslichen“. Da auch die Zahl der sehr alten Menschen steigt – 1965 lebten in Deutschland 265 Hundertjährige, heute sind es mehr als zehntausend – wächst natürlich auch die Zahl der Demenzkranken in den Heimen. Altersverwirrte Menschen werden oft mit unwirksamen Medikamenten behandelt. Eine Leitlinie der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde, soll daher Hausärzte bei der Behandlung von Demenzkranken unterstützen. Unter Altersverwirrtheit leiden derzeit etwa eine Million Menschen in Deutschland, die meisten von ihnen sind an Alzheimer erkrankt. Im Jahr 2030 wird mit zwei Millionen Menschen gerechnet, die aufgrund ihres Alters Gedächtnis-, Orientierungs- sowie Sprach- und andere Schwierigkeiten haben und im Alltag nicht mehr zurechtkommen.

Sind bald so viele Deutsche pflegebedürftig, dass wir der Lage nicht mehr Herr werden können? Klaus Meyer, der für Altenpflege zuständige Vorstand im Diakonischen Werk Bayern, sagt Nein.

Die Alten haben sich stark verändert. Mit dem klassischen Altersheim vertragen sich die neuen Ansprüche schlecht, die Betagten von heute wollen selbstständig bleiben. Wenn gleichzeitig aber die Krankheiten häufiger werden, müssen neue Wohnformen her, die Klaus Meyer „Betreutes Wohnen auf eigenen Füßen“ nennt. Dazu gehören nicht nur die „Alten- Wohngemeinschaften“, er denkt auch an „Mietkomplexe mit Pflegenest“: In einem Haus könnten dann viele Alte wohnen, von denen jeder oder jedes Paar einen eigenen Haushalt hat. Der rüstige Nachbar schnürt dann der Dame die Schuhe, die ihm im Gegenzug den Überweisungsvordruck für die Bank ausfüllt, den seine Augen längst nicht mehr entziffern können. Anspruchsvollere Hilfe übernehmen die Profis der Sozialstation, die bei einer solchen Konzentration betagter Menschen in der Nachbarschaft angesiedelt wäre.

Nach einem Schlaganfall könnten viele in den eigenen vier Wänden bleiben, weil die Altenpfleger von nebenan die Bewegungsübungen leiten und der Nachbar das Essen mit kocht. Eine gut ausgebaute ambulante Pflege bremst so den Anstieg der Kosten der stationären Pflege, weil weniger Menschen ins Heim müssen. Das Altenheim wird mit solchen Formen des betreuten Wohnens aber noch lange nicht überflüssig. Nur werden die Menschen älter werden, die dort einziehen. Schon heute ist 85 ein typisches Alter.

Auf vieles kann man sich einstellen, sagt Meyer. Zumindest der, der schon heute investiert. Wer sich im besten Alter um seine Gesundheit kümmert, wird laut Statistik erst später pflegebedürftig. Ausgebildete Altenpfleger werden in Zukunft allerdings gefragt sein. Zu häufig weiß normales Pflegepersonal nicht um die spezifischen Bedürfnisse der Alten.

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