Zeitung Heute : Auf Vorrat getankt

Bernd Hops

Der Transfer russischen Erdöls durch die „Druschba“-Pipeline nach Deutschland ist zeitweise unterbrochen worden. Wie abhängig ist Deutschland von ausländischen Öllieferungen?


Nicht weit von der Nordseeküste entfernt liegt Deutschlands einzige Ölbohrinsel. Und auf dem Festland wird Erdöl noch an der einen oder anderen Stelle in Niedersachsen gefördert. Doch die Menge, die aus den Bohrlöchern kommt, hat eher symbolischen Wert. Fast 100 Prozent des Öls, das deutsche Verbraucher in ihren Heizungen oder als Benzin in ihren Autos verbrennen, stammt von jenseits der Grenzen. Hauptlieferant ist wie auch beim Erdgas Russland, das zuletzt auf einen Anteil von gut 34 Prozent kam. Aus dem zweitgrößten Lieferland Norwegen stammen gerade einmal 15,4 Prozent. Von den Mitgliedern der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) wird zusammen noch nicht einmal ein Viertel des deutschen Bedarfs geliefert.

Trotzdem wäre Deutschland im Ernstfall bei den Öllieferungen weniger leicht zu erpressen als beim Gas – denn die Notvorräte sind wesentlich größer. Selbst wenn von einem Tag auf den anderen kein einziger Tanker mehr anlanden würde und alle Pipelines auf einen Schlag lahmgelegt wären, liegen für mindestens 90 Tage Rohöl, Benzin, Diesel und Heizöl auf Lager – eine Reserve, die nach den schlechten Erfahrungen Anfang der 70er Jahre aufgebaut wurde, als die arabischen Ölproduzenten den Rohstoff das erste Mal als politische Waffe einsetzten. Insgesamt sind derzeit in Deutschland 29 Millionen Tonnen Rohöl gelagert. Zum Vergleich: Durch die „Druschba-Leitung“ sind im vergangenen Jahr aus Weißrussland 23 Millionen Tonnen des Rohstoffs nach Deutschland geleitet worden.

Für zwei der 14 deutschen Raffinerien, nämlich Schwedt und Leuna, hätte aber eine längere Unterbrechung der „Druschba“-Leitung schwerwiegende Folgen, weil sie ihre Produktion ganz auf diesen Lieferweg abgestellt haben. Durch die Pipeline, die über Weißrussland führt, werden mehr als 60 Prozent des russischen Exports für Deutschland gepumpt. Das entspricht etwa einem Fünftel des gesamten deutschen Rohölimports. Der Vorteil beim Öl im Vergleich zum Erdgas ist aber, dass es auch ohne großen Aufwand auf anderem Wege zu transportieren ist, zum Beispiel per Tanker. Der Transport von Erdgas hingegen ist weitgehend an Pipelines gebunden. Erst seit einigen Jahren wird verstärkt in Anlagen zur Gasverflüssigung und Häfen, die von Gastankern angelaufen werden können, investiert.

Je flexibler aber der Transport zu handhaben ist, desto schneller kann auch auf neue Lieferanten ausgewichen werden – zumal in deutlich mehr Ländern Öl gefördert wird als Gas. Mit dieser Taktik, Lieferungen umzuleiten, war schon die Ölblockade der Opec in den 70er Jahren gebrochen worden. Der Mineralölwirtschaftsverband (MWV) kündigte auch nach den ersten Meldungen zur Blockade der „Druschba“-Pipeline an, man werde alternative Versorgungswege prüfen – beispielsweise per Schiff.

Was bleibt, ist die Abhängigkeit vom Energieträger Öl an sich. Für Autos und Flugzeuge gibt es bisher kaum alternative Kraftstoffe. Hier steuern die großen Industriestaaten gegen, indem sie zum Beispiel die Produktion von Biosprit ausbauen. In Deutschland gibt es seit Anfang des Jahres eine Beimischungspflicht zum normalen Kraftstoff aus Erdöl. Bei Diesel zum Beispiel muss seitdem der Bioanteil bei 4,4 Prozent des Energieanteils liegen. Das hat zwar die Preise an den Tankstellen zusammen mit der Mehrwertsteuer in die Höhe getrieben, reduzierte aber gleichzeitig die Abhängigkeit vom Öl. Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) hat noch ehrgeizigere Ziele. In der EU soll Biokraftstoff nach seinen Vorstellung bis zum Jahr 2015 einen Anteil von acht Prozent haben. Und auch bei den Heizstoffen fördert die Bundesregierung alternative Energien. Allein in diesem Jahr stellt sie 213 Millionen Euro zur Verfügung, um die Herstellung von Solarkollektoren, Biomassekesseln und Geothermie-Anlagen zu unterstützen. Das sei ein Rekordwert, sagt Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD).

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