Zeitung Heute : Auf Pferde wetten

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Mein Basler Kumpel R. ist sehr tierlieb. Seine Wohnung hat er jahrelang mit einem Wellensittich geteilt. Als er mich neulich in Berlin besuchte, war ich auf Hamsterkäufe in Zoohandlungen eingestellt. Doch R. wollte zum Pferderennen.

R. hat sich zu einem Zocker gemausert! Er wettet beim Hunderennen, zum Pferderennen geht er regelmäßig. Ja, er besucht gar das Spielkasino. Hauptsache, er kann sein Geld verspielen!

„Hier Pferd die BSR“ war auf einem orangefarbenen Auto zu lesen, das seine Runden drehte, und Wasser auf die Trabrennbahn in Mariendorf spritzte. Wozu? Damit den Pferden die Hufe nicht zu heiß werden? Überhaupt: Ich dachte, bei solchen Anlässen wird geritten. Doch die Athleten verwenden eine Art Rollstuhl, der hinten am Pferd befestigt wird.

Das Wetten selbst ist eine Wissenschaft. Auf welches Tier soll man setzen? Sie sehen ja alle sehr ähnlich aus, diese Pferde. Einen ersten Anhaltspunkt bietet der Name: „Rinaldo“ schien mir viel versprechend; schließlich war Ronaldo mal ein guter Fußballer. Doch dann entdeckten wir einen Hengst namens „Akademiker“. Klar haben wir auf den gesetzt!

Als die Tiere lostrabten, kippte R. mir vor Aufregung sein Bier über den Schoß. Schon näherten sich die Pferde dem Ziel. Nur „Akademiker“ nicht. Wahrscheinlich hat der unterwegs noch seine Habilitation verfasst.

Ein Glück, dass alle paar Minuten ein Rennen stattfand. Wir wetteten und wetteten, und R. bezahlte und bezahlte. „Man muss auf die Quote achten“, sagte er. Neben der Startnummer des Pferdes erscheint eine weitere Zahl auf der Anzeigetafel. Je höher die ist, desto mehr Geld gewinnt man, wenn das entsprechende Pferd siegt. Nur, je höher diese Quote ist, desto unwahrscheinlicher ist es eben auch, dass das Pferd etwas taugt. Man muss dialektisch denken können beim Pferdewetten.

Nach Stunden hatten wir den Bogen raus: Einer unserer Favoriten schaffte es aufs Siegerpodest! Stolz trabten wir zum Wettschalter, wo wir fünf Euro und 50 Cents ausbezahlt bekamen. Ich glaube, R. und ich werden es noch weit bringen.

Nächster Renntag: Sonntag, ab 13 Uhr, Trabrennbahn Mariendorf, Mariendorfer Damm 222-298. Internet: www.berlintrab.de

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