Zeitung Heute : Auf Hexenjagd

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Anders als KörperRudimente treten so genannte Atavismen (lat. „Urahn“) nicht bei allen Einzelwesen einer Art auf, sondern nur sporadisch. Sie sind quasi Rückfälle in eine stammesgeschichtlich ältere Zeit. Hier einige Beispiele:

Schnelldurchlauf im Mutterleib: Ein heranwachsendes Kind in der Gebärmutter durchläuft die Stammesgeschichte quasi im Zeitraffer - allerdings nur eingeschränkt und mit vielen Ausnahmen. In den ersten Wochen ähneln sich die Embryos vieler, auch sehr unterschiedlicher Tiere, stark. Im sechsten Monat bedeckt ein fellartiges, dünnes Haarkleid den Fötus; später geht es wieder verloren. Dass manche Menschen mit vollem, bis zu zehn Zentimeter langem Haarkleid geboren werden, muss kein Atavismus sein. Es kann sich auch um eine seltene Erbkrankheit handeln (Hypertrichosis).

Milchleiste: Bei Säugetieren liegen die Zitzen oder Brustwarzen entlang zweier Milchleisten. Bei menschlichen Embryos entwickeln sich diese im Mutterleib ebenfalls, und zwar bei männlichen wie weiblichen. Üblicherweise bilden sich die Reste der Milchleiste bereits im Mutterleib im dritten Schwangerschaftsmonat zurück - bis auf zwei Brustwarzen bei künftigen Frauen. Das klappt indes nicht immer, so dass manche Mädchen, noch viel seltener auch Jungen, mit überzähligen Brustwarzen geboren werden, die wie Muttermale aussehen. Sie sitzen an den Milchleisten, die von der Achsel in die Leistenregion hinunterziehen. Früher galt dieses Merkmal als teuflisch, betroffene Frauen wurden als Hexen verfolgt.

Handgreif-Reflex: Ein heute weitgehend unnützer Reflex ist das unbewusst und automatisch ablaufende Zupacken des Säuglings, sobald man die Handinnenfläche beispielsweise mit dem Finger berührt. Dieser so genannte Klammerreflex verschwindet mit der Zeit und ist ein Atavismus des Verhaltens. Er stammt aus einer Zeit, als die Vormenschen noch dichtes Fell trugen, an das sich die Säuglinge festkrallen konnten, um nicht zu Boden oder gar vom Baum herab zu fallen - wie Affenkinder heute auch noch.

Baby-Schwänzchen: Menschliche Embryos haben anfangs - wie andere Säugetiere auch - einen deutlichen, aber wirbellosen Schwanz, der sich später zurückbildet und etwa in der siebten Woche nur noch einen kleinen Steißhöcker bildet. Manche Säuglinge werden aber mit einem Schwänzchen geboren, das nicht rechtzeitig verkümmert ist. Es wird gleich nach der Geburt abgezwackt.

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