Zeitung Heute : Auf die Erde kommen

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Neulich war ich im Paradies. Es war grün, es war blumig und hatte einen herrlichen Blick aufs Mittelmeer. Ich aalte mich auf Schaumstoffwürsten im Swimmingpool und kam mir vor wie in Hollywood. Humphrey Bogart hat hier schon geschlafen, Meg Ryan und ich. Sie dürfen mich ruhig beneiden. Auch wenn gerade keine Filmstars in Portofino waren, sondern „Financial Times“ lesende, schwäbisch und amerikanisch sprechende Männer, die in Shorts zum Frühstück erschienen und noch nicht recht mit Messer und Gabel umzugehen wussten.

Inzwischen bin ich wieder im irdischen West-Berlin. Den letzten Ferientag hatte ich für praktische Dinge reserviert, Schuster, Reinigung, Vorsorge. Die Mammographie wollte ich schon vor Monaten hinter mich bringen, aber als ich, ordinäre Kassenpatientin, im Röntgeninstitut anrief, hieß es, in einem halben Jahr ungefähr könnte ich einen Termin haben. Wenn ich selber zahlte, ginge es auch schneller. Also hab ich erst mal die Praxis gewechselt; auch die andere läuft offenbar gut, erstreckt sich über drei Etagen in einem Schöneberger Altbau. Aber was für einer: dunkel das Treppenhaus, düster das Linoleum, dreckig die einst weißen Wände. Drinnen sah es auch nicht viel fröhlicher aus. Naja, dachte ich, ein Arztbesuch hat ja auch was Schönes: die Zeitschriften. Wo soll ich sonst „Gala“ und „Bunte“ lesen? So blätterte ich auf dem Tischchen, fand einen „Spiegel“ vom April, ein „National Geographic“ vom letzten Jahr, eine „Hör Zu“ von vorletzter Woche sowie diverse abgelegte Golfzeitschriften. Irgendwann kam eine Männerstimme aus dem Irgendwo: „Frau Kippenberger, hier lang!“ Wo hier lang ist, hab ich dann selbst herausgefunden. Kaum angekommen,verschwand der Arzt im Nachbarraum und unterhielt sich von dort aus mit mir über den Brustkrebs meiner Mutter.

Hm, dachte ich, kann man Patienten, die einem das Golfspielen bezahlen, von denen viele todkrank sind, nicht auch ein bisschen freundlicher behandeln, etwas liebevoller empfangen?

Ein paar Tage später bin ich, kassenpatientenadäquat, Minigolf spielen gegangen. Und was soll ich sagen: Der Betreiber war ungefähr so charmant wie der Arzt in der Praxis. Aber ich habe gewonnen.

Minigolfanlage Wilmersdorf, Straße am Schroederpark, täglich 11-22 Uhr.

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