Zeitung Heute : Auf Stelzen direkt zum Hafen

RALF SÜDHOFF

In Hamburg ist eine Stadtrundfahrt problemlos mit der U-Bahn möglichVON RALF SÜDHOFF

Stadtrundfahrten sind nicht jedermanns Sache.Doch wer das erste Mal in eine Großstadt kommt, sollte sich auf diese Weise einen Überblick verschaffen.In Hamburg ist das preiswert und unterhaltsam zugleich möglich. "Ein eigenartiges Gefühl, als sich die eleganten Wagen ­ die zweite Klasse hat Lederpolster, die dritte Mahagonisitze ­ zum ersten Mal in Bewegung setzen.Bei starken Senkungen und größeren Hebungen des Terrains empfindet man wohl eine seltsam gleitende Vorwärtsbewegung, aber sie wird nicht unangenehm." 85 Jahre nach der Reportage des "Hamburg Correspondenten" sind die Sitze ein bißchen bescheidener, doch die "größeren Hebungen" auf der Hamburger Ringlinie kein bißchen flacher geworden. Am Hamburger Rathaus brachen einst im Februar 1912 die Herren in Zylinder und Gehrock zur Jungfernfahrt der ersten U-Bahn auf, die zunächst nur bis Barmbek führte.Ein halbes Jahr später, am 29.Juni 1912, wurde der Ring rund um die Alster geschlossen ­ und wurde zum Geheimtip aller Hamburg-Besucher.Denn keine Stadtrundfahrt in der Hafenmetropole ist schöner und billiger. Majestätisches Viadukt Eingehüllt in das Aschgrau des Tunnels legt sich der Zug in eine scharfe Rechtskurve.Gleich scheint er stehenzubleiben.Doch plötzlich ward es Licht: Aus Grau wird strahlendes Blau.Mit neuem Schwung scheint es nun direkt hinein in den wolkenlosen Himmel zu gehen.Immer höher schiebt sich der Zug auf der Rampe, bis zehn, zwölf Meter über der Erde endlich die erste Etappe geschafft ist: "Rödingsmarkt".Fast möchte man sich den Schweiß von der Stirn wischen, stellvertretend für die Bahn. Doch dazu bleibt gar keine Zeit: Schon geht der Zug ab, auf dem eisernen, fast majestätischen Viadukt über all die hektischen Passanten und schnellen Autos hinweg und mitten in die Geschichte hinein: Links der rußgeschwärzte Turm der Kirchen-Ruine St.Nikolai, erst Opfer des vier Tage anhaltenden "Großen Brandes" von 1842, dann im zweiten Weltkrieg willkommener Orientierungspunkt für die alliierten Bomber.Dagegen rechts der strahlende Michel: Mit frisch gedecktem Kupferdach, deshalb momentan noch ohne grüne Patina. Jetzt kommt die Bahn in Fahrt: Schnurgerade rattert sie auf hohen Stelzen direkt zum Hafen.Wo die Barkassen über die unruhige Elbe schippern, wo die Pontons mit Flut und Ebbe auf und nieder schaukeln und die Wellen an den alten Kontorhäusern der Speicherstadt ihre moosfarbene Marke hinterlassen.Teppiche und Kaffee, Gewürze und Tee werden noch immer hinter der Backstein-Fassade gelagert. Im "Designer-Knast" klappern die Tasten: Am Baumwall läßt sich genüßlich den Schreibern von "Stern" und "Brigitte", von "Geo" und "Gala" auf die Finger schauen.Hier baute sich Gruner & Jahr seinen bespöttelten und bewunderten silber-grünen Blechtempel mit elektronisch gesteuerten Sonnenblenden, Rundum-Balkonen, Türmchen wie Schiffsschornsteinen und eigenem Zugang zur Station "Baumwall"."Freihafen des Geistes", so nannte sich die heutige Heimat von "Zeit", "Spiegel" und "Woche" schon im 19.Jahrhundert gern selbst. Und dieser Freihafen ist bald wichtiger für die deutsche Medienhauptstadt als der echte gegenüber: Wie von Geisterhand gezogen drehen sich die Kräne am anderen, menschenleeren Ufer der Elbe und räumen binnen Stunden vollautomatisch die Bäuche der Containerriesen leer.Dabei war es einst der boomende Hafen, der sich auf die wenig besiedelte Südseite der Elbe ausdehnte und so in der Handelsmetropole besonders früh Arbeiten und Wohnen trennte.So brauchte man bald eine U-Bahn, um der Verkehrsprobleme Herr zu werden.Heute ragen an der Überseebrücke neben der Hochbahn nur noch die Masten des Schiffsmuseums "Rickmer Rickmers" in den Himmel.An den Landungsbrücken, dem stattlichen Bau mit den steinernen Türmen, landen vorwiegend die kleinen Barkassen der "Grrroßen Hafenrundfahrt!", die alle paar Meter angepriesen wird.Und auch der erste Elbtunnel bietet eher nostalgisches Flair: Brachten die ratternd abtauchenden Fahrkörbe einst die Arbeiter von Blohm & Voss auf den Weg zur Werft in