Zeitung Heute : Auf rohen Eiern durch die Welt

„Ich hoffe, dass ich Sie diesen Monat nicht wiedersehen muss“, sagt Joschka Fischer zum Abschied zur New Yorker Presse. Der Mann leidet. Keiner verkörpert das deutsche Dilemma in der Irak-Frage stärker als der Außenminister. Er schweigt und versucht seine Freiräume zu vergrößern.

Robert von Rimscha[New York]

Von Robert von Rimscha,

New York

Heute trifft er den Papst. Gestern hat Joschka Fischer mit Italiens Politik konferiert. Vorgestern sprach er mit der Welt, bei den Vereinten Nationen in New York. So sieht das Drehbuch aus. Wer der Autor sein mag, ist nicht einfach festzustellen, „die Politik“ vielleicht oder „die Weltgeschichte“. Jedenfalls ist die Rolle des deutschen Außenministers mit Joschka Fischer besetzt. Und wie das bei Drehbüchern so ist: Den Akteuren werden gewisse Spielräume gelassen, festgelegte, begrenzte Freiheiten im Umgang mit dem, was vorgegeben ist.

Das aktuelle Drehbuch gibt die Folge „Irak“ vor. Kein leichtes Thema für die deutsche Außenpolitik. Die Pflöcke sind eingerammt, und so stellt sich die Frage, was an Freiräumen bleibt. Für einen wie Fischer. Man muss doch annehmen, dass er zwischen deutschem Nein, europäischem Wunsch-Konsens und transatlantischer Minimalbelastung, wenn man die Ziele Berlins einmal so zusammenfasst, in einen Schlingerkurs verfällt. Geht ein deutscher Außenminister, der als Präsident des Sicherheitsrates einen Monat lang formal die Weltgeschicke lenkt, wie auf rohen Eiern? Wo also ist der Fischer, der das deutsche Dilemma lebt?

Genervte Frager

Nach der Sitzung des Sicherheitsrates tritt der Präsident, also jetzt Fischer, wie üblich vor ein paar Mikrofone, die zwischen Flaggenreihen und vor einem UN-Emblem an der Rückwand des Sitzungssaals stehen. Fischer wiederholt ein paar Kernsätze seiner Rede und soll sich dann erklären. Die Welt, vor allem die amerikanische, will wissen, ob sich Fischers Meinung nach der Irak denn nun im Zustand des „material breach“, also der Verletzung der Resolution 1441, befinde. Fischer antwortet, dies müssten die Inspekteure klären. Ein Amerikaner ruft eine Nachfrage in die Flaggen: Hat Colin Powell ihn denn überzeugt, dass Inspektionen sinnlos sind? Fischer beharrt: 1441 gelte „ohne Wenn und Aber“, aber solle eben auch „ohne Militäraktion“ umgesetzt werden. Die Amerikaner sind genervt. Noch ein Versuch: Glaubt Fischer, was Powell gesagt hat? „Die Experten müssen das jetzt prüfen“, sagt der deutsche Minister. Ein US-Journalist schreit zu ihm herüber: „Aber das ist doch eine politische Frage!“ Fischer will nicht.

In den Gängen und Gewinden des UN-Gebäudes flüchtet er sich einen Stock höher, wo die deutsche Presse Auskunft verlangt. Das Spiel bleibt das gleiche. Er habe seine UN-Rede mit der Aufforderung geschlossen, der Irak müsse unverzüglich mit den Inspekteuren kooperieren. Fehle da nicht das „Andernfalls…“?, wird Fischer gefragt. Der findet den Schalk in sich: „Sie haben ja zu Recht gesagt: Das Statement endet da!“

Fischer will nicht über die nächste Seite des Drehbuchs reden. Er signalisiert körperlich so viel an Widerwillen, wie er signalisieren darf, ohne unhöflich zu erscheinen, er lehnt sich weit im Stuhl zurück, verschränkt die Arme eng vor der Brust. Nein, über das, was wohl kommt, will er nicht sprechen. Jetzt wird er gefragt, ob die Kernbotschaft Powells denn nicht gewesen sei, dass Inspektionen keinen Sinn machen, wenn ein Regime sie planmäßig untergräbt. Und wenn er mit Frankreich nun eine massive Ausweitung der Suchtrupps propagiert, sagt er damit nicht, dass Powell falsch liegt? Nein, das sei eine extreme Verkürzung dessen, was sein US-Kollege gesagt habe, wenn man den auf das Motto „Inspektionen machen keinen Sinn“ bringe. Überhaupt, Powell habe die Inspekteure gar nicht angegriffen!Hat auch niemand behauptet.

Auf dem Weiterflug nach Rom hat Fischer den Anzug abgelegt und ist in Jeans und Pullover geschlüpft. Das muss er machen, denn die gut sieben Stunden von New York nach Rom dienen auch zum Erholen und Schlafen. So brutal ist der Drehbuch-Autor zu seinem Protagonisten. Äußerlich entspannt tut Fischer also, was Politiker meist tun, wenn sie unterwegs sind. Sie erklären sich. Das geschieht „unter drei“, was bedeutet, dass man nichts von dem, was sie sagen, verwenden darf. Fischer allerdings spricht nicht „unter drei“, er schweigt „unter drei“. Man kann nichts ausplaudern, wenn der Großdenker stets nur „nö“, „vielleicht“, „ach!“ oder „das ist geheim“ sagt. Selbst diese Worte ringt er sich ab, nach langem, langem Schweigen, wenn er sich erst an Kinn und Nase und dann hinter dem linken Ohr kratzt, wenn die Sichel-Brauen zigmal hoch- und wieder herabgewandert sind auf der gramzerfurchten Stirn.

