Zeitung Heute : Auf die krumme Bahn geraten

Der Vertrag für das satellitengestützte Navigationssystem Galileo ist unterzeichnet. Warum wird das überhaupt noch gebraucht – es gibt doch schon GPS?

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Von Paul Janositz

Mit einem neuen Navigationssystem ist es ungefähr so wie mit dem Kauf eines Neuwagens. Man könnte zwar den alten Wagen weiterfahren, doch pfiffigere Technik, bessere Steuerung oder bequemere Bedienung machen die Anschaffung attraktiv. Wenn man zudem das neue Auto vielseitiger nutzen kann und mit dem Kauf noch Arbeitsplätze sichert, fällt der Entschluss leicht.

Bei Galileo kommt noch hinzu, dass mit der Installierung der europäischen Navigation auch die Abhängigkeit vom amerikanischen „Global Positioning System“ entfällt. Es war für militärische Zwecke entwickelt worden und wird bis heute vom US-Verteidigungsministerium betrieben.

Navigationssysteme sind mittlerweile fast selbstverständlich geworden. Mit ihrer Hilfe müssen beispielsweise Autofahrer nicht mehr umständliche Stadtpläne studieren, um sich in fremder Umgebung zurechtzufinden. Die Zahlen sprechen für sich: Derzeit nutzen etwa zwölf Millionen Autofahrer die Orientierungshilfe. Auch Radler, Wanderer oder Segler setzen zunehmend darauf. Im Flugzeug, auf Schiffen oder Eisenbahnen ist Navigation mit Satellitenhilfe ohnehin längst Standard.

Auf festen Umlaufbahnen fixierte Satelliten markieren gewissermaßen von überall her wahrnehmbare Orientierungspunkte, ähnlich wie es Berggipfel oder Kirchtürme bei der Wanderung sind. Dieselbe Funktion kann tagsüber die Sonne haben, wenn sie sich nicht hinter Wolken versteckt. Wenn man zudem die Uhrzeit kennt, lässt sich daraus die Himmelsrichtung und damit die Position bestimmen.

Ähnlich ist es mit den in bis zu 24 000 Kilometern Höhe kreisenden Navigationssatelliten. Ihre Umlaufbahnen sind so ausgeklügelt, dass von fast jedem Punkt der Erde aus mindestens drei Satelliten zugleich erreichbar sind. Sie haben Atomuhren an Bord und senden regelmäßige Funksignale aus. Für eine Ortsbestimmung mit Genauigkeiten von wenigen Metern müssen die Uhren auf Milliardstelsekunden genau gehen.

Das aus 24 Satelliten bestehende GPS erreicht dies mit Rubidiumuhren, die in einer Million Jahren drei Sekunden nachgehen werden. Die Galileo-Satelliten sollen zusätzlich Wasserstoff-Maser-Uhren bekommen, die in der gleichen Zeit nur eine Sekunde verlieren.

Die Satelliten verteilen sich auf drei verschiedene, je um 120 Grad gegeneinander verdrehte Umlaufbahnen. Jede von ihnen ist 56 Grad gegen die Äquatorebene geneigt und verläuft in 24 000 Kilometern Höhe. Die etwas steiler als beim GPS geneigten Umlaufbahnen können besseren Empfang in Zentraleuropa, insbesondere in Gebirgstälern und Straßenschluchten, gewährleisten. Die Ortsbestimmung soll Galileo auf vier Meter genau schaffen – ähnlich präzise wie das GPS.

Dieser Wert gilt aber nur für den kostenlosen Basisdienst. Zahlenden Nutzern will man höhere Genauigkeit bieten, erst bis auf einen Meter, später bis auf wenige Zentimeter. Sonderleistungen wie verschlüsselte Nachrichtenübermittlung oder permanente Überwachung der Signalgüte sollen weitere Kunden locken. Anders als das GPS will Galileo eine Garantie für seine Dienstleistungen geben.

Der Aufbau des Systems dürfte etwa dreieinhalb Milliarden Euro kosten. Der erste Testsatellit ging Ende vergangenen Jahres ins All. 2010 soll Galileo einsatzbereit sein – mit dreißig Satelliten, mehr als fünfzig Bodenstationen und zwei Kontrollzentren, eines davon im bayerischen Oberpfaffenhofen. Insgesamt soll Galileo etwa 140 000 hoch qualifizierte Arbeitsplätze in Europa schaffen.

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