Zeitung Heute : Aufgehoben aus Ruinen

Alte Türen, neue Schlösser – historische Bauelemente bestechen mit Charme und Chic

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Fundstück mit schönen Aussichten. Olaf Elias betreibt im brandenburgischen Marwitz in einem ehemaligen DDR-Schweinemastkombinat...dpa-Zentralbild

Berlin ist eine Altbau-Stadt. Hier wird ständig saniert, renoviert, um- und ausgebaut. Dabei achten heute viele Bauherren und Architekten auf Authentizität und lassen sich entweder von Handwerkern alte Türen, Beschläge und dergleichen nachbauen oder suchen stattdessen gezielt nach historischen Baustoffen. So wendet man sich wieder einer Tradition zu, die in Zeiten industrieller Fertigung und großer Baumärkte, fast in Vergessenheit geraten ist: die Wiederverwertung alter Türen, Fenster, Ziegel und anderer Bauelemente.

Als historisch gelten dabei alle Baustoffe aus der vorindustriellen oder handwerklichen Produktion aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, die bereits einmal im Einsatz waren. Die angesetzte Patina mache einen Teil des Reizes aus, so Bauherrin Michaela Treitel, die sich für ihr Haus auf die Suche nach Türen gemacht hat. Holztüren und Beschläge können sich Hausbesitzer auch von Handwerkern nachbauen lassen, doch das geht schnell ins Geld. Über eine Internetbörse ist Michaela Treitel auf einem brandenburgischen Dachboden fündig geworden. „Wir sind dann über die Dörfer gefahren und haben die schweren, alten Türen ins Auto geladen“, sagt sie. „Es war ein richtiges Abenteuer.“ Aber so weit muss man nicht unbedingt gehen.

Gerade in und um Berlin haben sich in den letzten 20 Jahren zahlreiche Anbieter historischer Baustoffe angesiedelt. „Anfangs haben wir einfach alles, was in den Dorfauen lag, eingesammelt“, erzählt Olaf Elias, der seit 1990 in Marwitz den Hof „Historische Bauelemente“ betreibt. „Das waren riesige Haufen von Ziegeln, Türen, Fenster, Dielen, Zaunstücken, einfach alles. Heute ist das etwas anders. Manchmal werden wir angerufen, wenn ein altes Haus abgerissen oder entkernt wird. Dann haben wir nur wenige Tage, um die alten Teile zu retten. Meistens kaufen wir unsere Baustoffe aber auf.“

Der Großteil seines Angebots stammt aus Berlin und Ostdeutschland, vieles findet aber auch seinen Weg per Container aus ganz Europa nach Marwitz. „Wir nehmen prinzipiell alles, wobei vom Alter her unsere Schallmauer bei den 60er und 70er Jahren liegt. Das ist eine Zeit, in der noch eine andere Formsprache existierte als heute“, so Elias. „Angeboten werden die Baustoffe dann im Bergungszustand.“ Wer die Teile aufarbeiten lassen möchte, könne sich an zahlreiche Handwerksbetriebe wenden, die Erfahrung mit historischen Türen, Fenstern oder Ziegeln haben. „Man sollte allerdings Abstand davon nehmen, unbedingt das günstigste Angebot anzunehmen“, rät Restaurator Manfred Sturm-Larondelle. Oft würden unerfahrene Betriebe die Aufarbeitung historischer Holzteile mit modernen Lacken, Polituren oder Schutzmitteln durchführen, was zwar kostengünstig sei, aber dem Holz schadet. Auch wisse nicht jeder Maurer, wie man mit alten Ziegeln oder Kacheln umgeht. Moderne Zemente und Klebstoffe können ihnen mehr schaden als nützen. „Auf lange Sicht zahlt man dann drauf“, sagt er.

Insofern ist also der Einsatz historischer Baustoffe nicht unbedingt die kostengünstigste Variante, wohl aber die authentischere, die obendrein auch noch Ressourcen schont. „Für unsere Türen muss kein Baum mehr geschlagen werden“, sagt Michaela Treitel. Zwar seien die sechs rund 100 Jahre alten Türen alle etwas unterschiedlich, dafür aber auch voller Leben. „Sie haben schon einiges gesehen und sich bewährt“, meint die Bauherrin. Sie ist sich dabei aber auch bewusst, dass sie mit ihren Türen Glück gehabt hat, da sie in einem guten Zustand sind und außerdem gut zusammenpassen.

„Historische Baustoffe sind ein Kulturgut“, sagt Olaf Elias. Sie zu erhalten und wiederzuverwerten, sei ihm wichtig. Insofern freut er sich, wenn er seltene oder einmalige Baustoffe findet, die dann in einem Haus oder einer Wohnung wieder verbaut werden. Besonders begehrt seien Türen, aber auch Fußböden aus Holz, Stein oder Fliesen, ebenso wie alte Zäune für den Garten und Einzelobjekte wie eine schöne Figur oder eine Wendeltreppe. „Wir sehen hier im Monat Hunderte Kieferndielen. Wenn dann mal Eichendielen über den Tresen gehen, weiß ich, dass sie einmalig sind und freue mich, dass sie bei uns gelandet sind und vor allem dass sie wieder eingebaut werden. Eiche ist so ein sensationeller Baustoff, der über Jahrhunderte hält", so Elias.

Mit dem Erwerb eines alten Balkons, einer gußeisernen Säule oder historischer Fliesen ist es meist nicht getan. „Sie brauchen auch jemanden, der Ihnen die Sachen richtig einbaut“, sagt Claus Asam vom Institut für Erhaltung und Modernisierung von Bauwerken in Berlin. Zwar ließen sich historische Baustoffe in der Regel mit modernen Verfahren einbauen. „Aber wenn Sie eine alte Fliese mit modernem Kleber anbringen, bekommen Sie die nicht noch einmal heil ab“, sagt Andreas Vogel, Diplom-Bauingenieur beim Görlitzer Fortbildungszentrum für Handwerker und Denkmalpfleger.

Etwas schwierig ist es auch mit Fenstern. „Die modernen Dämmschutzverordnungen machen den Einbau historischer Fenster etwas kompliziert“, sagt Restaurator Sturm-Larondelle. Man müsse sich dann manchmal mit einem innen liegenden Doppel aushelfen oder versuchen, in die historischen Rahmen moderne Gläser einzubauen. „Das klappt nicht immer“, meint er. Aber mit etwas Kreativität seien solche Probleme meist zu lösen.

„Dass historische Baustoffe heute nicht nur in Berlin und Deutschland, sondern weltweit begehrt sind, hat etwas mit dem wachsenden Wohntrend zu tun, Altes und Neues zu mischen“, meint Unternehmer Olaf Elias.

So darf man sich nicht wundern, wenn Teile aus der alten italienischen Botschaft in Berlin, die bei der Neugestaltung übrig geblieben sind, schließlich in einer New Yorker Villa landen, oder dass sich eine Berliner Tür heute in einer Tokioer Modeboutique öffnet. (mit dpa)

Weitere Informationen unter:

www.historische-baustoffe.de

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