Zeitung Heute : Auf Wandlungsreise

Stipendiat in Oxford, Doktor, Professor, Verleger, Kulturminister und Großjournalist – Michael Naumanns Welt war oft die der Worte. Seit neun Monaten nun ist er Spitzenkandidat der Hamburger SPD für die Bürgerschaftswahl, und er entdeckt etwas wieder: die Welt der Taten

Armin Lehmann[Hamburg]

Dies ist die Geschichte eines Mannes, dem man zugerufen hat: Spring, wir brauchen dich. Er ist gesprungen. Wie die Geschichte endet, wird man sehen.

Warum er es getan hat, darüber gibt es Auskunft bei jenen, die meinen, ihm näherzustehen. Aus Eitelkeit, sagen die einen, aus Selbstüberschätzung die anderen, aus Langeweile die Nächsten. Er selbst sagt, aus Pflichterfüllung. Wann habe man schon die Chance, etwas für die Gesellschaft zu tun.

Mit dieser Pflicht im Gepäck steigt der Mann, der Michael Naumann heißt, seit Monaten Tag für Tag aus seinem roten Wahlkampfauto, einem Golf, und besucht Menschen, denen er bald als Hamburgs Erster Bürgermeister dienen will. So plötzlich, wie Sankt Martin vor dem Bettler stand, gesellt sich der Spitzenkandidat der SPD zu Obdachlosen und Hartz-IV-Empfängern und schenkt ihnen sein Ohr. In Wilhelmsburg, Hochburg sozialer Brennpunkte, findet Naumann die Klientel, der sein Wahlkampfmotto im Besonderen gilt: Mein Hamburg wächst für alle. Er begrüßt die Menschen einer Arbeitsloseninitiative so selbstverständlich wie alte Freunde. Eine Frau mit Kartoffelschürze findet nicht mal mehr die Zeit, sich die strähnigen Haare zurechtzuzupfen, da will Naumann schon wissen, für wen das ganze Gemüse hier sei. Bei der anschließend servierten Kohlroulade fragt der Kandidat: „Müssen die Leute hier hungern?“

Naumann ist neugierig wie ein Hund auf Spurensuche. Die Menschen, die den amtierenden Ersten Bürgermeister Ole von Beust nach eigenem Bekunden live in Wilhelmsburg noch nie zu sehen bekamen, wundern sich über das ungewohnt große Interesse. Kartoffelschürze und feiner Anzug fremdeln weniger als erwartet auf dieser gegenseitigen Entdeckungsreise. Vielleicht wollen die Menschen ja im Sturm erobert werden. Und vielleicht ist das die Kunst, die Naumann am besten beherrscht. Schon als Student, erinnert sich ein alter Weggefährte, hat er die Mädchen mit Klavierspielen verrückt gemacht und die Jungs beim Fußballspielen, wo er im Tor so gut wie draußen war. In Hamburg-Harburg platzt der Kandidat in eine private Geburtstagsfeier für einen 100-jährigen Genossen und sitzt in kurzer Zeit mit am Tisch, als gehöre er zur Familie.

Mittlerweile kennen Naumann über 80 Prozent der Hamburger, einen Wert, den sein Vorgänger Thomas Mirow erst am Ende des letzten Wahlkampfes erreichte. Dieser Wahlkampf aber beginnt erst am Dienstag offiziell, wenn Altkanzler Gerhard Schröder kommt. Da passt es gut, dass die Umfragen der CDU Verluste prognostizieren. Am 24. Februar soll Hamburg jedenfalls endlich wieder sozialdemokratisch werden, nachdem Beust 2001 die jahrzehntelange Vorherrschaft der SPD gebrochen hatte.

Bis zum April 2007 war der jetzt 66-jährige Herausgeber der „Zeit“ – ein Amt, das aus Sicht von Journalisten ihrem beruflichen Olymp gleichkommt, auch wenn es dort sehr einsam und mitunter langweilig werden kann. Zuvor war Naumann Highschool-Schüler in den USA, Student, Stipendiat in Oxford, Doktor, Professor, Journalist, Amerikakorrespondent, Autor, Verleger, Chefredakteur und Staatsminister im Kanzleramt unter Gerhard Schröder. Als junger Student hat er Günter Grass kennengelernt, er hat über Karl Kraus promoviert, 1986 ist er in die SPD eingetreten. Er hat als Staatsminister für Kultur und Medien das umstrittene Holocaustmahnmal auf den Weg gebracht und mutig die Kulturaufgaben des Bundes neu definiert. Naumanns Sätze könnte sonst wohl nur Roger Willemsen formulieren, seine Waffe ist Sprache. Er liebt es, Wortbilder wie Munition zu verschießen.

