Zeitung Heute : Auf die Plätze

Matthias Thibaut[London]

Die Entscheidung ist gefallen: London bekommt die Olympischen Spiele 2012. Was muss bis dahin alles geleistet werden, damit die Stadt den Anforderungen gewachsen ist?

Fußballstar David Beckham war gestern in Singapur unter den Jubelnden. „Nun kann ich im Jahr 2012 meine Kinder an meinem eigenen Geburtsort zu den Olympischen Spielen mitnehmen“, sagte er zu dem Olympiazuschlag für das Londoner East End. Dort, in den Stratford Marschen, wo Beckham aufgewachsen ist, werden in den nächsten Jahren viele Milliarden Pfund investiert.

„Die Arbeiten beginnen sofort“, kündigte Premierminister Blair gestern an. Im Auftrag von Bürgermeister Ken Livingston begann die Stadt schon vor zwei Jahren, in dem Gebiet Grundstücke zu kaufen. Seit dem Niedergang des Londoner Hafens in den 50er Jahren verödeten dort die alten Industrieanlagen und Arbeiterviertel.

Doch nun werden Grünanlagen, Seen und schmucke Kanäle entstehen. Ein neues Olympiastadion, ein olympisches Dorf und vier neue Sportzentren für zwölf Sportarten werden gebaut, darunter ein großes Schwimmzentrum. Im olympischen Dorf werden später 3500 Sozialwohnungen eingerichtet. Das Stadion mit 80000 Sitzplätzen soll nach den Spielen zu einem Leichtathletikzentrum mit 25000 Plätzen zurückgebaut werden und Platz für ein neues „Olympic Institute“ bieten, in dem Spitzensportler aus aller Welt trainieren können.

Die angekündigten „Spiele der kurzen Wege“ sollen 4,3 Millionen Euro kosten – nicht mitgerechnet große Verkehrsprojekte wie die neue Schnelltrasse zum Kanaltunnel, die das Olympiazentrum Stratford mit dem Londoner Bahnhof King’s Cross verbindet und sich bereits im Bau befindet. Bezahlt wird mit einer „Olympialotterie“, einer Erhöhung der Gemeindesteuer um 30 Euro im Jahr, für den Rest bürgt die Regierung.

An Skeptikern fehlt es nicht. Viele Londoner bezweifeln, dass die Renovierung der U-Bahn schnell genug vorangehen wird. Für den Pendeltransport von Athleten in die Stadt sollen spezielle Busspuren reserviert werden – eine typische Londoner Billiglösung. Doch Verkehrsexperten erinnern daran, dass in London jeden Tag neun Millionen Menschen befördert werden – da machten die paar hunderttausend Olympiagäste keinen so großen Unterschied.

Kritiker denken auch zurück an den Millennium Dome, Blairs erstes ehrgeiziges Projekt. Die dortige Ausstellung wurde ein Flop mit Millionenverlusten. Auch im East End sind nicht alle glücklich. 390 kleine und mittelgroße Unternehmer müssen dem Olympiaprojekt nun weichen, darunter der Lachsräucherer H.Forman & Sons. Bei den Spielen 2004 hatte er die Lachsbrötchen für die britische Mannschaft geliefert. Nun hängt vor seinem Betrieb eine Fahne: „Olympia 2012 vernichtet den Betrieb“.

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