Zeitung Heute : Auferstanden aus dem Ghetto

SILVIA HALLENSLEBEN

Die spannendsten deutschen Filme werden derzeit von Türken gedreht: "Lola und Bilidikid" und "Dealer" erzählen vom Leben zwischen zwei Welten

Mit seinen "Geschwistern - Kardesler" hat der Regisseur Thomas Arslan letztes Jahr den Reigen der Filme eröffnet, die sich aus der Perspektive der hier geborenen türkischen Einwandererkinder dem Überleben in den deutschen Großstädten widmen.Taner Yigit, einer der beiden Hauptdarsteller in "Geschwister", gibt nun in Arslans neuem Film Can, den "Dealer" (Forum).Älter geworden ist er - in dem Alter machen ein, zwei Jahre viel aus -, trägt Koteletten und fesch frisiertes Haar.Ein kleiner Zwischenhändler, der sein Zeug im Park an schwäbische Touristen verdealt und mit Freundin und dreijähriger Tochter in einer karg möblierten Neubauwohnung am Halleschen Tor haust.Die Szenen ähneln sich.Doch Can ist nicht Erol.Und "Dealer" keine Fortsetzung von "Geschwister".Kam jener fast improvisiert und halbdokumentarisch daher, ebenso hektisch und nervös wie seine Helden, denen er die zerfetzten Tapisserien Kreuzberger Häuserwände entlangfolgte, so ist "Dealer" nun das künstlerisch durchgeformte Gegenstück.Mit seiner schlichten Geschichte und den kargen Einstellungen ein fast lehrstückhaft stilisierter Film, der sich von allen Anflügen auf lebensechten Sozialrealismus fernhält.Hier ist, alles, bis in die streng durchgehaltenen Grundfarb-Konstellationen, durchkomponiert, eine Kamerafahrt schon eine auffällige Bewegung.Und die Dialoge, alle bestdeutsch, klingen in ihrer Floskelhaftigkeit wie Sprechblasen.

Über den meist ohne jede Gesichtsregung vor sich hin sinnierenden Can bricht das Leben als Triple-Bind-Situation herein.Die Freundin: Droht, ihn zu verlassen, wenn er nicht mit dem kriminellen Broterwerb Schluß macht.Der Boß: Will, daß er möglichst viel Geld macht.Die Bullen: Machen auf Kumpel und versuchen, ihn zu Spitzeldiensten breitzuklopfen.Ein Leben im Schnittfeld.Die Optionen sind sehr begrenzt.Das lähmt.Und es sind nicht die genreüblichen dramatischen Verwicklungen, sondern die kleinen alltäglichen, die Can fertigmachen.Sicher, irgendwann passiert ein Mord.Aber nicht der bringt Can in Bedrängnis, sondern die Tatsache, daß er die "anständige", aber erniedrigende Knochenarbeit einfach nicht aushalten kann.Statt graffitibesprühter Mauern zeigt die Kamera von Michael Wiesweg nüchterne Hochhausentrées und U-Bahnhallen.Eine, bis auf die in Parks und vor Hauseingängen herumhängenden Protagonisten, menschenleere Welt.Nichts Folkloristisches ist hier übriggeblieben, keine Dönerbude nirgends, nur Sterilität und ein bißchen Parkgrün dazwischen.Ein Kaufhaus sieht aus wie die Disco.Berlin ist Berlin und könnte überall sein.

Heute 14 (Zoo-Palast), 21.30 Uhr (Delphi), morgen 12.30 Uhr (Arsenal) Sa 22.15 Uhr (Akademie der Künste)

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