Michael Naumann ist also seinen Lebensweg schon weit gegangen, er hat zwei erwachsene Kinder, und seine zweite Ehefrau Marie Warburg gehört mit ihrer Familie zum finanzstarken Establishment Hamburgs. Und wäre nicht der ehemalige Hamburger Innensenator Olaf Scholz dazwischengekommen, hätte sich Naumann es längst als Bildungsbürger und Segelfreund mit seiner Frau im gemeinsamen Wohnquartier in Berlin gemütlich gemacht.

Anfang April 2007 war Naumann mit seiner Frau bei seinem Freund und heutigen SPD-Arbeitsminister zum Abendessen eingeladen. Noch heute glaubt er, Scholz sei sie spontan eingefallen, die Frage: Willst du kandidieren? Zuvor stand die Hamburger SPD durch innere Grabenkämpfe erschüttert vor der Spaltung, Beusts große Popularität ließ kaum Hoffnung auf einen baldigen Machtwechsel zu. Als Scholz fragte, war es gegen 19 Uhr, noch vor Mitternacht entschied sich Naumann zum Sprung. Es sollte ein Sprung werden aus der sicheren Welt der Worte hinein in eine Welt, in der Taten gefordert sind. Ein Sprung aus dem Elfenbeinturm. Neben Naumanns Frau hat auch Altkanzler Helmut Schmidt zugeraten: „Mike, Sie müssen das machen. Aber suchen Sie sich einen guten Finanzsenator.“

Nur wenige Tage später wird der nun beurlaubte Herausgeber im Kurt-Schumacher-Haus in Hamburg vorgestellt. Es ist ein merkwürdiger Termin, weil das Weltmännische, Naumanns Redegewandtheit, arg eingezwängt wird in die steife Parteiperformance, in der die anwesenden Funktionäre umständlich formulieren, dass man sich freue, „dass die Findungskommission nun dem Landesvorstand und dem Landesparteitag vorschlagen wird, Michael Naumann zum Spitzenkandidaten vorzuschlagen“. Er steht da im braunen Anzug, seine Brille hat er abgenommen, die Arme hält er hinter dem Rücken verschränkt, er sieht aus wie jemand, der im Kino in den falschen Film geraten ist.

Es sind die ersten Tage im neuen Universum, Hamburg gilt zwar als das Tor zur Welt, aber die Stadt selbst ist politische Provinz. Naumann verspürt „ein Magenkribbeln wie früher vor einem wichtigen Basketballmatch“. Er raucht jetzt wieder Kette. Die Stadt der reichen Kaufleute soll nicht mehr nur wachsen, wie es die CDU propagiert, sondern „zusammenwachsen“. Es ist eine einfache Botschaft. Er hat den Satz spontan in einem Interview im Tagesspiegel am Tag nach seinem Outing formuliert, diese Formel ist fortan sein Glaubensbekenntnis. Es gibt kein anderes Thema: Bildung und die Spaltung in Arm und Reich. Bald verkündet er einige „Sofortmaßnahmen“: soziale Stadtteilarbeit intensivieren, kostenlose Mittagstische in Kitas einrichten, Kita-Gebühren abbauen, ärztliche Untersuchungen zur Pflicht machen.

Es ist ein mutiges Experiment, im stolzen Hamburg einen Wahlkampf ganz auf das Thema soziale Stadt auszurichten. Auf dem Nominierungsparteitag übt Naumann die Rolle des Volkstribuns und greift Beust frontal als „finanzpolitischen Hütchenspieler“ und „Wegelagerer der Marktwirtschaft“ an. Das übliche hanseatische Understatement ist nicht gefragt, Naumanns Emotionalität reißt mit. 99,1 Prozent der Delegierten stimmen für ihn, fünf Minuten Applausstürme, es ist ein Moment, in dem jeder denken muss, ich kann es schaffen.

