Zeitung Heute : Aufgebrezelt

Die Berlinale ist eine Orgie mit Filmen, Drinks, Stars und Buffets.Und Dieter Kosslick ist ihr Chef, der das alles überleben muss.Wie er das schafft? Mit Pasta um Viertel vor fünf – Tag für Tag.

Susanne Kippenberger

Dieter Kosslick hat aufgeräumt. Das macht er immer, bevor er anfängt zu arbeiten, da ist er Buddhist, wie er sagt. Nur dann kann er sich konzentrieren: wenn alles aus dem Weg geschafft ist. Schon der Akt des Aufräumens hat für ihn etwas Meditatives, „so wie das Kochen auch“. Diesmal aber hat der Berlinale-Chef nicht den Schreibtisch aufgeräumt – sondern das Buffet.

Ach, die Buffets, sagt er und seufzt. Am liebsten würde er sie schon bei der Eröffnungsfeier abschaffen, den Gästen einen Restaurant-Gutschein in die Hand drücken, dann wäre auch Schluss mit der Meckerei. Denn gemeckert wird immer.

Dieter Kosslick hat eine Buffet-Phobie. Er hasst es, sich zwischen Menschenmassen etwas auf den Teller zu laden, was er gar nicht richtig sehen kann. Wenn er es nicht schafft, sich als allererster etwas herauszusuchen, und dann „ganz schnell abhauen kann“, lässt er es lieber ganz bleiben. Schon das Essen im Stehen mag er nicht. Obwohl – Kosslick widerspricht gerne, auch sich selbst: Physiologisch gesehen sei das sicher ganz schlau, „besser als mit eingeknicktem Bauch“. Aber im Stehen, gar Gehen zu essen, das ist für ihn keine Kultur.

Mit der ist es allerdings selbst bei Kulturschaffenden nicht immer so weit her. Entsetzt erzählt der 57-Jährige, wie er einmal einen Mann beobachtet hat, der sich mit dem Rücken zum Buffet, das noch gar nicht eröffnet war, den Teller voll geladen hat. „Buffets lösen so einen Schnäppchenreflex aus: Egal, ob man Hunger hat oder nicht, man isst fünfmal so viel und schüttet massenweise schlechten Wein in sich rein. Nur weil es umsonst ist. Bei der Berlinale hat man manchmal das Gefühl, da fällt eine sibirische Delegation ins Grand Hyatt ein.“

Um allen Missverständnissen vorzubeugen: Der kleine Schwabe mit dem roten Schal isst gerne. Aber nur gut. Weniger ist mehr, versucht er seinen Gästen zu predigen. Also hat er die Fleischberge bei der Berlinale abgebaut, hat insgesamt abgespeckt, damit man überhaupt erst mal erkennen kann, was alles auf den Tischen liegt – und das wird auch Ökologisches sein. Und beim Eröffnungsempfang wird nicht nur aufgewärmt, sondern richtig gekocht. Als Berliner Stars stehen Tim Raue vom „44“ und Michael Hoffmann vom „Margaux“ mit am Herd.

Auch jetzt würde Kosslick gern essen, an diesem Dienstag vor Berlinale-Beginn, mittags um halb eins. Tut er aber nicht: weil er anschließend kein Nickerchen machen kann. Verabredungen zum Businesslunch vermeidet er, wenn dann auch noch Wein getrunken wird – „da schlafe ich hinterher ein, zackausbumm, da kann ich fünf Espressos trinken“. Also gibt’s heute Mittag nur Mineralwasser im Büro am Potsdamer Platz. Und viel frische Luft: im Bauch. Denn das, erklärt der Viel- und Schnellredner, sei ja auch ein Problem: „Wenn man isst und redet, bläht sich der Bauch immer weiter auf. Irgendwann redet man beim Essen wahrscheinlich nur noch heiße Luft, weil man so viel eingeatmet hat.“ Sagt’s und lacht, sein Kosslicksches Jungenlachen.

