Zeitung Heute : Auf ewig vereint

HAU 3 Lola Arias bespiegelt das Leben von Zwillingsschwestern in „That Enemy Within“

SANDRA LUZINA

Kinder und Tiere auf der Bühne sind verpönt. Über dieses Verbot hat sich die Autorin und Regisseurin Lola Arias gleich am Anfang ihrer Karriere beherzt hinweggesetzt. Ihr erstes Stück schrieb sie für eine Frau mit Kind – auf der Bühne stand dann wirklich eine Schauspielerin mit ihrem Baby, das sich um Regieanweisungen nicht scherte. So ein Mutter-und-Kind-Casting hat Arias vor kurzem an den Münchner Kammerspielen wiederholt und dabei die Schauspielerin Katja Bürkle und ihre Tochter Lena entdeckt. Als sie Bürkles Geschichte erfuhr, entschied sie: Das muss erzählt werden.

Bürkle ist erst mit dem Kollegen Florian Huber liiert, sie bekommen eine Tochter, Lena. Später trennt Bürkle sich von ihrem Mann und verliebt sich in die Schauspielerin Silja Bächli. Die beiden Frauen wünschen sich ein Baby, also fragen sie den Exmann, ob er zu einer künstlichen Befruchtung bereit ist. Er sagt Ja – und Moses wird geboren. Auf der Bühne steht nun diese außergewöhnliche Familie: Mutter, Mutter, Vater und Kind – als Darsteller ihrer selbst. „Wie zum Teufel soll man das alles den Hasen erklären?“, fragt die zehnjährige Lena einmal. Arias aber schafft es, den Zuschauern dieses neue Familienmodell ganz unaufgeregt nahezubringen. Sie zielt nicht auf das Exotische, sie interessiert vielmehr die gesellschaftliche Relevanz des Themas: „Mich hat vor allem die Frage beschäftigt: Akzeptieren wir, dass schwule und lesbische Paare Kinder bekommen?“

Abgründiger fiel die Familienforschung in „Mi Vida Después“ aus – mit der argentinischen Produktion gelang Arias hierzulande der Durchbruch. Sechs Schauspieler um die 30 versuchen auf der Bühne, die Biografien ihrer Eltern zu rekonstruieren. Es sind bewegende wie verstörende Geschichten aus der Zeit der argentinischen Militärdiktatur, die hier erzählt werden. Bei den Recherchen zu dem Stück kam so manches dunkle Geheimnis ans Licht. Nanina Falco etwa fand heraus, dass ihr Bruder Juan zu den verschleppten Kindern der Diktatur gehört. Aus dem Bruder wurde plötzlich der „Stiefbruder“ und aus dem Vater ein Scherge des Regimes. Doch Arias ging es nicht nur um die emotionalen Effekte. „Wichtig war mir, eine Distanz herzustellen, nicht nur die persönliche Tragödie zu zeigen.“ Sie stellt das individuelle Drama in einen größeren Zusammenhang und provoziert zudem ein Lachen über die Absurditäten der Geschichte.

In „Mi Vida Después“ arbeitet sie mit historischen Dokumenten, das Stück sei aber eine Fiktion, betont Arias. „Es gibt heute diese Diskussion: Wer ist der Autor? Die Frage stellt sich vor allem bei Stücken, die auf dem wahren Leben basieren. Bei meinen Produktionen aber bin ganz klar ich die Autorin. Ich verdichte und transformiere das Material. Dabei lege ich großen Wert auf die sprachliche Qualität des Textes.“

Die neue Produktion „The Enemy Within“ fing damit an, dass Arias von einem Schwesternpaar fasziniert war. Esther Becker, die Regisseurin, und Anna Becker, die Schauspielerin, sind eineiige Zwillinge. „Das ist doch eine alte Fantasie des Theaters: dass die Person auf der Bühne dein Alter Ego ist“, schwärmt Arias. Die ausführlichen Interviews mit den Schwestern kreisten vor allem um die Frage: Wie ist es, mit dem eigenen Schatten zu leben? „That Enemy Within“ entwickelte sich dann mehr und mehr zu einem Stück über Identität: „Wir konstruieren unsere Identität, indem wir uns in einem anderen spiegeln. Das ist nicht nur bei Zwillingen so“, sagt Arias.

Auch in die Zwillingsforschung hat Arias sich vertieft – deren Schlussfolgerungen sie teilweise absurd findet. „Ich zeige keine Freakshow“, erklärt sie. Der analytische Blick verbindet sich bei ihr mit Neugier und Anteilnahme. Und im Spiegel ihrer szenischen Zwillingsforschung kann der Zuschauer auch sein eigenes Verhalten reflektieren. Dass sie sich so brennend dafür interessiert, was die Menschen verbindet, sei nur logisch, findet Arias. „Das Theater ist doch die Mutter aller Beziehungen.“

SANDRA LUZINA

Premiere 11.5., 20 Uhr

Vorstellungen 12.-16.5.

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