Zeitung Heute : Aufbruch in die Kunst

Fast zehn Jahre nach dem Ende der Apartheid etabliert sich in Südafrika allmählich eine vitale Kunstszene

Magdalena Kröner

Bald ist es zehn Jahre her: Am 27. April 1994 wurde Nelson Mandela zum Präsidenten Südafrikas gewählt. Dieses Datum markierte endgültig den Beginn eines ebenso fundamentalen wie schmerzhaften Wandlungsprozesses. Südafrika erlebte die radikale Öffnung einer zuvor rigide strukturierten, von Ausschluss und Trennung geprägten Gesellschaft. Dieses Datum markierte aber auch das Entstehen einer freien Kunstszene. Wo zuvor weiße Künstler wie etwa die Malerin Irma Stern die gewünschten und regimegerechten Idyllen und Exotismen bedienten, brechen nun die komplizierten Wahrheiten einer von Extremen geprägten Gesellschaft in den künstlerischen Diskurs ein.

Nachdem die malerische Avantgarde der 40er und 50er Jahre vom Apartheidregime unterbunden wurde, entwickelt sich heute nur sehr zögerlich eine neue Malergeneration. Künstler wie Johannes Phokela arbeiten explizit mit Verweisen auf die europäische Kunstgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, während die gestisch-abstrakten Tuschezeichnungen des diesjährigen Biennale-Teilnehmers Clifford Charles ihre eigene Moderne zu formulieren scheinen. Andere wie Samson Mnisi oder Sandile Zulu arbeiten mit traditionellen Materialien der Volkskulturen, die sie in neue Kontexte stellen. Künstler wie Mbongeni Buthelezi oder Kay Hassan arbeiten mit vorgefundenen, billigen Materialien – der aus Soweto stammende Buthelezi fertigt gegenständliche Collagen aus Plastikabfällen.

Vor dem Hintergrund der Widerstandskunst während der Apartheidjahre ist zudem die Fotografie zu einer Art Leitmedium geworden: mit starkem Hang zum Dokumentarismus reflektieren viele Künstler den Wandel der Zeit und die Konsequenzen für ihr eigenes Leben. Die Kapstädter Biennale-Teilnehmerin Berni Searle erforscht in Video- und Fotoinstallationen anhand ihres Körpers Facetten der eigenen Identität, während die in Berlin lebende Candice Breitz in ihren Videos sprachlichen Stereotypen der Alltagskultur nachspürt.

Schwarze und weiße Künstler suchen nach angemessenen Formen der Repräsentation – mit dem Ergebnis, dass sich die Verteilungskämpfe der sich wandelnden Gesellschaft auch in der Kunst abbilden. Begriffe wie Differenz oder Hybridität scheinen dabei am ehesten geeignet, die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche jenseits überkommener Dogmen künstlerisch zu reflektieren. So ist es bezeichnend, dass Afrika sich auf der diesjährigen Biennale unter dem Titel „Fault Lines. Contemporary African Art and Shifting Landscapes“ präsentierte.

Ebenso unsicher und veränderlich wie die im Wandel befindlichen Diskurse der südafrikanischen Kunst sind die Produktions- und Rezeptionsbedingungen vor Ort. Auch hier spiegelt sich das Bedürfnis nach Sichtbarkeit und Teilhabe schwarzer Künstler und Kuratoren. In der handvoll relevanter Galerien des Landes, also „weißen“ Galerien wie Marian Goodman in Johannesburg oder Michael Stevenson Contemporary in Kapstadt steht diesen nun erstmals eine einzige „schwarze“ Galerie, Monna wa Mokoenas Galerie Momo in Johannesburg gegenüber, was sogleich eine Diskussion auslöste. Droht die Rezeption über die Hautfarbe die Orientierung an künstlerischer Qualität in den Hintergrund zu rücken und den präsentierten Künstlern wieder die alten Dogmen aufzuzwingen?

Nach wie vor gilt: An Kunsthochschulen wie der Kapstädter Michaelis School of Art kommt auf zehn weiße Studenten ein schwarzer. „Viele haben zum Beispiel keine Vorstellung davon, wie eine Bewerbungsmappe aussehen könnte“, erzählt die Künstlerin Jane Alexander, die dort unterrichtet, „woher auch? Generationen von Schwarzen wurden seit den 50er Jahren systematisch von jeder höheren Bildung ausgeschlossen.“

Doch es gibt eine Generation junger Künstler – auch „Post-Apartheid-Kids“ genannt, weil ihre künstlerische Praxis erst nach 1994 begann – die die eigene Vergangenheit bewusst thematisieren und einen selbstbewussten, originären Weg gehen: dazu gehören etwa Claudette Schreuders, Bridget Baker oder Doreen Southwood, deren minimalistische Skulpturen und Installationen ihren ultrakonservativen Afrikaans-Background thematisieren. Die junge Malerin Gabisile Ngcobo untersucht in ihren Arbeiten die besonderen Bedingungen des Feminismus im afrikanischen Kontext.

Bei aller Brisanz, bei aller künstlerischen Vielfalt und Qualität, die die Kunst des Landes prägt, scheint Südafrika jedoch nur allmählich in der Liga der westlichen Kunstnationen mitzuspielen. Die Gründe dafür liegen in der unzureichenden Infrastruktur des Landes mit zu wenig international agierenden Vermittlungsinstanzen und Kunsthochschulen und einem schwach ausgeprägten Kunstmarkt mit einer fast nicht existierenden Sammlerszene.

Deutsche Galeristen wie Peter Herrmann in Berlin oder Ralf Seippel in Köln setzen sich seit Jahren für die südafrikanische Gegenwartskunst ein. Ralf Seippel beschreibt die besonderen Schwierigkeiten, die diese nach wie vor auf dem westlichen Markt hat: „Vieles von dem, was als südafrikanische Kunst rezipiert wird, hat immer noch einen ,Exotenbonus’. Unter diesen Vorzeichen wird die künstlerische Produktion gehandelt.“ Die wenigen international bekannten Künstler wie William Kentridge oder Santu Mofokeng würden überstrapaziert. Viele talentierte Künstler, die aufgrund ihrer Lebensumstände außerhalb des Marktes stünden, fielen einfach aus der Aufmerksamkeit der Kuratoren heraus. Dabei gebe es in Südafrika noch jede Menge gute Kunst zu entdecken.

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