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Zeitung Heute : Auf großer Fahrt

09.10.2011 16:19 Uhrvon
„Ritter Dene Voss“, das 1986 mitBild vergrößern
„Ritter Dene Voss“, das 1986 mit

Der wahre Schauspieler ist mehr als ein bunter Vogel, der das bereits Gekonnte und Gekannte repetiert und dazu sein Gefieder spreizt. Der wahre Schauspieler ist Reiseleiter, Reiseverführer, Reiseglücksbringer. Gert Voss, der heute 70 wird, ist das wie kein anderer

Irgendwann im Leben gibt es keine Zufälle mehr. So hat Gert Voss, der eigentlich noch Mitglied des Wiener Burgtheaterensembles ist, aber jetzt immer häufiger auch im Berliner Ensemble und an der Schaubühne spielt, zusammen mit seiner Frau erst kürzlich eine Zweitwohnung im Obergeschoss eines Charlottenburger Altbaus bezogen. Sucht man ihn dort auf, dann weist schon im Treppenhaus ein schmaler chinesischer Glücksdrache wie ein goldener Pfeil direkt auf die Voss’sche Tür. Man denkt, ein Erkennungszeichen. Denn der deutsche Meisterspieler, den die internationale Presse wiederholt als „Europas größten Theaterdarsteller“ gefeiert hat, er wurde, an diesem 10. Oktober vor 70 Jahren, in Schanghai geboren.

Der goldene Drache aber gehört nur zum Außenschmuck der Nachbarwohnung, in der wohl ein Asienliebhaber lebt.

Von dieser Liebe scheint auch der Vermieter des Schauspielkünstlers ergriffen zu sein. Voss’ luftiges Berliner Domizil, möbliert, ein Fund aus dem Internet, ist mit persischen Antiquitäten und schönen exotischen Seidenmalereien dekoriert. „Das wirkt anregend, selbst wenn es fremde Sachen sind“, sagt Gert Voss mit sichtlichem Vergnügen. Es passt zu ihm. Die Fremde, die Ferne haben ihn immerzu gelockt. So ist er in Stürmen losgesegelt zu Prosperos Eiland im Weltmeer von Shakespeare, hat die Geistesgipfel von Goethe und Kleist bezwungen, ist noch immer unterwegs in Thomas Bernhards komödiantischen Lebenshöllen, hat Tschechows Paradies der schwermütigen Komiker erforscht und die Planeten im All von Samuel Beckett menschlich besiedelt, spielerisch erobert.

Dieser Tage sind nun seine Memoiren erschienen. „Ich bin kein Papagei“ heißt die von ihm ursprünglich auf Band gesprochene, von seiner Frau Ursula Voss dann aufgeschriebene Lebenserzählung. Will heißen, der wahre Schauspieler ist mehr als ein bunter Vogel, der das bereits Gekonnte und Gekannte repetiert und dazu sein hübsches Gefieder spreizt. Im Untertitel nennt sich das Buch „Eine Theaterreise“. Und tatsächlich sind auch für den Zuschauer die richtig tollen Aufführungen Aufbrüche: Exkursionen in unbekanntes, dunkles Terrain, mindestens in die menschliche Seele, die laut Arthur Schnitzler ein „weites Land“ ist. Der uns nächste und zugleich fernste, unergründlichste Kontinent.

Auf der Theaterfahrt dorthin ist der heute 70-jährige Gert Voss der denkbar vitalste, vor Überraschungen, Entdeckungen sprühende Reiseleiter, Reiseverführer, Reiseglücksbringer. Und kaum hat das Theater mal Pause, in den Sommerferien, dann bricht er mit seiner Frau ins wirkliche Weite auf. Er ist da einem Rat seines großen alten Schauspielerkollegen Thomas Holtzmann gefolgt: „Gert, hat er mir vor vielen Jahren gesagt, um das Theater weiter zu lieben, muss man aus ihm, sobald man kann, sofort abhauen. Ganz weit weg!“ So hat er das Tauchen, das Abtauchen in der Südsee oder im Arabischen Meer gelernt. Gibt es für ihn auch ein Lieblingsland? „Ja, der Oman“, schwärmt Voss, „dort erinnern die Wüste, Gebirge, Oasen und das Meer an meine Kinderträume von Tausendundeine Nacht oder Sindbad, dem Seefahrer.“

