Zeitung Heute : Auf zu neuen Horizonten

Praktika, Freiwilligenarbeit, Auslandsaufenthalte:  Wie sich die Wartezeit bis zum Ausbildungsbeginn nutzen lässt.

Engagement. Wer ein freiwilliges soziales Jahr macht oder den Bundesfreiwilligendienst, kann etwa in der Altenpflege arbeiten. Foto: picture-alliance/dpa
Engagement. Wer ein freiwilliges soziales Jahr macht oder den Bundesfreiwilligendienst, kann etwa in der Altenpflege arbeiten....Foto: picture alliance / dpa

Soviel Fernweh im Herzen, dass der Bosse-Song „Weit weg“ einen fast dazu bringt, ein Flugticket zu buchen. Soviel Tatendrang, dass die Aussicht auf die Berufsschule, wie ein Gefängnis erscheint. So wenig Chancen auf den Wunschausbildungsplatz, dass man es in einem Jahr nochmal versuchen muss. Die Schule ist vorbei und es öffnen sich unzählige Türen. Doch manchmal steckt man fest, muss ein Jahr überbrücken. Oder man will sich erst noch ausprobieren, bevor die Entscheidung für einen Beruf fällt. Die Lösungen: Auslandsaufenthalte, Freiwilligendienste oder Praktika.

Praktika

Das klingt doch gut: als Texter in einer Werbeagentur arbeiten, als Krankenschwester auf der Kinderstation oder in der Schmuckabteilung als Verkäuferin. Aber ist das wirklich so? Kommt man mit den Überstunden zurecht, dem Schichtdienst, den Kunden?

Eine gute Möglichkeit, die Vorstellung mit der Wirklichkeit abzugleichen, ist ein Praktikum. Eines zu bekommen, ist gar nicht so schwer. Worauf man achten sollte: Besonders bei beliebten Berufen gilt es, sich frühzeitig zu bewerben. Meistens muss man mit Wartezeiten rechnen, etwa in Medienberufen. Ein Anruf in der Personalabteilung hilft, einen Überblick über den Vorlauf und die Anforderungen zu bekommen.

Übrigens kann solch ein Reinschnuppern in die Arbeitswelt auch eine gute Möglichkeit sein, schlechte Schulnoten abzufedern. Denn Personaler bewerten freiwillige Praktika sehr positiv. So kann man mit einer guten Praktikumsbewertung punkten.

Ein bezahltes Praktikum ist nicht die Regel, man sollte unbedingt im Vorfeld nach Vergütungen fragen. Vorher klären sollte man auch, wer für einen zuständig ist und welches die Aufgaben sein werden. Unbedingt sollte man auch sagen, was man sich von dem Praktikum erhofft und lernen möchte. Besteht das Praktikum doch nur aus Kopieren und Kaffeekochen, sollte man sich an einen Vorgesetzten oder seinen Betreuer wenden.

Um mehr als nur einen Eindruck zu bekommen, ist ein Praktikum von mindestens vier bis sechs Wochen sinnvoll. Dann kann man auch mal kleinere Aufgaben übernehmen – und damit bei späteren Bewerbungen punkten.

Sowieso: Ein Praktikum vermittelt Engagement, Eigeninitiative und Ehrgeiz. Danach weiß man in der Regel, worauf man sich einlässt. Vielleicht sogar beim künftigen Ausbildungsbetrieb.

Freiwilligendienste im Inland

Wer Lust auf soziales oder ökologisches Engagement hat, kann sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) oder den Bundesfreiwilligendienst (BFD) bewerben. Das Jahr im FSJ oder BFD wird an vielen Hochschulen als Wartesemester und Praktikum anerkannt. Die Freiwilligen erhalten ein qualifiziertes Zeugnis. Mehr Infos über das FSJ gibt es im Netz unter www.pro-fsj.de.

Seit Juni 2011gibt es den Bundesfreiwilligendienst: ein Angebot an Frauen und Männer aller Generationen, sich außerhalb von Beruf und Schule für das Allgemeinwohl zu engagieren. Der BFD ersetzt den Zivildienst und ist dem Bundesfamilienministerium zufolge ein großer Erfolg. Durch seine soziale Ausrichtung ähnelt er sehr dem FSJ, ist aber inhaltlich weiter gefächert.

Ob FSJ oder BFD: „Der Freiwilligendienst eignet sich für alle, die Interesse haben, sich im sozialen Bereich zu engagieren, berufliche Erfahrungen sammeln wollen oder ein Orientierungsjahr für den späteren Beruf benötigen“, sagt Nina Franck, Koordinatorin des BFD und FSJ in Berlin. Zurzeit leisten 26 000 junge Menschen ein Freiwilliges Soziales Jahr. Zum Vergleich: Bisher befinden sich bundesweit 27 713 Menschen im Bundesfreiwilligendienst, davon sind 20 267 unter 27 Jahre, heißt es beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. Es seien aber noch nicht alle Plätze besetzt. In Berlin sind übrigens derzeit 763 Menschen im Dienst, davon sind 598 unter 27 Jahre. Bisher nehmen mehr Männer den BFD wahr als Frauen, bundesweit sind es 15060 Männer und 12653 Frauen.

