Zeitung Heute : Auf die Plätze

Noch zwei Spieltage, dann ist die Bundesligasaison vorbei. Wer hat die besten Chancen auf den Meistertitel?

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WERDER BREMEN

Psyche: Torsten Frings will gehen, Miroslav Klose hat lange gezögert und sich mit den Bayern getroffen – und dann das Aus im Uefa-Cup. Außerdem müssen die Konkurrenten Schalke und Stuttgart beide patzen, wenn es noch etwas mit dem Titel werden soll. Auch wenn am Sonntag im Berliner Olympiastadion Hertha BSC klar 4:1 bezwungen wurde – Werder hat zurzeit wenig selbst in der Hand. Und die Mannschaft hat in der Rückrunde einige Möglichkeiten verspielt, als sie an die Spitze kommen konnte. Es ist ihr zuzutrauen, dass sie das in dem unwahrscheinlichen Fall einer erneuten Chance wieder tut. Dagegen spricht nur die Routine vieler Spieler.

Form: Die Verfassung ist schwankend, die letzten beiden Saisonspiele gegen Frankfurt und Wolfsburg sollten aber trotzdem zu gewinnen sein. Diego und Frings ragen Woche für Woche heraus, der Brasilianer hat schon viele Spiele, in denen es eng war, alleine entschieden.

Was der Titel bedeutet: Man sieht Trainer Thomas Schaaf schon vor sich: „Die Meisterschaft ist ein Ergebnis unserer kontinuierlichen Arbeit, wir haben immer an uns geglaubt, der Titel für uns geht absolut in Ordnung“ und so weiter. Bremen wäre der langweiligste Meister, obwohl Werder über die Saison den offensivsten Fußball gespielt hat. Trotzdem wäre der Titel bloß „nicht unverdient“. Und das ist etwas anderes als verdient.

VFB STUTTGART

Psyche: Stuttgart hat schon gewonnen. Die bereits gesicherte Möglichkeit, in der Champions League mitzuspielen, ist ein Riesenerfolg. Und da ist ja auch noch das Pokalfinale gegen Nürnberg. Die Haltung der Verantwortlichen lässt sich mit „Meister? Gerne, wenn denn kein anderer es sein will“ umschreiben. Diese Haltung trifft auch den Saisonverlauf der Stuttgarter, die sich die meiste Zeit an der erstaunlichen Spielkultur ihrer – von Manager Horst Heldt und Trainer Armin Veh mit Glück und Geschick neu formierten – Mannschaft ergötzt haben. 1992 gab es einen ähnlichen Dreikampf um den Titel, und der Außenseiter aus Stuttgart siegte. Daran wird jetzt immer wieder erinnert, und der einstige Geheimfavorit wird wegen des leichteren Restprogramms plötzlich zum Geheimfavoriten für jedermann. Es hätte Charme, wenn die zurückhaltenden Schwaben den Titel in einer Saison holen würden, in der sich die anderen Favoriten schwer damit getan haben, dass von den Bayern hinterlassene Vakuum für sich in Anspruch zu nehmen. Dieser Charme passt zur diskret selbstbewussten Ausstrahlung des Teams, bei dem nur Reservist Markus Babbel bisher schon mal Deutscher Meister war.

Form: Lange Zeit schien es so, dass der Erfolg eng an Mario Gomez geknüpft ist. Der junge Torjäger ist schon länger verletzt. Doch die Mannschaft ist gut und ausgeglichen besetzt, die Tore schießen jetzt andere wie Mittelfeldspieler Roberto Hilbert, der in den vergangenen fünf Spielen viermal traf und wie Gomez in dieser Saison Nationalspieler wurde. Stuttgart hat die letzten sechs Spiele gewonnen. Wenn Schalke scheitert, ist der VfB in den letzten beiden Spielen gegen Bochum und Cottbus da.

Was der Titel bedeutet: Stuttgart war in der jüngeren Geschichte immer wieder mal ganz oben dabei, konnte sich aber nie dauerhaft etablieren. Dieses Mal wäre die Chance groß, auch wenn ein Meister Stuttgart nicht als Favorit in die neue Saison starten würde. Das Team hat Potenzial und ist entwicklungsfähig. Der Titel würde natürlich einen Schub bringen, aber auch ohne Meisterschaft ist mit dem VfB in naher Zukunft zu rechnen.

FC SCHALKE 04

Psyche: Mit zwei Siegen können die Schalker aus eigener Kraft Meister werden. Diese Kraft ist da. Als der nach außen nette, aber genau berechnende Trainer Mirko Slomka zu Saisonbeginn T-Shirts mit dem Aufdruck „Totale Dominanz“ verteilte, erschien das nicht nur den Fans, sondern auch einigen Spielern als arrogant. Die Hemden trägt keiner mehr, hängengeblieben von diesem Psychospiel ist nach einigen internen Krisen in dieser Saison aber der Glaube an die eigene Stärke. Die Spieler behalten deshalb die Nerven wie zuletzt am Samstag beim mühevollen 1:0 gegen Nürnberg. Die Entscheidung darüber, ob Schalke wirklich meisterlich gefestigt ist, fällt schon am kommenden Wochenende, bei den „Unaussprechlichen“, denen aus „Lüdenscheid“. Die heißen mit bürgerlichem Namen Borussia Dortmund und würden nach ihrer Rettung vor dem Abstieg nichts lieber tun, als dem großen Rivalen den Titel zu nehmen – und die Saison so für ihre Fans doch noch zu einem Erfolg zu machen. Doch Angst vor dem Derby brauchen die Schalker eigentlich nicht zu haben, zuletzt haben sie 1998 in Dortmund verloren. Im letzten Bundesliga-Saisonspiel gegen Bielefeld würden die Fans in der Arena ihre Mannschaft dann zur Meisterschaft zwingen.

Form: Kevin Kuranyi könnte der Meistermacher werden. Seit Wochen erspielt sich der Nationalstürmer herausragend seine Tore, und wenn es nicht so läuft, erkämpft er sie sich eben mit aller Macht. Seine Mannschaft bringt die Fußballfans nicht zum Schwärmen, aber sie dominiert die Gegner und funktioniert erfolgsorientiert. Ein Vorteil, wenn es nur noch um Erfolg oder Misserfolg geht.

Was der Titel bedeutet: Nichts gegen Schalke, aber es wäre in gewisser Weise lustiger und für die nächsten Jahre interessanter, wenn Schalke auch im 49. Jahr ohne Meistertitel bliebe. Wenn der „Meister der Herzen“ wie schon viermal zuvor in der Bundesligageschichte tragisch scheitert. Dann könnte Schalke seinen Ehrentitel behalten. Als echtem Meister aber droht dem Klub mittelfristig eine negative Imageveränderung. Kommt der FC Bayern nicht so schnell wieder auf die Beine, dann taugt der ehemalige Malocher-Klub aus Gelsenkirchen mit den Millionenzahlungen vom unsympathischen Sponsor Gasprom auch zum Feindbild.

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