Im Moment herrscht einige politische Unruhe in jener Region. Aber diesen Sommer hatte Voss ohnehin nicht frei, er hatte mit der Berliner Schaubühne bei den Salzburger Festspielen in Shakespeares „Maß für Maß“ Premiere und eine Matinee mit Peter Handke, bekam auch einen Preis. Und selbst heute Abend, wenn ihm das Wiener Burgtheater ein Geburtstagsfest gibt, muss er zuvor erst mal den Mephisto im „Faust“ spielen, den der neue Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann inszeniert hat. Danach stellt er am kommenden Sonntag noch sein Buch im Berliner Ensemble vor.

Aber dann steigen die Vossens in ein Flugzeug nach Singapur und reisen von dort auf der „Diamant Princess“, mit der sie früher schon durch den Panama-Kanal geschifft sind, über Hongkong, Südkorea, Nagasaki auch nach Schanghai. „Es wird eine Reise, die ich mit meinen Eltern nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Gegenrichtung gemacht habe.“ Eine Reise zurück an die Anfänge, auch der Spiel- und Verwandlungslust.

Der Vater von Gert Voss lebte als deutscher Kaufmann schon Jahrzehnte in China, ebenso die Großeltern und die Familie seiner Mutter. Obwohl keine Nazis, wurden Vater und Großvater Voss nach 1945 teils von den Amerikanern, teils von den Russen interniert, und Mutter Voss versuchte mit ihren beiden kleinen Söhnen in Schanghai unterzutauchen, verbarg sich dabei tagsüber oft im Dunkel der noch aus der Kolonialzeit stammenden westöstlichen Kinopaläste. Dort sahen sie den „Chinese Tarzan“, und Gert Voss erinnert sich mit seinem phänomenalen Gedächtnis für Bilder, Texte, Spieler auch noch an Douglas Fairbanks, den frühen Hollywoodstar, als „Schwarzer Pirat“ oder „Dieb von Bagdad“, an Charlie Chaplin im „Goldrausch“.

Später, während der monatelangen „Repatriierungs“-Reise auf einem amerikanischen Truppentransporter, die durch die Malayische See, den Indischen Ozean, den Suezkanal und die Straße von Gibraltar bis nach Bremerhaven führte, schlich sich der kleine Voss nachts oft aufs Oberdeck. „Dort war unter den Sternen eine Leinwand gespannt, und ich sah wieder meine Sterne im Film.“ Einmal beobachtete er auch, wie ein Mann im Zwischendeck, wo die Familie Voss mit vielen anderen in Stockbetten schlief, abends sein Gebiss aus dem Mund nahm – und „plötzlich ganz anders aussah“. Wie verwandelt. „So was wollte ich auch können!“

Erwacht war die große Lust, die der Dichter Peter Handke einst in den einzigen Satz des Findlings Kaspar Hauser gefasst hat: „Ich möchte einmal ein solcher werden, wie ein anderer gewesen ist.“

Mit 20, Anfang der 1960er Jahre, hat Voss in Tübingen beim Philosophen Ernst Bloch, beim Rhetoriker Walter Jens, beim Altphilologen und Homer-Übersetzer Wolfgang Schadewaldt studiert. Auf den höchsten Höhen der nachkriegsdeutschen Geisteswissenschaft. Nebenher trat er im Studententheater auf, aber bald wollte er nur noch Schauspieler werden. Auf Umwegen gelangte er so an Ellen Mahlke, eine ehemalige Aktrice des Berliner Schillertheaters, die in München privaten Unterricht erteilte. Als sich der junge Mann bei ihr mit seinem wahren Namen als „Peter Voss“ vorstellte, meinte Frau Mahlke: „Aha, der Millionendieb.“ Da war die gleichnamige Räuberfigur gerade mit O. W. Fischer verfilmt worden. „Wollen Sie nun als Kopie durchs Leben laufen?“ Also nahm Peter Voss seinen zweiten Vornamen an. Wurde Gert.

