Zeitung Heute : Auf eigenen Füßen

Peking will weitere 300 Kilometer – aber künftig alles selbst herstellen

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Die Bauarbeiter waren auskunftsfreudiger als ihr Regierungschef. Schon bevor der chinesische Ministerpräsident Zhu Rongji eintraf, erzählten sie den staunenden Reportern völlig offen, wo sie demnächst arbeiten würden: „Wir bleiben hier und bauen eine weitere Strecke." Für mehr als sieben Jahre hätten sie demnach Arbeit und das ist im China der Neuzeit eine gute Nachricht. Zhu Rongji hatte in den Tagen davor zwar verklausuliert davon gesprochen, dass es möglicherweise neue TransrapidLinien im Land der aufgehenden Sonne geben werde, aber er verschwieg stets, wo sie gebaut werden könnte. „Wir wissen, dass sie etwas planen, aber sie sagen uns nichts“, musste Siemens Chef Heinrich von Pierer zugeben, der eigens mit dem deutschen Bundeskanzler zur ersten Testfahrt mit dem Transrapid gekommen war.

Auch nach den feierlichen Reden im Anschluss an die gemeinsame Testfahrt mit 431 Stundenkilometer Spitzengeschwindigkeit blieb Zhu Rongji noch allgemein. Einem kleinen Kreis um Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte er zu diesem Zeitpunkt allerdings schon verraten, was er dann – ungewöhnlich für einen chinesischen Regierungschef – den fragenden deutschen Reportern beim Herausgehen anvertraute: „Wir werden eine Linie zwischen Hangzhou und Nanjing in Angriff nehmen." Damit wird die rund 30 Kilometer kurze Strecke zwischen Schanghai und dem Flughafen Pudong um mehr als 300 Kilometer erweitert. In der Endphase sollen die drei wirtschaftlich aufstrebenden Provinzstädte Hangzhou, Schanghai und Nanjing miteinander verbunden werden.

Bis es so weit ist, werden Siemens-Chef von Pierer und sein Thyssen-Kollege Ekkehard Schulz allerdings noch schwierige Gespräche bestehen müssen. Gerhard Schröder spürte das bei seinen Treffen mit der chinesischen Führung, die darauf besteht, nicht nur fertige Produkte, sondern auch technisches Wissen von den Deutschen zu erhalten. „Wir müssen uns darauf einstellen, Technologie nicht nur zu verkaufen, sondern auch andere daran teilhaben zu lassen“, erkannte Gerhard Schröder rasch, um dann – mit Blick auf Heinrich von Pierer – hinzuzufügen, „so weit das vertretbar ist". Schon bei der jetzt in Betrieb genommenen Strecke haben die Asiaten die Trasse in eigener Regie gefertigt und dafür deutsche Patente gekauft. Aus der Bundesrepublik kommen von Thyssen/Krupp aus dem Werk Kassel die Fahrzeuge und die Magnettechnik, Siemens liefert die Leittechnik.

Doch die Thyssen-Lenker denken darüber nach, wie ernsthaft sie diese Technologie noch vorantreiben wollen. Wie sich der Ruhrkonzern entscheiden wird, hängt davon ab, ob in Deutschland nun endlich eine eigene Strecke gebaut wird. In China haben die deutschen Mitreisenden und der Bundeskanzler vor allem nachts intensiv darüber verhandelt, wie die Finanzlücke von rund 500 Millionen Euro in den bisher vorliegenden Konzepten für die Ruhrgebietsstrecke zwischen Düsseldorf und Dortmund geschlossen werden kann. Am Ende waren sich sowohl Gerhard Schröder wie sein Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und dessen Nachfolger in Düsseldorf, Ministerpräsident Peer Steinbrück, sicher, dass ihnen diese Operation gelingen wird. Sie haben nicht zuletzt die beteiligten Industriekapitäne überzeugt, mit einem eigenen Anteil in das Projekt einzusteigen. „Ich glaube, dass die Unternehmen das tun werden“, freute sich Gerhard Schröder nach der zweiten Nachtsitzung mit von Pierer und Ekkehard Schulz. Knapp die Hälfte der ausstehenden Summe hoffen sie auf diesem Wege abdecken zu können. Der Rest soll durch Kostensenkungen beigebracht werden. Dass dies nicht völlig unrealistisch ist, hat ausgerechnet Zhu Rongji den Deutschen verraten. „Wir hoffen, die Strecke demnächst für ein Drittel der heutigen Kosten bauen zu können“, gab er ihnen mit auf den Weg. jz

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