Zeitung Heute : Auf Zickzackkurs Am 23. APRIL bittet Griechenland um EU-Hilfe. Deutschland aber blüht auf

von

Das Jahr ist noch keine Minute alt, da gibt es schon Probleme. Mit zehn Jahren Verspätung greift am 1. Januar 2010 der „Millennium Bug“ an: Schlag Mitternacht versagen wegen eines Softwarefehlers Millionen von EC- und Kreditkarten, die Betroffenen bekommen fürs Erste kein Geld mehr. Nicht mal zu horrenden Zinsaufschlägen, wie sie die Griechen auf ihre Staatsanleihen zahlen müssen, seit Athen die Welt mit der Aussage geschockt hatte, das Staatsdefizit liege mit zwölf Prozent doppelt so hoch wie angenommen und das Land finanziell „auf der Intensivstation“.

Mitte Januar erklärt EU-Währungskommissar Olli Rehn, Griechenlands Defizit bedeute keine Gefahr für die Euro-Zone. Die Märkte sind sich da nicht so sicher. Apokalyptiker prophezeien das Ende des Euro, der umso tiefer fällt, je höher die Zinsen in Athen steigen. Am 23. April zieht Ministerpräsident Giorgos Papandreou die Reißleine und bittet die EU offiziell um Hilfe. 30 Milliarden Euro werden garantiert. Die Rettung, fürs Erste.

Trotzdem sehen Zweifler als nächstes Portugal, Irland oder Spanien im Schuldensumpf versinken – trotz des 750 Milliarden Euro starken Rettungsschirms, mit dem die EU notleidende Partner beschützen will. Der Euro fällt weiter. Anfang Juni bekommt man nur noch 1,19 Dollar für die Gemeinschaftswährung, ein halbes Jahr zuvor waren es noch gut 1,50 Dollar. Die Stimmung leidet darunter genau so wie unter dem Absturz des Dow-Jones-Index am 6. Mai binnen Minuten um 600 Punkte. Als bekannt wird, dass die Ursache der Fehler eines Traders gewesen sein soll, überlegen viele, ob sie diese Erklärung beruhigen oder ängstigen soll.

Der Optimismus kehrt plötzlich zurück: Im Spätsommer überschlagen sich die heimischen Ökonomen mit ihren Prognosen. Zu Beginn des Jahres erwarteten sie für Deutschland nicht mal ein Wachstum von zwei Prozent, jetzt sollen es 2010 fast vier Prozent werden. „Wirtschaftswunder!“ schallt es aus allen Ecken.

Im Oktober ist es so weit: Mit 2,945 Millionen werden so wenige Arbeitslose gezählt wie seit 1992 nicht mehr. Kritiker bemängeln zwar Zahlentrickserei, lauter sind aber die, die bereits von Vollbeschäftigung reden, denn auch 2011 soll Deutschlands Wirtschaft um zwei Prozent wachsen. Und weil alles so schön ist, knackt der Dax im Dezember dann auch noch die 7000-Punkte-Marke.

Auf Europa-Ebene aber bleibt die Lage unsicher, nachdem Irland im November tatsächlich vor seinen Schulden kapitulieren und unter den EU-Rettungsschirm flüchten musste. Sollten demnächst Portugal oder Spanien straucheln, das Jahr 2011 würde schwierig – für den Euro und für Deutschland. Moritz Honert

Autor

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar