Zeitung Heute : Auf Recht und Gewissen Jelena Hoffmann will gegen Neuwahlen klagen

Armin Lehmann

Jelena Hoffmann kneift nicht. Niemals. Sie ist eine resolute Frau, sie hat gelernt zu kämpfen. In Moskau als Frau in einem Männerberuf, in Chemnitz in einer Partei, die sie nicht wollte. Und jetzt kämpft sie in Berlin gegen Unehrlichkeit im Parlament und dafür, dass der Kanzler nicht einfach „basta“ sagen darf. Dafür, dass es „doch normal sein muss, ihm widersprechen zu dürfen“. Der Kampf tut ihr weh. Er ist ihr Abschied aus der Bundespolitik.

Wenn der Bundespräsident Neuwahlen ausschreibt, wird die SPD-Abgeordnete Jelena Hoffmann, wie ihr Grünen-Kollege Werner Schulz, nach Karlsruhe ziehen. „Und wenn das Bundesverfassungsgericht mir sagt, ich bin blöde, dann bin ich das wohl“, sagt sie und blinzelt über ihre Brille. 58 Jahre alt ist Jelena Hoffmann, 1975 kam die Diplomingenieurin ihrem Mann zuliebe von Moskau nach Chemnitz, seit 1994 sitzt sie im Bundestag. Nochmals kandidieren will sie nicht. Das stand schon lange fest.

Sie ist die einzige Abgeordnete im Bundestag, die aus Russland stammt, sie hat zweimal ihr Mandat „im schwarzen Sachsen direkt gewonnen“; die Menschen mögen ihre Direktheit. Und jetzt, nach elf Jahren im Parlament, versteht sie ihre Partei nicht mehr. Nicht den Gerhard, nicht den Franz. Sie hält Schröders Weg, diese Neuwahlen zu erreichen, für „unecht“. Sie glaubt nicht, dass sie in Karlsruhe gewinnt, aber sie verspricht sich Bestätigung. „Die sollen den Weg kritisieren, sollen der Politik Auflagen abverlangen.“ Sie sollen es Politikern künftig schwerer machen, solche Tricks zu gebrauchen. Wenigstens das – es wäre dann auch ihr Erbe.

Jelena Hoffmann bemüht sich um Gelassenheit, sie achtet darauf, keine Schimpfwörter zu benutzen, weil in einer Zeitung stand, sie sage ständig „Scheiße“. Jelena Hoffmann will gefasst sein auf all das, was ihr noch bevorsteht. Ihre Daumen aber kneten die verschlossenen Hände. Es brodelt in ihr. Anspannung, Wut, manchmal Unsicherheit. Sie fragt sich dann: „Machst du es richtig?“ Und sie antwortet immer mit Ja. Noch nie stand Jelena Hoffmann so im Mittelpunkt des Interesses. Noch nie stand sie so isoliert von ihrer Fraktion. Der politische Kampf ist ungerecht.

Zu Hause in Chemnitz habe man ihr schon oft zugeflüstert, „man will dich nicht“. Die eigene Partei dort, „junge Leute, haben mich gemobbt und mir zu verstehen gegeben, dass sie für mich keine politische Zukunft sehen“. Vor der Wahl 1998 hat einer aus Chemnitz zu ihr gesagt, er sei gegen ihre Kandidatur wegen ihres Akzents. In der Bundestagsfraktion haben sie Hoffmann hinter vorgehaltener Hand ausgelacht, weil sie sich für die alte Rechtschreibung eingesetzt hat. Die Fraktion sieht sie als Außenseiterin, als eine, die spontan reagiert, statt sich an die Parteilinie zu halten.

Hoffmann kennt die Urteile über sie, aber sie akzeptiert sie nicht. Sie fragt lieber zurück, ob es nicht falsch sei, die Vertrauensfrage nicht als Gewissensfrage zu deuten? Man muss wissen, dass ein Abgeordneter natürlich nur seinem Gewissen verpflichtet ist, dass es aber auch so etwas wie Fraktionszwang gibt. Die politischen Akteure sprechen dann gerne statt von Gewissensfragen lieber von Disziplinfragen. Hartz IV war so ein Fall, findet Hoffmann. Sie hielt Hartz IV in Teilen für falsch, aber da war ihr die Disziplin für das höhere Ziel wichtiger als die persönliche Meinung.

Bei der Frage nach Neuwahlen ist das anders. Seit der Fraktionssitzung vor der Abstimmung im Bundestag ist Jelena Hoffmann hin- und hergerissen zwischen persönlicher Überzeugung und dieser Parteidisziplin. „Franz, wie kann ich dem Kanzler das Vertrauen entziehen, wenn ich ihm doch vertraue?“, hat sie Parteichef Müntefering gefragt. „Weil es keinen anderen Weg gibt“, hat der geantwortet und sie im politischen Nebel zurückgelassen.

Jelena Hoffmann sieht das Parlament als Spiegelbild der Gesellschaft. „Wir sind bequem geworden, haben unsere Courage verloren.“ Sie versteht nicht, warum nicht mehr Kollegen in Karlsruhe klagen.

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