Zeitung Heute : Auf Tour mit Datenhelm und fliegender Maus

KATHARINA VOSS

"Cyberbikes" zeigt Architektur und Fahrräder - in Echtzeit wird geschweißt, lackiert und montiertVON KATHARINA VOSSDer kleine Mann hat viel zu tun.Ununterbrochen schickt er rote Pakete durch die Luft.Vor ihm liegt die Werkhalle, wo gerade ein Fahrrad zusammengeschweißt wird.Computergesteuert natürlich, denn die Fabrik "Cyberbikes" ist auf dem höchsten Stand der Technik.Besucher stören hier keinen, auch wenn sie sich mal in den Lackierraum verirren oder ins Förderband laufen.In "Cyberbikes" ist das alles gefahrlos möglich, denn: "Cyberbikes" existiert nur vor den Augen des Betrachters und die Männer in der Werkhalle sind nur virtuelle Playmobilfiguren. Drei Jahre lang haben Studenten aus Paderborn und Berlin an der "Fabrik im Computer" gearbeitet.Was bei Medizinern oder Piloten längst üblich ist, wollten sie für den Fachbereich "Maschinenbau" schaffen: Eine computersimulierte Produktion für die Ausbildung der Studenten."Wenn man heute eine Fabrik besichtigt", sagt Carsten Matyszek, "versteht man ja oft nicht, was da eigentlich passiert".Zwei Jahre lang arbeitete der Student an dem Projekt, das vom Bundesforschungsministerium und vom Nixdorf-Institut in Paderborn finanziert wurde. Seit rund einem Jahr produziert "Cyberbikes" Fahrräder - virtuelle natürlich.Die Paderborner Studenten sparen mit "Cyberbikes" Zeit und Organisationsaufwand.Jetzt entfällt ein Teil der zeitraubenden Betriebsbesichtigungen vor Ort.Statt dessen bewaffnen sie sich mit Datenhelm und Flying Mouse und betreten den virtuellen Raum. Wichtigster Teil des Datenhelmes, der eigentlich mehr wie eine Baseballkappe aussieht, sind die zwei Sensoren und die Bildschirme in der Brille des Helmes.Die Sensoren tasten die Augenbewegungen des Trägers ab und geben sie über einen weiteren Sensor an den Rechner weiter.Der errechnet in Bruchteilen von Sekunden, welches Bild jetzt vor den Augen des Besuchers zu sehen sein muß und gibt diese Informationen an die Bildschirmbrille zurück.Dort entsteht dann vor jedem Auge ein neues Bild.Vierzig bis sechzig Bilder können so pro Sekunde entstehen, schon ab 25 Bildern pro Sekunde nimmt das Auge den Bilderwechsel als fließende Bewegung wahr. Wer unter dem Helm steckt, merkt nichts von dem rasanten Bildaufbau.Er kann sich spontan in der virtuellen Welt bewegen, hingehen wo er will - die Bilder sind immer da."Echtzeit-Simulation" heißt das unter Experten.Wie sich der Besucher in der virtuellen Welt bewegt, steuert er mit der "fliegenden Maus", einer Art Schaltknüppel in seiner Hand.Vorwärts und rückwärts, schneller und langsamer geht es damit.Die Richtung bestimmt man mit der Bewegung der Augen.Und wer will, kann auch vom Boden abheben.Die kleinen Playmobilmännchen lassen sich davon in ihrer Arbeit nicht stören, ungerührt montieren sie in stakkatoartigen Bewegungen Fahrräder zusammen.Und auch die roten Informationspakete finden weiter ihre luftigen Wege zu den Maschinen. Tilman Thürmer studiert Architektur an der HdK in Berlin.Er ist einer der beiden Berliner Studenten, die unter der Leitung von Peter Bayerer an der HdK "Cyberbikes" architektonisch gestaltet haben.Für ihn ist das virtuelle Gebäude "die weltweit detaillierteste Darstellung eines Bauwerkes".Auch im Vergleich zu den virtuellen Darstellungen der Info-Box am Potsdamer Platz werde der Unterschied deutlich."So wie bei uns ist dort kein Gebäude in seinen Einzelteilen zu sehen", erklärt der Student."Damit sind wir aber auch an die Grenzen der Leistungsfähigkeit unseres Rechners gestoßen", ergänzt Carsten Matyscek. In der Grolmannstraße können sich Besucher noch bis Mitte Mai in die Welt von "Cyberbikes" einführen lassen.Ein Videofilm führt durch den grün-blau-pinken Raum der virtuellen Fahrradgeburt.Fotos und Zeichnungen zeigen die technischen Details einer Welt, in die nur Eingang findet, wer die richtige Baseballkappe auf und die fliegende Maus in der Hand hat. Simultan cyberbikes - eine virtuelle Fahrradfabrik ist noch bis zum 15.Mai bei designtransfer in der Grolmannstraße 16 zu sehen.

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