Für 2012 muss mit höheren Bewerberzahlen gerechnet werden, vor allem wegen des Doppel-Abiturjahrgangs in Berlin. Die Träger versuchten bereits, eine ausreichende Anzahl an Stellen vorzuhalten, sie seien laufend in der Akquise, sagt Nina Franck. „Wir haben in der Regel auf eine Stelle fünf geeignete junge Menschen, die wir begleiten und beraten.“

Die Hauptunterschiede zwischen dem FSJ und dem Bundesfreiwilligendienst sind eher formal. Für das FSJ muss man zwischen 16 und 27 Jahre sein, beim BFD gibt es keine Altersgrenze. Auch die Arbeitszeit unterscheidet sich: Beim FSJ arbeitet man Vollzeit – 39 Stunden die Woche –, beim BFD mindestens 20 Stunden. Beide sind auf ein Jahr ausgerichtet, die Mindestdauer beträgt sechs Monate, die Höchstdauer beim FSJ 18, beim BFD 24 Monate. Mehr Infos unter www.bundesfreiwilligendienst.de.

Beim Freiwilligen Ökologischen Jahr arbeitet man zum Beispiel bei Naturschutzbünden oder in Nationalparks. Wie beim FSJ ist der Beginn in der Regel am 1. August oder 1. September, andere Einstiegstermine sind unter Umständen möglich. Mehr Infos gibt es beim Bundesarbeitskreis FÖJ unter www.foej.de.

Die Bezahlung ist für alles Freiwilligendienste gleich geregelt: Es gibt ein Taschengeld von bis zu 330 Euro im Monat, auch Unterkunft und Verpflegung werden gestellt. Dazu gibt es eine gesetzliche Kranken-, Renten- , Unfall- Arbeitslosen- und Pflegeversicherung. Außerdem besteht Anspruch auf Kindergeld.

Freiwilligendienste im Ausland

Straßenkinder in Brasilien betreuen, Unkraut zupfen in einem Kloster in Frankreich oder Englisch in Thailand unterrichten – Freiwilligendienste im Ausland bieten viele Möglichkeiten und sind beliebt. Jedoch muss man einen Teil der Kosten selbst tragen.

Folgende Organisationen bringen einen weg: „Internationaler Jugendfreiwilligendienst – IJFD“, www.internationaler-jugend-freiwilligendienst.de/ijfd, der „Andere Dienst im Ausland – ADiA“ und der Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, „Weltwärts“. Außerdem kann man auch das FSJ und FÖJ im Ausland verbringen. Einen Überblick gibt es unter www.bundes-freiwilligendienst.de unter dem Menüpunkt „Ausland“.



Au-pair

Vor allem Mädchen entscheiden sich für diese Möglichkeit, ein fremdes Land kennen und eine andere Sprache zu lernen: Als Au-pair in einer Familie bei der Kinderbetreuung und im Haushalt helfen. Hier ist alles von der Arbeitszeit bis zum Urlaub streng geregelt, je nach Zielland. Man geht ein Arbeitsverhältnis bei einer Familie ein und lebt mit ihr unter einem Dach zusammen.

Die Erfahrung in der Kinderbetreuung muss nachgewiesen werden, etwa durch privates Babysitting, Praktika in Kindereinrichtungen oder als Betreuer im Ferienlager. Um sich verständigen zu können, ist es unerlässlich, die Sprache des Gastlandes wenigstens für Alltagskonversationen und -situationen zu beherrschen.

Die meisten Familien wünschen sich ein Au-pair mit Führerschein und nahezu alle Familien nehmen ausschließlich Nichtraucher auf. Mehr Infos: www.aupair.de

Work and Travel

Wenn das Fernweh überwiegt, die Gier nach neuen Erfahrungen, sind Work-and-Travel-Programme eine Option. Ein Jahr ist man in einem Land seiner Wahl unterwegs – oder in mehreren Ländern – und arbeitet zum Beispiel auf Farmen oder im Hotel. Ob Australien, USA oder doch irgendwo in Europa. Das Schöne an dem Programm ist gleichzeitig die Herausforderung: Es ist Eigeninitiative gefragt. Man entscheidet selbst, wo man wie lange sein möchte. Auch die Arbeitgeber muss man sich selbst suchen. Wem das zu viel ist, kann das Jahr aber auch mit einer Organisationen machen – das ist aber teurer.

Apropos Kosten: Die Flüge zahlt man selbst. Will man mehrere Länder bereisen, braucht man das „Around-the-World-Ticket“. Außerdem fallen Kosten für Visa, Auslandskrankenversicherung, Verpflegung, Unterkunft und Transport an.

Wichtig: Es braucht viel Vorlauf, etwa für das Visum. Hilfreiche Tipps: www.auslandsjob.de.

Ganz gleich, wofür man sich entscheidet: Das Wichtigste ist, sich frühzeitig zu informieren – und zu kümmern. Damit nur der Ausbildungsbeginn auf Pause steht und nicht das ganze Leben.

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