Zeitung Heute : Auf Teppich tanzen

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Christine Lang

WAS MACHEN WIR KARFREITAG?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Zu Anfang ein Lob. Es geht um den schönsten Club, den die Stadt derzeit zu bieten hat, den Apollo Club in der Staatsoper. Riesig ist der. Und luxuriös. Der goldfarbene, von Säulen umrahmte Saal bietet genug Platz für alle Clubgänger Berlins zusammen. In dieser Stadt ist das schon eine Ausnahme – und eigentlich könnte man daraus so heftig Profit schlagen, dass die Gäste vor Überfüllung nicht mehr sehen, wohin sie tanzen. Aber: Damit die Atmosphäre erhalten bleibt, lassen die Veranstalter bei den neuerdings hier veranstalteten Events nur 500 Gäste rein. Die Glücklichen, die am vergangenen Samstag im Bucovina Club zu Gast waren, hatten also reichlich Ellbogenfreiheit, selbst die Bühne durften sie auf Einladung des DJs zur Tanzfläche umfunktionieren. Und zu Shantels Balkansounds und seinen Gesangseinlagen tanzten immer 90 Prozent der Anwesenden – paradiesisch geradezu für einen DJ.

Aber bekanntermaßen weiß man in Berlin ja auch in überhaupt nicht schönen Räumen zu feiern. Die Clubmacher entdecken gerne schrappelig-originelle Räume für Partys – in abgeranzten Wohnungen oder Hinterhofschuppen, im ehemaligen Bordell oder in der Eckkneipe. Man braucht nur Mitte-Publikum, und schon ist die letzte Sportklause der coolste Club – so werden Osttapete und Gelbglas-Lampen stylish. Nach dem White Trash und Cafe Burger ist man also schon einiges gewohnt – aber übertroffen an Geschmacklosigkeit werden beide nun vom „Kaktus“. An einem der hässlichen, dunklen Plattenbauten am Bersarinplatz hängt ein trostloses kaputtes Schild „Kak us“; darunter eine Werbung für Lord-Zigaretten. Innen: Biertresen, Holzstühle mit floral gemusterten Polstern, Eckbänke mit denselben und: dicker Teppichboden! Ich dachte: Das ist so wahnsinnig unhip, wer soll hierher bloß kommen? Aber nach und nach fielen sie ein, die Clubgänger. Der Kaktus war schnell rappelvoll, selbst im Durchgang zur Toilette wurde trotz der klebrigen Auslegeware bis morgens getanzt – ein echter Undergrounderfolg. Das Ganze wird im kommenden Monat wiederholt, und wahrscheinlich muss man dann schon sehr früh kommen, um überhaupt noch eingelassen zu werden.

Jetzt vom Schönsten über das Hässlichste zum Normalen: ins Polar TV. Das ist eigentlich ein recht normaler, mittelmäßig schöner Techno-House-Club in einer ehemaligen Lagerhalle in der Nähe des Lehrter Bahnhofs. Aber: Am Ostersonntag ist dort einer der großen DJs und Labelmacher aus Detroit zu Gast. Carl Craig gehört nach Derrick May und Juan Atkins zu den Protagonisten der Techno-Geschichte. Seine neueren Remixe sind musikalisch-technoid, und man könnte sagen, sie retten die Idee des Techno wunderbar in die heutige Zeit – die Ära dieses Musikstils scheint ja ihrem Ende entgegen zu sehen; auch die Tage des Clubs Polar TV sind wohl gezählt. Und weil es so viele Techno-Läden eh nicht mehr gibt: Gehen Sie raven, solange es noch geht.

Am Sonntag, 11. April ab 23.00 Uhr im Polar TV: die DJs Carl Craig, Woody, Philip Bader, Brian Cares, Anja Schneider und andere. Live tritt auf „Der Dritte Raum“, Heidestraße 73 in Tiergarten .

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