In seinem Buch erscheint das Leben seitdem vor allem als eine Abfolge von Rollen, Inszenierungen, Theateranekdoten. Klug. Sehr amüsant. Hochsympathisch. Man sieht ihn beim Lesen oft vor sich: schlank aufgeschossen, inzwischen etwas fülliger, das Haar leicht ergraut, aber die hellen Augen jungenhaft, der schalkhafte Blick und sein Lächeln, das privat und auf der Bühne bezaubern kann. Oder, wenn es die Rolle will, einen Tiger das Fürchten lehrt (J.R. Ewing aus „Dallas“ lässt grüßen). Alles da. Und alle Welt ist Bühne, wie es bei Shakespeare heißt. Allerdings erfährt man überraschend wenig über die Welt und die Lebenszeit außerhalb des Theaters, die das Theater doch seinerseits spiegeln, verwandeln will. Auch was die eigene private Existenz angeht, aus der sich seine Energien und Fantasien mitspeisen, bleibt Voss auf dem Papier völlig diskret. Viel erfahren wir über die Triumphe, wenig über die Kämpfe, Kräche, Krisen beispielsweise seiner nun 25 Jahre in Wien.

Nach Wien ist er 1986 mit dem frisch ernannten Burgtheaterdirektor Claus Peymann umgezogen. Die Stadt, auch Österreich musste er sich zusammen mit Peymann und dessen Truppe erst erobern – nach der gemeinsamen Zeit schon in Stuttgart und Bochum, wo er spätestens als Titelheld der bis dahin für schier unspielbar gehaltenen „Hermannsschlacht“ von Kleist zum absoluten Star geworden war. Aus dem fernen Cheruskerfürsten, der die Römer im nebeltrüben Teutoburger Wald besiegt, machte Voss damals in einer der besten Inszenierungen Peymanns einen wunderlich gegenwärtigen Mann, der vom modernen Guerillakampf nicht weniger verstand als vom privaten Liebeskrieg. Und dann Wien, die Schlangengrube der Größenwahnsinnigen oder Neidgeister, vor der Österreichs dramatischer Verwünscher Thomas Bernhard immer gewarnt hatte.

In Wien hat Gert Voss freilich die schönsten Shakespeare-Rollen gespielt und dazu Tschechow, Bernhard und Tabori. Bernhard hat vor allem ihm sein Stück „Ritter, Dene, Voss“ gewidmet, mit dem Regiegenie Peter Zadek hat er als Titelfigur in Tschechows „Ivanow“ den geheimnisvoll klarsten, den unglückselig komischsten, den unergründlich feigsten Frauenhelden, Tagträumer und Nachtmenschen gespielt. Hat als Othello in George Taboris Shakespeare-Inszenierung sich mit tiefer gelegter Stimme und einem Gang, als sei Rilkes stolzer, gefangener Panther ins Wiener Theater ausgebrochen, in einen so abenteuerlichen Außenseiter und unschuldig schuldigen Mörder der eigenen Liebe verwandelt, wie er seit Orson Welles und Laurence Olivier, in dem von Voss bewunderten angelsächsischen Schauspielertheater, wohl nie mehr zu sehen war.

Inzwischen pendelt er zwischen Wien und Berlin, zusammen mit Ursula Voss. Sie ist bei all seinen Vorstellungen anwesend, sie machen fast jeden Schritt auf der großen Theater- und Lebensreise gemeinsam: der Großkünstler und die Dramaturgin, Übersetzerin, promovierte Theaterwissenschaftlerin, eine humorvoll kluge, warmherzige Frau. Voss ist das Zentrum, doch kein Egozentrum, und er nennt seine lebenslange Liebe nun in der Widmung des gemeinsamen Buchs mit offener Zärtlichkeit „Violinchen“.

Ihre Tochter Grischka, die gegen den Wunsch der Eltern Schauspielerin geworden ist, leitet in Wien mit wenig Geld und viel Geschick ein eigenes Off-Theater (worauf die Eltern inzwischen sehr stolz sind). Wien, das ist für Voss jetzt Familie, die ruhmreiche Vergangenheit und auch Gegenwart, aber wo die Zukunft liegt, ist noch offen. Am Berliner Ensemble und am Burgtheater spielt er wechselweise in Claus Peymanns Inszenierung Thomas Bernhards „Einfach kompliziert“. Spielt umjubelt die tragische Komik eines alten Schauspielers, der in einer Absteige von seinen einstmaligen Shakespeare-Königsrollen träumt.