Fischers ständiges Umfeld diagnostiziert, der Chef habe düstere Vorahnungen, sinniere über unheilschwangere Szenarien, versuche, sich in apokalyptischen Gemälden zurechtzufinden. Man darf unterstellen, dass Fischer großes Verständnis für die wachsende Zahl grüner Spitzenrepräsentanten hat, die eine größere Flexibilität der deutschen Irak-Position anmahnen. Wenn die fünf Ständigen in New York sich am Ende auf etwas einigen sollten, was nur als Kriegslegitimation verstanden werden kann, ist es dann wirklich denkbar, dass Berlin am Rande steht?

Vergebliche Schwüre

Außenpolitisch hängt viel an Frankreich, das beim letzten Golfkrieg nach langer Opposition doch auf US-Kurs einschwenkte. Wiederholt sich dieses Spiel? Dehnt Fischer selbst die Freiräume, die er hat, behutsam aus, wenn er ganz allmählich das rhetorische Gewicht von der Friedensbewahrung hinüber schiebt zu der Forderung an Bagdad, dort müsse jetzt sofort und völlig kooperiert werden, und allein dort liege nun der Ball, den alle spielen? Fischer leidet und versucht, es so wenig wie möglich sichtbar zu machen. Vielleicht leidet er auch an seinem Chef, dem Kanzler, dessen Wirken zu kommentieren er strikt ablehnt, auch wenn heilige Schwüre der Verschwiegenheit ihm etwas entlocken sollen.

Sehr offen ging es bei dem Essen zu, das Fischer nach der Sicherheitsrats-Sitzung für dessen Mitglieder gab. Drei Gänge wurden gereicht, als Hauptspeise Meeresfrüchte, das hatte Fischer sich ausgesucht. Hinter verschlossenen Türen saßen alle 15 zusammen. Der Iraker, der zuvor auf Powell hatte reagieren dürfen, hatte in diesem Kreis nichts verloren. Zuvor, draußen, in der offenen Sitzung, hatte sich an der Meinungsverteilung nichts geändert. Vier Staaten sehen Gewalt als unausweichlich, schon um die Glaubwürdigkeit der UN und ihrer Beschlüsse zu retten: die USA, Großbritannien, Spanien und Bulgarien. Die anderen elf erklärten beinahe unisono, Powells Belege seien als Aufforderung zu verstehen, die Inspektionen zu verstärken; noch sei der Friede nicht verloren. Und die Berliner waren bemüht, einen solchen Kurs als aktive UN-Politik zu verkaufen, also als das Gegenteil des von den USA befürchteten Kotaus vor dem Diktator.

Beim Essen also wurden die Weichen für das künftige Einknicken der elf Uneinsichtigen gestellt, das natürlich nicht als Einknicken erscheinen darf. Der Fortgang der Folge „Irak“ scheint damit geschrieben. Es gibt eine Galgenfrist für Saddam. Die Chefinspekteure Blix und al Baradei müssen sagen, was Powell am Mittwoch sagte. Und dann könnte das Umfallen offiziell beginnen. Zuvor fahren sie am Wochenende nach Bagdad. Am 14. Februar berichten sie erneut im Sicherheitsrat, wo sie am Mittwoch nur stumme Zeugen in der ersten Reihe hinter Kofi Annan waren.

Fischer selbst sagte in seiner Rede, ein positives Ergebnis der Bagdadreise beider Chefinspekteure sei von „sehr großer Bedeutung“. So stand es zumindest in seinem deutschen Redetext. Da Fischer aber auf Englisch sprach, hörte es sich etwas anders an. Ein erfolgreiches Ergebnis der Mission, also der fundierte und durch Fakten erhärtete Eindruck, jetzt kooperiere Saddam wirklich, sei von „paramount importance“ – von „überragender Bedeutung“. „Überragend“ ist mehr als „sehr groß“. Auf dem Weg nach Rom versuchten Fischers Leute aus dem Auswärtigen Amt, aus dem „überragend“ wieder ein „sehr groß“ zu machen: bloß keine Festlegung, bloß kein Automatismus, bloß nicht zu viel präjudizieren.

Heute spricht Fischer also mit dem Papst. Der wird ihm auch kaum helfen können. Deutschlands Außenpolitik sucht, wie es weitergehen kann. Nach dem Essen in New York verabschiedete sich Colin Powell auf Französisch: Bon voyage! Das galt den Chefinspekteuren, war aber auch eine Ermunterung an die Welt. Fischer verabschiedete sich mit einem abwehrenden Hinweis auf das, was wohl als Nächstes im Drehbuch steht. „Ich hoffe, dass ich Sie diesen Monat nicht wiedersehen muss!“, rief der Präsident des Sicherheitsrats der New Yorker Presse zu.

Die Last ist offenkundig schwer. Oder war es nur ein Scherz?

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