Zeitung Heute : Aufgeklärtes Mäzenatentum

Die Jürgen-Ponto-Stiftung erinnert mit einem Berliner Festakt an die Ermordung Pontos vor 20 Jahren - und zieht eine ErfolgsbilanzDie Erinnerung an den "deutschen Herbst" ist in diesem Jahr, in dem sich die Serie von Terroranschlägen auf Buback, Ponto, Schleyer und die Flugzeugentführung der "Landshut" zum 20.Mal jähren, häufiger und ausführlicher beschworen worden als je zuvor.Akribisch nachgestellte Dokumentarfilme, Kolloquien ehemaliger RAF-Beteiligter, Biographien und Essays zeugen von der Präsenz des Themas in den Medien.Zu Ehren von Jürgen Ponto, Vorstandssprecher der Dresdner Bank, der heute vor 20 Jahren vor seinem Haus im Taunus von Terroristen ermordet wurde, wählte die Jürgen-Ponto-Stiftung einen anderen Weg: Dem Musikliebhaber und -mäzen widmete sie am Montag abend im Kleinen Saal des Schauspielhauses am Gendarmenmarkt ein Gedenkkonzert, das Kolja Blacher, erster Konzertmeister des Berliner Philharmonischen Orchesters, gemeinsam mit den Solisten der Kammerphilharmonie Berlin gestaltete. Das Konzert war gleichzeitig Anlaß, die zwanzigjährige Arbeit der Stiftung vorzustellen, deren erster Stipendiat Kolja Blacher war.Noch 1977 hatte die Witwe Jürgen Pontos, Ignes Ponto, gemeinsam mit dem Vorstand der Dresdner Bank eine Institution ins Leben gerufen, um junge Künstler zu Beginn ihrer Karriere besonders zu fördern.Im wichtigsten Bereich "Musik" werden ausschließlich Schüler unterstützt, die den ersten Preis des Bundeswettbewerbs "Jugend musiziert" gewonnen haben - mit monatlichen Stipendien, Konzerten und Instrumentenleihgaben.So spielt Kolja Blacher als Leihgabe der Stiftung eine Stradivari von 1730.International bekannte Stipendiaten wie Frank Peter Zimmermann, Christian Tetzlaff und Manfred Trojahn zeugen vom Wert dieser Förderung, die sich als aufgeklärtes Mäzenatentum begreift.Diesjährige Stipendiatin im Bereich Literatur, in dem auf Vorschlag von Verlegern Erstveröffentlichungen gefördert werden, ist die unlängst bei dem Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnete 21jährige Zoe Jenny aus Basel.Die Architektenförderung unterstützte mit Projekten in Dresden und Görlitz den Wiedervereinigungsprozeß und schreibt dieses Jahr einen Stadtplanungswettbewerb für die von Ceausescu planierten Viertel Bukarests aus.Seit 1977 sind insgesamt 345 Künstler mit 5,8 Millionen Mark gefördert worden. "Erhalten wir uns ein feines Ohr für die falschen Töne", hatte Ponto seinerzeit in einer Ansprache in der Berliner Kongreßhalle anläßlich des 100.Geburtstags der Dresdner Bank 1972 gemahnt.Als Begründer eines Arbeitskreises zur Förderung des deutschen Musiklebens und als Initiator der Orchester-Akademie des Berliner Philharmonischen Orchesters hatte er sich stets für eine Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Kunst eingesetzt.Es ließe sich daher keine angemessenere Ehrung für Jürgen Ponto denken als Musik.Schon 1978 hatte Herbert von Karajan gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern mit einem Benefizkonzert das Stiftungskapital um 500 000 Mark erhöht und damit einem Mann gedankt, der sich so wirksam für das Musikleben eingesetzt hatte. Mit Johann Sebastian Bachs in der Bearbeitung für Violine aufgeführten Cembalokonzert d-Moll hatte Kolja Blacher einen dem Anlaß angemessenen Auftakt gewählt.Die funeralen Töne, leidenschaftlich aufsteigenden Melodiebögen und kühnen Halbtonschritte des düsteren Werks gestaltete der 34jährige mit Pathos und Kraft, während in den trostreichen Kantilenen des Largos die ganze Geschmeidigkeit des Technikers zum Ausdruck kam. Felix Mendelssohn Bartholdys Jugend-Oktett Es-Dur gestalteten die Solisten der Kammerphilharmonie mit allem Feuer, das der gelegentlich etwas unausgewogenen Symphonik des 16jährigen Komponisten entspricht.Bewegliche Tempi, satte Unisono-Klänge und tänzerisch leichtgewichtige Rhythmen machten das furios-temperamentvolle Stück zum romantischen Triumphgesang.Der Enthusiasmus der Musiker ist die schönste Bestätigung von Pontos Satz: "Resignation erspart uns nichts."

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