Mit gutem Essen (und Trinken) ist der Wahl-Berliner groß geworden, dort, wo man was davon versteht: genau zwischen Baden und Württemberg, „auf der Erdbeergrenze“. Noch heute, mit 92 Jahren, kocht seine Mutter jeden Tag. Ihre Spätzle sind, „wie alle schwäbischen Kreationen“, Balsam für den Sohn: „Essen für die Seele.“

Was für Proust die Madeleine, ist für Kosslick die Butterbrezel – die Rückkehr ins kindliche Paradies mit leuchtenden Augen. „Mit einer guten Butterbrezel – außen knusprig, innen weich, aber nicht schwammig – kriegen Sie mich ziemlich weit gelockt.“ Manchmal träumt er nachts davon, dann kann er ihn riechen im Schlaf, den Duft der Backstube, in der er groß geworden ist: Kosslick war noch ein Baby, als der Vater bei einem Unfall starb; die Mutter ging arbeiten und lieferte den Sohn morgens um sechs in der Bäckerei ab, die unten im Hause war.

Selbst als er groß war und nach Amerika ging, wollte Kosslick auf frische Brötchen nicht verzichten. Seine Gastgeber haben ihn für verrückt erklärt, als er morgens verkündete, er würde jetzt zum Bäcker fahren. „Ich wusste ja, dass das ein bisschen kompliziert war, aber das ist halt so in einem drin.“ Eine halbe Stunde mit dem Auto, wo doch im Tiefkühlschrank die Aufbackware lag! Die Amerikaner kannten ihren Gast schlecht: Der lässt sich nicht bremsen. Jeden Morgen fuhr er zum einzigen Bäcker, den es weit und breit gab – und lernte durch ihn den Bagel kennen. Den wiederum fand er so interessant, dass er bald alles anfing zu sammeln, was er über ihn finden konnte, in New York ging er von einem Laden zum nächsten Geschichtenerzähler – und jeder New Yorker hatte ihm Geschichten über den jüdischen Kringel zu erzählen – und am Ende hat er ein Buch darüber geschrieben, zusammen mit einem Glaubensbruder: Peter Körte, von Beruf Filmjournalist.

Nicht nur gut, sondern fein essen hat Kosslick als junger Mann bei Siebeck persönlich gelernt. „Der wusste so unglaublich viel und konnte so gut, so witzig erzählen. Da hab ich gelernt, was gut ist und was nicht.“ Durch den Journalisten Manfred Bissinger hatte er den Gastrokritiker kennen gelernt, ist mit ihm in jene Münchner Restaurants gegangen, die damals gerade anfingen, die deutsche Esskultur zu revolutionieren, ins „Tantris“, in die „Aubergine“. „Für mich war das eine neue Welt, ein Kaleidoskop allerschönster Farben.“

Auch kochen gelernt hat Kosslick in jungen Jahren, als Student in der WG. „Nach einer Phase großer Essdepression, wo im Kühlschrank lauter kleine Päckchen mit Farbstreifen waren, für jeden seins. Und morgens Gemeinschafts-Plockwurst und Scheibletten.“ So hat er sich mit Kommilitonen an den Herd gestellt, Farfalle mit Ricotta-Knoblauchsauce gemacht, „so hat man sich da herangetastet: Zeitschriften gelesen, die 90-Stunden-Keule von Siebeck gemacht…“