Dann kommen Alltag und Arbeit. Außerhalb des Bürgertums kennt ihn kaum jemand, nicht einmal die eigenen Genossen. Naumann tourt wochenlang durch die Bezirke, beim Rasieren sieht er im Spiegel, wie sein Gesicht immer mehr Furchen durchziehen. Einmal sitzt er allein in seinem Wahlkampfgolf im Nirgendwo am Containerhafen, sein Pressesprecher und sein Fahrer sind ausgestiegen, um Naumanns Verabredung zu suchen. Keine Gottesseele ist zu sehen. Er sagt: „Schreiben Sie jetzt bloß nicht: Naumann verloren im Hafen.“ Engsten Vertrauten erzählt er in dieser Zeit, dass er sich von der Partei im Stich gelassen fühlt, und stöhnt über die viele Arbeit. Aber wenn er auf Menschen trifft, die ihm ihre Geschichten erzählen, will er ihnen schnell wie ein Notarzt zur Seite stehen und aus dem Schlimmsten heraushelfen. Wenn er nur könnte.

Im Wahlkampf an der Basis gibt er seine Bildung, sein Wissen weiter wie ein gutmütiger Lehrer. Dürfte er sich in der Literatur eine Rolle wählen, so wäre es wohl die des Aufklärers im großen Sozialepos. Oder Abenteurer bei Charles Dickens? Zu Besuch bei einem Sozialprojekt, wo er eine Petition für kostenlose Schulbücher unterschreibt, erzählt ihm die Leiterin, man liefere täglich 700 Schulfrühstücke, weil viele Kinder morgens nichts zu essen bekommen und die Leistungen in der Schule darunter leiden. Naumann fragt:

„Was wissen Sie über diese Kinder?“

„Nichts.“

„Sie haben meine Frage schon verstanden, wer kennt die Kinder?“

„Niemand.“

„Aber das ist doch auch Ihre Sache.“

„Wir sind nur ein Beschäftigungsträger, wir können das nicht leisten.“

Naumann schüttelt den Kopf. Er denkt, man muss doch was tun. Wenig später, im Mädchentreff „Dolle Deerns“, kaut der Kandidat an den Fingernägeln und stellt wieder viele Fragen. Bis zu 50 Mädchen verbringen hier ihre Tage, in einer Plattenbausiedlung im Süden der Stadt. Zehn Prozent sind Deutsche, der Rest hat Migrationshintergrund.

Naumann fragt: „Gibt es Sprachprobleme?“

„Eigentlich nicht.“

„Aber die Testergebnisse sagen doch etwas anderes.“

„Na ja, einige müssen wir schon fördern.“

„Wie machen Sie das?“

„Wir helfen bei den Vokabeln.“

„Kennen Sie Jack London? Der hat sich Wörter auf die Wäscheleine gehängt und sie auswendig gelernt. Hab ich auch getan.“

Die Frauen kichern, die Mädchen finden ihn „lässig“.

Hinterher im Auto telefoniert Naumann mit seiner Frau und erzählt ihr eine der Geschichten, die er im Mädchentreff erfahren hat. Ein türkisches Mädchen hat sich mit guten Zeugnissen bei einer Hamburger Bank beworben, aber sie trug Kopftuch und wurde deshalb nicht genommen. Naumann ruft wütend ins Handy: „Siehst du, Marie, das ist der kleine Rassismus. Die Tuch-Mentalität der Hamburger.“

Einige mächtige Großköpfe der Hamburger SPD rümpfen über Naumann die Nase. Sie halten nichts davon, die eigene Stadt schlechtzureden. Der Wahlkampf habe nichts, was in die Zukunft deute, der Herausforderer habe keine Ahnung, was wirklich wichtig sei: Wirtschaft. Diese Kritiker wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, sie finden aber, Naumann sei damals, als Kulturstaatsminister, leichtfertig zurück zur „Zeit“ gegangen. Ihr Vorwurf lautet: Nur wegen des Geldes! Ein enger Mitarbeiter aus der Zeit als Kulturstaatsminister erinnert sich an Naumanns Brillanz, seine Schnelligkeit, sich Themen zu erschließen, und seine Furchtlosigkeit. Nicht so glanzvoll, sagt er, sei es um Naumanns Verhältnis zu Zahlen und Fakten bestellt. Außerdem liege ihm sein jetziges Profilierungsfeld, das Soziale, nicht gerade nahe.

