Zeitung Heute : Auferstanden aus dem Ghetto

FRANK NOACK

Die spannendsten deutschen Filme werden derzeit von Türken gedreht: "Lola und Bilidikid" und "Dealer" erzählen vom Leben zwischen zwei Welten

Das ist er also: der heiß erwartete Berlinfilm, über den schon während der Dreharbeiten ausführlich berichtet worden war.Von Vornherein stand fest, daß sein Hauptreiz die Behandlung eines ungewohnten Themas sein würde: der Alltag homo- und transsexueller Türken in Berlin.Für einen Stoff mit einem so simplen Anliegen ist Kutlug Atamans Drehbuch ungewöhnlich nuanciert und emotional reichhaltig, leider hat er daneben ganz vergessen, Regie zu führen."Lola und Bilidikid" (Panorama) gehört zu jenen Filmen, deren Inhalt die konventionelle Form vergessen läßt.

"Lola und Bilidikid" ist wahrscheinlich der erste Film, der Türken ein kompliziertes Seelen- und Sexualleben zugesteht.Die bislang bei deutschen oder deutsch-türkischen Filmemachern übliche soziologische Perspektive wurde durch eine psychologische ersetzt.Von den emotional verwirrten Protagonisten hebt sich ausgerechnet der Transvestit Lola (Gandi Mukli) ab, der ziemlich genau weiß, was er will: Er liebt den Macho Bili, spielt gern die Frau, will sich aber nicht zur Frau umoperieren lassen.Daß gerade diese Figur etwas blaß bleibt, liegt weniger an der Darstellung als am Fehlen innerer Konflikte.Viel komplizierter geht es im Kopf von Bili (Erdal Yildiz) zu, der Lola zu einer Geschlechtsumwandlung überreden möchte und es abstreitet, schwul zu sein - nur stellt sich dabei die Frage, warum er sich nicht gleich eine richtige Frau nimmt.Anhand dieser Figur übt der Film eine Kritik am türkischen Machismo, die es in der Form noch nicht gegeben hat.

Ataman beschränkt sich nicht auf diese eine Geschichte, die den Film ohnehin nicht tragen könnte.Er entwirft ein Großstadt- oder besser ein Ghetto-Panorama, in dem ein Dutzend Personen nebeneinander agieren.Zur eigentlichen Hauptfigur entwickelt sich der 17jährige Murat (Baki Davrak, der ein türkischer Leonardo Di Caprio zu werden verspricht).Murat erfährt, daß Lola sein verheimlichter Bruder ist.Ihn fasziniert dessen Glitzerwelt, und er setzt sich nicht nur gegen seinen autoritären älteren Bruder durch, sondern verhilft auch seiner Mutter zu mehr Selbständigkeit.Der erste junge Mann, in den er sich verguckt, ist ausgerechnet ein Neonazi, der blonde Walter (Jan Andres).Der ist nicht so brutal, wie er vor seinen Freunden tut, und die beiden überleben ein blutiges Gemetzel, das mit seinem überhöhten Pathos und den Liebenden aus gegnerischem Lager an die "West Side Story" erinnert - bevor der Film wieder zu leisen und humorvollen Tönen findet.

Für die sorgt ein merkwürdiges Paar: der schwule Architekt Friedrich (Mike Gerber) und seine Mutter, gespielt von Inge Keller in ihrem zweiten und besseren Berlinale-Auftritt.Souverän reagiert sie auf die klassenkämpferischen Parolen, die sie sich vom türkischen ÔChauffeur ihres Sohnes anhören muß, sie steht zu ihrem Reichtum ("Ich weiß gar nicht, was Plastik ist.") und zu ihrem Alter ("Mich gab es schon, da war Plastik noch gar nicht erfunden.").Es sind Frauen und Schwule, die in diesem Film Gutes tun und dafür belohnt werden, während die Machos auf der Strecke bleiben.Bili ist ein Auslaufmodell: Mit derselben Brutalität, mit der Neonazis gegen Türken vorgehen, schlägt Bili auf einem WC einen deutschen Schwulen zusammen.Er muß scheitern, denn nur den Liebenden gibt Ataman in seinem Film eine Chance.Das mag als Botschaft naiv klingen, wird aber überzeugend umgesetzt.

Heute 21.15 Uhr (Royal-Palast) morgen 13.30 Uhr (Atelier am Zoo)

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