Würde er heute nicht mehr tun. Vor zehn Jahren hat Kosslick endgültig aufgehört, Fleisch zu essen, aber schon vorher hatte er es nur noch „sehr dezidiert gegessen. Diese ganze Diskussion um das Gift in den Lebensmitteln und der artgerechten Haltung – das konnte man damals schon wissen, wenn man wollte.“ Damals, 1982, war Kosslick Redakteur bei „Konkret“ – und betreute dort die Öko-Tipps. Lorbeeren erntete er damit nicht in der linken Szene. „Ich würde mal sagen, dass der Neben-Widerspruch zwischen Mann und Frau und der Haupt-Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit einen höheren Stellenwert besessen haben als formaldehydhaltiges Shampoo.“ Eher schwachsinnig fanden Kollegen und Leser das, was er druckte, aber das hat ihn nicht weiter gestört, im Gegenteil, je mehr er sich mit Lebensmitteln beschäftigte, desto mehr haben sie ihn interessiert, desto mehr, stellte er fest, hing da dran – so wie die Subventionen am weißen Zucker. „Das ist wie beim chinesischen Strippenziehen auf dem Jahrmarkt: Wenn Sie da an einer Schnur ziehen, gehen alle hoch.“

Gutes Essen, das ist für Kosslick deshalb keine Sache für eine kleine Feinschmecker-Elite, sondern etwas ganz Elementares, „ein Menschenrecht“. Schon vorher politisch und gewerkschaftlich engagiert, trat der Filmmanager dann auch gleich Slow Food bei, als der italienische Verein einen deutschen Ableger bekam. Jetzt kommt Slow Food-Präsident Carlo Petrini als Gast auf die Berlinale: Nächsten Sonntag tritt er auf dem Talent Campus auf, der sich in diesem Jahr dem Thema „Essen, Hunger und Geschmack“ widmet. Mehr als 500 junge Talente aus über 100 Ländern werden dann darüber debattieren, was Film und Kochen miteinander gemeinsam haben.

Viel, findet Kosslick. Im Grunde gehe es doch um dieselben Themen: darum, die Vielfalt zu erhalten, das Besondere gegenüber dem globalisierten Allerwelts-Geschmack zu verteidigen – die nationale, unabhängige Filmkultur ebenso wie die 40 verschiedenen alten Maissorten in Mexiko. Auf die Idee für das Thema sind Dieter Kosslick und der Regisseur und Campus-Partner Thomas Struck im letzten Jahr gekommen, als es um die Kartoffel ging: um die Abschaffung der Linda. „Im Grunde war das ja ein Urheberrechtskampf.“ Und so werden die Teilnehmer des Talent Campus sich nun mit den fünf Schritten des Filmemachens und Kochens beschäftigen: „Philosophy, preproduction, production, presentation, marketing“, zählt Kosslick auf – „beim Kochen sind das Einkaufen und Vorbereiten, Kochen, Präsentieren, Essen und Schmecken.“ Und die Sinnfrage: „Darum geht es doch überhaupt – Essen zu teilen. Das ist eine Gemeinschaftsveranstaltung, genau wie Kino.“

Während der Berlinale ist das Essen für deren Leiter allerdings eine eher einsame Angelegenheit, dann befolgt er wieder seinen rigorosen Speiseplan: jeden Nachmittag um Viertel vor fünf ein Teller Nudeln und Schluss. Nichts zu essen mehr und schon gar kein Alkohol. „Das ist wie bei Babys: Alles muss genauestens geregelt sein.“ Sonst schaffe er das nie, diesen zehntägigen Marathon, bis zu 40 Veranstaltungen am Tag, immer gute Laune, ein flotter Spruch auf den Lippen, immer präsent sein.

Die Pasta, die satt und glücklich, aber nicht voll macht, verspeist er stets am selben Ort, dort, wo er auch während der Festspiele schläft: im Hyatt. Da ist er wieder, der Buddhist, der sich erst, wenn alles aus dem Weg geräumt ist, konzentrieren kann. Und Viertel vor fünf, hat Dieter Kosslick festgestellt, ist eine ideale Zeit, „da ist der erste rote Teppich rum und der nächste noch weit genug weg, dass ich das auch verdauen kann. Mit schwerem Magen fällt mir nichts ein. Und die Berlinale ist ja auch eine große Gästebegrüßungsanstalt.“

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