Diese Vorwürfe verfolgen ihn überallhin. Um 8 Uhr 20 im Zug von Berlin- Hauptbahnhof nach Hamburg sitzt Naumann erster Klasse ohne Reservierung. Er ist nervös, der Zug ist voll, möglicherweise wird er seinen Sitzplatz räumen müssen. Am Abend zuvor war er auf einer Kinopremiere in Berlin mit viel Prominenz und Klaus Wowereit. Eine Lautsprecheransage kündigt die Verzögerung der Abfahrt an, Naumann ruft wie ein Pennäler in Anspielung auf die Fremdsprachenkenntnisse der Bahnbediensteten: „Bitte auf Englisch, bitte!“ Dann klingelt sein Handy, seine Frau ist gerade aus New York in Berlin gelandet, eigentlich sollte sich sein Sohn, Informatikprofessor, auch schon längst aus Japan gemeldet haben. Aber das wird er erst tun, wenn sein Vater im Nieselregen auf einem Deich in Hamburg gestanden und vor laufenden Kameras erklärt hat, dass die Zeit des lokalen Schmuggels vorbei sei und die Wilhelmsburger deshalb nicht mehr mit einem Zaun vom Hafen getrennt werden sollten.

Im Bordrestaurant ein paar Zugabteile weiter witzeln die Kollegen von den großen deutschen Magazinen über ihn, die an diesem Tag nach Hamburg in ihre Zentralen fahren. Der Kandidat habe in einem Leitartikel selbst das Wembley-Ergebnis von 1966 falsch geschrieben. Der liest hinten im Zug nicht „Spiegel“, „Zeit“ oder „Süddeutsche“, wie die da vorne, sondern „Hamburger Abendblatt“, wo vor allem Vorwürfe über ihn stehen, zum Beispiel, dass er gesagt haben soll, er würde die Mittel für den U-Bahn-Ausbau für etwas anderes einsetzen wollen, und dass das ein gefundenes Fressen für die Journalisten gewesen sei, weil dieses Geld doch zweckgebunden ist und Naumann mal wieder nicht aufgepasst habe.

Von diesen Geschichten gibt es viele, aber Naumann hat für jede eine Ausrede, entweder sind sie falsch überliefert oder er hat sich schnell korrigiert oder es ist anders gemeint gewesen. In Zeitungsartikeln hat Naumann auch nachlesen können, was die „lieben Kollegen“ von der „Zeit“ von ihm halten: Er sei eitel, arrogant, cholerisch, dünnhäutig und zuweilen nachtragend. Naumann blickt über seine Brille und sagt: „Stimmt alles. Aber wollen die Menschen glatte Politiker?“

Diese Zweifel regen ihn trotzdem auf, weil sie ihn festlegen auf das, was er im Wahlkampf nicht sein darf: einer, der nur gut reden kann. Immer wenn die Springer-Zeitungen ihn abfällig als Schöngeist titulieren, läuft er innerlich Amok: „Ich lasse mir meine Biografie nicht schlechtreden.“ Naumann erzählt, wie die Mutter mit ihm und seinen Geschwistern 1953 aus Köthen, Sachsen-Anhalt, über Hamburg nach Köln flüchtete, weil sie von ihrer anstehenden Verhaftung durch die Stasi erfuhr. Die Mutter korrespondierte damals mit ihren Cousinen in den USA, die vor den Nazis geflohen waren, und sollte daraufhin wegen Spionage angeklagt werden. Er kennt Armut.

Er erzählt von seinem Tischtennispartner in Köln, als er 17 war und im schäbigen Nachkriegsbau wohnte. „Der wurde später ein Mörder.“ Die Geschichte soll verdeutlichen, dass sein eigenes Schicksal auch verbunden war mit Glück – mit dem Glück, Bildung zu erfahren. In diesem Sinne wurzelt Naumanns politische Überzeugung tief im sozialdemokratischen Denken, soziale Gerechtigkeit ist keine literarische Metapher für ihn.

Das Pathos Naumanns ist zu spüren, als Günter Grass zur Wahlkampfhilfe nach Hamburg kommt. Am Fischmarkt in einem gediegenen Restaurant mit Elbblick reden die beiden über deutsche Geschichte, Widerstand gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und die Notwendigkeit von Bildung für alle Schichten. Es sind spannende Anekdoten über die deutsche Vergangenheit, die Grass geschickt in die Kritik an Ole von Beust münden lässt, der 2001 nur mit Hilfe des Rechtspopulisten Barnabas Schill an die Macht gekommen war. Am nächsten Tag wird der Auftritt des Nobelpreisträgers in „Bild“ klein verkauft, daneben großflächig Ole von Beusts Wahlprogramm. Am Abend mit Grass hatte ein Reporter von Naumann noch wissen wollen: „Glauben Sie, Sie haben Erfolg mit einem feuilletonistischen Wahlkampf?“

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