Zeitung Heute : Auf die Dauer hilft nur Altenpower

Barbara Sichtermann

, ARD. Das musste noch mal erläutert werden, dieses ominöse „Methusalem-Komplott“. Autor Frank Schirrmacher saß eine volle Stunde lang mit Beckmann am Tisch, und es gab nicht mal einen einzigen Einspielfilm mit gebrechlichen Oldies auf der Bank oder flotten Senioren im Wellness-Center. Nichts davon. Stattdessen: Gedanken, Spekulationen, Hintergründe, Beispiele … Na, geht doch.

„Altern findet im Kopf statt“, sagte Schirrmacher, obwohl es da gerade nicht stattfindet, denn die Annahme, dass betagt gleich gaga, ist ein Vorurteil. Wir alle laufen mit einem „anerzogenen Altenbild“ herum, das schleunigst entsorgt gehört, wenn die Zunahme der Lebensdauer sinnreich und die Zukunft der Gesellschaft lebenswert sein soll. Eifrig und beredt verteidigte der Streiter für ein neues Altenbild seine Thesen von der Kreativität Neunzigjähriger und von dem Irrsinn der Verrentung Fünfzigjähriger – „Verschwendung von Lebenszeit“ nannte er das. Auf Beckmanns Frage, wo die Politik eingreifen solle, winkte er ab. Wir müssen es selber tun. Fantasie ist gefragt, Aktion, Gegenentwurf. Die Feministinnen hätten es ja auch geschafft, mit den Vorurteilen gegen Frauen aufzuräumen, jetzt geht’s um Altenpower. Allerdings: Dass sich die Leute erst jetzt besinnen und ums Image der Großeltern kümmern, ist kein Wunder. Dermaleinst wurde niemand hundert. Heute ist das fast normal. „Altern ist was Junges“ – als kulturelle Leistung.

Man sagt ja, Fernsehen gehe nur mit Bildern. Unentwegtes Gelaber lasse das Publikum den Ausknopf drücken. Dabei wird vergessen, dass ja Bilder im Hirn der Zuschauer entstehen, sobald anschaulich erzählt wird. „FAZ“-Mann Schirrmacher besitzt keine so genannte Bildschirmpräsenz. Scheu und geduckt saß er dem schmunzelnden Beckmann gegenüber. Und dennoch punktete Schirrmacher: weil er was zu sagen und für etwas zu werben hatte, und weil er das mit Verve tat. Beckmann versuchte, durch kleine Neckereien den Dialog aufzulockern; auch missverstand er die Werbung für den Kampf gegen die Stigmatisierung des Alters als penetrante Reklame für Schirrmachers Buch, das er so oft in den Himmel lobte, bis der Autor ganz verlegen wurde. Das alles war so überflüssig wie das anerzogene Altenbild. Doch insgesamt war die Sendung ein Beweis dafür, dass auch Gedanken auf dem Bildschirm tanzen können – vorausgesetzt, jemand hat sich welche gemacht und kriegt die Zeit dafür, sie auszubreiten.

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