Eine Shakespeare- Bombenrolle, den Herzog einer imaginären Stadt Wien, hat Gert Voss nun gleichfalls in Berlin. An der Schaubühne in Thomas Ostermeiers „Maß für Maß“-Inszenierung ist dieser Voss’sche Herzog ein Monster mit ungeheuer aasigem Charme. Ein Fürst der Moral und Staatsräson, aber zugleich ein teuflisch himmlischer Intrigenspieler, Strippenzieher: Diktator und Regisseur des Abends in einem. Das hat viel mit Gert Voss’ eigenen Erfahrungen zu tun. Er war als Schauspieler zwar ein Liebling der Regiegötter Peter Zadek, Claus Peymann, Peter Stein, George Tabori, Luc Bondy. Doch außer dem weisen, wunderbaren Tabori waren das nicht immer Menschenfreunde, es gab, selbst im Verhältnis zu ihrem Favoriten Voss, Kämpfe, Indiskretionen, Intrigen zuhauf. Bis zum Herzanfall, bis zu einem zerschmetterten Bein bei einem Theaterunfall, hinter dem keine Absicht, wohl aber höhere Fahrlässigkeit steckte.

Über all das schweigt Gert Voss in seinem Buch sehr nobel. Er sucht Harmonie, hat sich nach allerlei öffentlichem Streit wieder ganz mit dem Egoshooter Peymann versöhnt. Im Gespräch meint er einmal, „ich bin manchmal ein feiger Mensch“. Doch selbst ein Star bleibt als Schauspieler abhängig von seinen Regisseuren. Und nicht alle Jüngeren trauen sich an einen wie Voss. Thomas Ostermeier von der Schaubühne hat sich getraut, und dafür ist Voss ihm dankbar.

Ein feiger Mensch? Im Theater, im Film oder Fernsehen hat er künstlerisch keine Kompromisse gemacht, hat bei schlechten Drehbüchern oft abgesagt. Einmal, da hat er in einer internationalen TV-Produktion über das Leben des französischen Romanciers Balzac, gespielt von Gérard Depardieu, dessen Schriftstellerkollegen Victor Hugo gegeben. Als Balzac stirbt, steht er mit dessen Mutter (Jeanne Moreau) am Totenbett. Depardieu, ein Liebhaber kräftiger Weine und derber Scherze, alberte dabei rum, kaum war die Kamera nicht auf ihm. Die Moreau aber beschwerte sich, so könne sie sich nicht als Trauernde konzentrieren. Darauf sprang Depardieu aus den Kissen und legte eine Zange aufs Bett. Moreau und Voss sollten, wenn das Bett nicht im Bild sei, doch einfach die Zange betrauern.

Für Gert Voss, der dazu bübisch grinst und die Szene mit Gebärden und Stimmfärbungen bei chinesischem Tee fabelhaft nachspielt, ist das eine herrliche Anekdote über Kollegen mit eher lockerer Berufsmoral. Er selber verkörpert ein preußisches Arbeitsethos, das haben sie auch in Wien verstanden. Als jedoch beim „Balzac“-Film später ein Dreh im tschechischen Karlsbad durch die Volltrunkenheit des Titelhelden geschmissen wurde, rief Voss seine Agentin Erna Baumbauer in München an und klagte ihr wütend, er sitze nur im Hotel herum und sei „für solchen Scheiß nicht Schauspieler geworden“. Frau Baumbauer, eine mittlerweile verstorbene Legende der deutschen Film- und Theaterbranche, antwortete ihm: „Gert, schreiben Sie sich jeden Morgen Ihre Gage auf den Badezimmerspiegel. Das beruhigt das Gewissen!“

Demnächst verschreibt er im Kino den anderen die Beruhigungspillen. In Helmut Dietls neuem Film „Zettl“, einer späten Fortsetzung von Dietls „Kir Royal“, nunmehr mit dem Klatschreporter Zettl alias Bully Herbig in der Berliner Hauptstadtgesellschaft angesiedelt, ist Gert Voss ein Society-Arzt mit politischem Hintergrund. Neben Herbig und ihm spielen auch Senta Berger, Harald Schmidt, Ulrich Tukur, Dagmar Manzel und Götz George. Die Handlung ist noch geheim. Aber bei Voss’ Prof. Dr. Sikrider, einem Secret Rider, sind auch der Bundeskanzler und die Regierende Bürgermeisterin Patienten. Ein Stück Zukunftsmusik?

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