Zeitung Heute : Auferstehung des Lodzer Menschen

Polens Beitrag zur internationalen Filmkunst

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Andrzej Wajda mit Patrick Chereau bei Dreharbeiten zu „Danton“, 1982. Foto: RAPHO/laif
Andrzej Wajda mit Patrick Chereau bei Dreharbeiten zu „Danton“, 1982. Foto: RAPHO/laifFoto: 100% RAPHO/laif

Lodz ist ganz einfach zu finden. Es liegt genau in Polens Mitte. Trotzdem ist es keine ganz gewöhnliche polnische Stadt. Ja, man könnte behaupten, es handelt sich um die allerungewöhnlichste der polnischen Städte, schon deshalb, weil die Nationalität hier nie eine Rolle spielte.

Alle Lodzer waren in gewisser Weise Immigranten, was seinen Grund wiederum darin hatte, dass Lodz keineswegs immer in Polens Mitte lag. 1815 unter die Herrschaft des russischen Zaren geraten, erkannte das kleine Städtchen mit nicht einmal 1000 Einwohnern seine Chance: Wenn man demütigenderweise schon zu Russland zählte, warum sollte man dann nicht das riesige Zarenreich einkleiden? Denn der Vorteil des Nachteils, zu Russland gehören, bestand darin, keine Schutzzölle zahlen zu müssen.

Wer an dieser Stelle starke Zweifel empfindet, einen Beitrag über das polnische Filmwesen zu lesen, sei an die Weisheit des Kinos, und gerade an jene des polnischen Kinos erinnert, dass oft der Umweg der direkteste Weg zum Ziel ist. Ist in Andrzej Wajdas „Danton“ nicht fast der halbe Film vorbei, ehe Danton (Gérard Depardieu) wirklich auftritt? Und wieso, dürfte man fragen, spielt in der Selbstfindung des polnischen Kinos gewöhnlich die halbe Welt mit – die besten Schauspieler Hollywoods bei Roman Polanski, die Frankreichs bei Krzysztof Kieslowski? Und wie kam letzterer dazu, die französische Nationalflagge zu verfilmen, in seiner Drei-Farben-Triologie?

Wagen wir die Vermutung, es könne sich mit dem polnischen Kino genauso verhalten wie mit den Lodzer Immigranten. Polen, Juden und Deutsche kamen in die Stadt, die zur Kleiderfabrikantin Russlands wurde, und sie blieben dabei nicht Polen, Deutsche und Juden, sondern wurden Bürger Lodzs und machten es zu der vielleicht einzigen Stadt in Vorkriegs-Polen, deren tragende Schicht das Bürgertum war.

Die zivilisatorische Leistung der Stadt Lodz besteht – wie längst vermutet wurde – darin, den Lodzer Menschen hervorgebracht zu haben. Als die deutsche Besatzung begann und aus Lodz Litzmannstadt wurde, war, so weiß man, alles zu Ende. 1939. Wirklich?

Wir brauchen eine Filmhochschule, sagten sich 1948 die regierenden polnischen Kommunisten und zeigten auf Lodz. Vielleicht, weil hier 1899 das erste polnische Kino eröffnete, das „Iluzjon“. Vielleicht auch, weil es in der kaum zerstörten Stadt noch ein paar intakte Filmstudios gab. Aber wahrscheinlich war es nur Zufall.

Zu den ersten Studenten der Lodzer Filmhochschule gehörte der Sohn des polnischen Kavallerieoffiziers Wajda, der in Katyn ermordet wurde. Andrzej Wajda und seine Mitstudenten überredeten einen kleinen Schauspieler, der in Krakow schon als Kinderdarsteller aufgefallen war, in ihren Studentenfilmen aufzutreten. Es war Roman Polanski. Und so spielte der Flüchtling aus dem Warschauer Ghetto im ersten Spielfilm des Sohnes des ermordeten Offiziers: „Generation“ handelt vom polnischen Widerstand.

Es folgten „Der Kanal“ und „Asche und Diamant“, die beiden frühen Meisterwerke des polnischen Kinos. Die Frage war: Bleibt das Nachkriegs-Polen Asche, aufgerieben zwischen der neuen kommunistischen Macht und der pro-westlichen Heimatarmee, oder ist da für den, der genau hinsieht, ein heller Streifen am Horizont sichtbar? „Asche und Diamant“ entstand 1958. Wajdas junger Schauspieler hatte nun keine Zeit mehr, in seinem Film aufzutreten, denn Roman Polanski drehte selber einen: „Zwei Männer und ein Schrank“. Zwei Männer steigen mit einem Schrank aus der Ostsee, tragen ihn ziellos und verlacht durch Sopot, um schließlich mitsamt Schrank wieder im Meer zu verschwinden. Sollte das sozialistischer Realismus sein?

Musste es auch gar nicht, denn die poststalinistische Freiheit wehte kurz auch durch die Filmhochschule. Die verschickte inzwischen Absage um Absage an einen jungen Abbrecher der Schule für Feuerwehrleute; der begann bald zu hungern, um als Halbverhungerter wegen mangelnder Wehrtauglichkeit nicht zur Armee zu müssen und wäre vielleicht noch ganz verhungert, hätte Lodz nicht schließlich doch ja gesagt. Das war Krzysztof Kieslowksi, der später mit deutschem Geld die „Zehn Gebote“ fürs Polnische Fernsehen verfilmte. Als Dokumentarist fing er an, und dokumentarisch würde der Gestus seines Kinos bleiben, doch nie hat wohl ein Regisseur wie er die reine Alltäglichkeit dazu überreden können, alle Nuancen der Liebe etwa preiszugeben wie in „Ein kurzer Film über die Liebe“. Kieslowski, der Jüngste, starb schon 1996.

1999, als die ganze Welt „Titanic“ sah, standen auch vor den polnischen Kinos Schlangen, doch für einen anderen Film. 15 Millionen wollten „Pan Tadeusz“ sehen, Wajdas Verfilmung des polnischen Nationalepos. Wieder einte er die Polen wie schon Jahrzehnte zuvor, als er mit „Mann aus Eisen“, der Geschichte des Bestarbeiters Birkut, zum Mitauslöser der „Solidarnosc“-Bewegung wurde.

Und Polanski, das Kind, das dem Warschauer Ghetto entkam? Er hat sein Leben lang Klaustrophobien verfilmt, in „Tanz der Vampire“ ebenso wie in „Der Mieter“, wie jetzt in dem Familiendrama „Der Gott des Gemetzels“. Für „Schindlers Liste“ fühlte er sich nicht stark genug, aber für den „Pianisten“ kehrte er nach Warschau zurück und erzählte die Geschichte einer Flucht aus dem Warschauer Ghetto, die ebenso wahr ist wie die seine.

Der Lodzer Mensch hat 1939 nicht aufgehört zu existieren. Er ist nach 1945 wiedererstanden in den großen Regisseuren des polnischen Kinos. Kerstin Decker

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