die Tiefe, sind sie heute vor allem Schmankerl für Touristen. Scharf nach rechts biegt die Bahn nun ab, auf nach Norden, bevor die Häuser der Hafenstraße in Sichtweite geraten! Die machen seit ihrer Privatisierung zwar keine Schlagzeilen mehr, stören aber empfindlich die geplante "Perlenkette" aus Hotels und Büros an der Elbe, die wohl um die bunten Häuser herum aufgezogen werden muß. Tief, tief in den Untergrund geht es nun, in sicherer Entfernung von St.Pauli und Reeperbahn, von Mafia, Sex-Shops und Bordellen."Sternschanze" verkündet die plötzlich besonders steril klingende Stimme vom Band den Halt im Viertel der Studenten und der Dealer, der türkischen Gemüsehändler und der Autonomen in der "Roten Flora". Erst am "Schlump" traut sich die Bahn langsam wieder ins Freie, zockelt hoch an den Eckpfeilern einer der unzähligen Brüêken, vorbei an massiven Steinquadern mit eingefrästen Ornamenten.Bald hat die noch wärmende Sonne wieder die kühle Tunnelluft vertrieben. Direkt über den Isemarkt hinweg, dessen bunte Stände sich genau unter dem mal steinernen, mal eisernen Viadukt aufreihen, geht es jetzt ostwärts, hinein ins bürgerliche Eppendorf: Zwischen den weißen Fassaden der Gründerzeit, den bereits verfärbten Baumkronen der Kastanien, den blumengeschmückten Balkons hindurch, entlang der Sonnenjalousien und der verzierten Giebel.In den Cafés an den Alsterfleeten wird bis zum letzten Sonnenstrahl geschlemmt, während sich Paddler und Tretbootfahrer um die Wette abstrampeln.Die wunderbar indiskrete Perspektive des U-Bahn-Fensters gibt den Blick frei auf die säuberlich geharkten Hintergärten der Villen am Fleet mit gepflegtem Steg und eigenem Ausflugsboot.Wer durch das grüne Eppendorf fährt, der ahnt, warum Hamburg das höchste Pro-Kopf-Einkommen in ganz Europa hat. Bodenständige Bautradition Das rote Barmbek naht! Und damit rechts die viel gerühmte Jarrestadt, mit ihren schönen, schlichten Würfelbauten.Glatter, dunkelroter Backstein, nur unterbrochen von den kleinen, weißen Sprossenfenstern ­ fast eine Erholung für die Augen.Ende der 20er Jahre bauten zumeist Gewerkschaften und Genossenschaften die Arbeiterhäuser, die für manchen "Avantgarde-Architektur mit bodenständiger Bautradition" verbanden.Kurz nach ihrer Fertigstellung wurden sie unter Denkmalschutz gestellt. 85 Prozent der Barmbeker Gebäude waren bei Kriegsende zerstört.Weiter südlich sah es nicht viel besser aus: In Mundsburg etwa, wo die U-Bahnstation von Grund auf restauriert wurde.Der große, fast einem Landsitz ähnelnde Backsteinbau, durchsetzt von hellgrauen Steinen und gelblichen Mettlacherkacheln, fordert zum Aussteigen heraus.Und entschädigt für die drei Mundsburg-Türme und das klobige Einkaufszentrum "Hamburger Straße" im Siebziger-Jahre-Outfit. Doch zum Aussteigen bleibt kaum Zeit.Immer schneller geht es nun südwärts.Noch eine letzte eiserne Brücke, quer über den Kuhmühlenteich hinweg, an den Uhlenhorster Villen vorbei ­ und hinunter ins Tunnelgrau bis zum Hauptbahnhof, dem schönen, alten Bahnhofsgebäude mit seinem kleinen Big-Ben-Türmchen.Unter der bewachten "Wandelhalle" hindurch, in die Junkies und Alkoholiker nicht hineindürfen, und der Einkaufsmeile Mönckebergstraße mit dem größten Karstadt Deutschlands, bis hin zum Rathaus zurück, wo damals die erste U-Bahn ihre abenteuerliche Jungfernfahrt begann.Die Lösungspostkarte bitte an: Tagesspiegel, Reiseredaktion, Potsdamer Straße 87, 10785 Berlin.Einsendeschluß ist Dienstag, der 30.9.1997 (Poststempel zählt).Der Gewinner der Mini-Kreuzfahrt wird am kommenden Sonnabend gegen 9 Uhr 45 von SFB 4 MultiKulti während der Reisesendung und am Sonntag an dieser Stelle bekanntgegeben.Die Termine für die Jazz-Wochenenden stehen fest.Umtausch oder Barabgeltung sind nicht möglich. Die in der vergangenen Woche von British Regional Airlines in Zusammenarbeit mit British Rail und der British Tourist Authority gestiftete Reise nach Nordengland hat Sandra Grosser aus 10715 Berlin gewonnen.Die richtigen Lösungen: 1.Eboracum, 2.Queen Victoria, 3.Mathew Street, 4.Friedrich Engels, 5.c) stammt von Abraham Lincoln. TIPS FÜR HAMBURG [

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