Zeitung Heute : Auf glühenden Kohlen
26.08.2010 02:00 UhrWarum dieses Stück an diesem Theater zu dieser Zeit? Die Antwort darauf müssen Dramaturgen oder Regisseure gelegentlich schon mal recht weit herholen. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner haben da keinerlei Erklärungsnöte, sie sind mit der Relevanz ihrer anstehenden Inszenierung klar verortet – in Geschichte und Gegenwart.
Im Oktober 1962 feierte das Stück „Die Sorgen und die Macht“ von Peter Hacks, damals Dramaturg am Haus, schon einmal Premiere am Deutschen Theater, wobei der Ton, in dem darin für einen anderen, besseren Kommunismus gestritten wurde, den Parteioberen nicht passte. Es wurde „nicht offiziell verboten, sondern einfach abgesetzt“, wie Kühnel sagt, und in der Folge verlor Intendant Wolfgang Langhoff seinen Job.
„Die Auseinandersetzung mit dieser DDR-Geschichte des DT ist bislang unter keinem Intendanten ernsthaft passiert“, so Kuttner.
„Die Sorgen und die Macht“ mag auf den ersten Blick entrückt scheinen, das Stück erzählt in sozialistischer Hacks-Prosa von den amourösen und wirtschaftlichen Verbandlungen zwischen den Mitarbeitern einer Brikett- und einer Glasfabrik. Aber wie dabei „das Verhältnis von Politik, Moral und Ökonomie fast wie in einer Laborsituation durchdekliniert“ werde, das findet Kuttner „hochaktuell“, das führt ihn geradewegs zur vielgescholtenen Gier der Banker, über die er nur höhnt: „Die müssen doch gierig sein, das ist doch ihr Beruf.“ Aber warum dann nicht gleich ein Stück zur Krise, ohne historische Umwege? Nein, ruft Kuttner, schrecklich, dieser Aktualitätswahn des Theaters! Dazu fällt ihm Alexander Kluges Wort vom „Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“ ein, und überhaupt: „So blöde bin ich nicht, dass ich ins Theater gehen muss, um mir die Bankenkrise erklären zu lassen.“ Wer sich in die Vergangenheit begebe, der bewege sich auf widersprüchlicherem, aber allemal interessanterem Terrain.
Auch der Autor Hacks, der Dramatiker, Lyriker, Essayist, ist ein großer Widersprüchlicher, einer, „der auf Hass und Liebe von ganz links wie ganz rechts“ stieß, wie das Regieduo erläutert, einer, der als radikaler Gegenwartsdichter in die DDR ging und sich später, nach dem „Sorgen“-Fall, als entflammter Goetheaner in die Klassik versenkte. Kühnel und Kuttner haben sich für diese Wiederentdeckung ein Ost-West-Ensemble zusammengesucht, das produktive Reibung verspricht: der junge Schweizer Elias Arens spielt neben dem DT-Veteranen Matthias Schweighöfer, „der bei der NVA bei den Panzern war“, die Bielefelderin Susanne Wolff neben Gabi Heinz, deren Vater Langhoff als Intendant des DT nachfolgte.
Das Stück ist dabei keine Lehrstunde in DDR-Alltag, aber es gestattet einen Blick zurück oder vorwärts auf gesellschaftliche Utopien, die über „Dosenpfand, Mülltrennung und Rauchverbot“ hinausweisen, wie Kuttner spottet. In jedem Fall ist es ein Kontrast zu dem, was er „den ,Sonnenallee‘-Guido-Knopp-Mist“ nennt, der die DDR entweder „als einziges Stasi-Freiluftgefängnis, oder bollelustige Nacktbader-Gesellschaft“ zeige.
Jürgen Kuttner, der Radiomoderator und Schöpfer der „Videoschnipsel“-Reihe an der Volksbühne, und Tom Kühnel, der seine Regiekarriere am Frankfurter TAT startete, sind mittlerweile ein eingespieltes Team mit Talent für humorbefeuerte und hochpolitische Collage-Clashs, nicht selten im Verbund mit der Puppenspielerin Suse Wächter. Das Interesse des Duos am Materialkontrast mit gesellschaftlicher Tiefenwirkung war schon bei seiner ersten Zusammenarbeit sichtbar, „Jasagen und Neinsagen“ betitelt. Da schnitten sie Brecht mit dem Handbuch „Rollenspiele in der betrieblichen Praxis“ zusammen, das Führungskräfte das Feuern lehrt. In einer ihrer jüngeren Produktionen, „Mentallica“, ließen sie Egon Monks „Industrielandschaft mit Einzelhändler“ auf eine Dokumentation über die Rockband Metallica bei der Gruppentherapie prallen – und entdeckten in beiden Fällen das unterschwellige Tönen des neoliberalen „Jeder kann es schaffen“-Credos.
Die beiden Theatermacher werden dabei gern als Gegensatzpaar beschrieben, hier der stille intellektuelle Kühnel, dort der energetische, eloquente Kuttner, aber eigentlich benennt Kühnel den Unterschied zwischen ihnen viel prägnanter mit dem trockenen Satz: „Ich liebe das Theater, Jürgen hasst es.“
Ja, präzisiert Kuttner, und zwar weil es viel zu selten als der ernsthafte utopische Ort wahrgenommen werde, der es eigentlich sei: „Da stecken doch zweieinhalbtausend Jahre Geschichte drin, das ist die Agora, in der Bürgerangelegenheiten verhandelt werden – und wenn das nicht passiert, interessiert es mich nicht.“ Recht hat er. Es kann nicht schaden, das Theater ab und zu an seine Bestimmung zu erinnern. Patrick Wildermann
– Kammerspiele: Premiere 4.9., 20 Uhr, auch 10., 11., 17. u. 25.9.








