Zeitung Heute : Aufpassen und ruhig bleiben

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Die Vogelgrippe und ihre Ausbreitung waren Thema im Bundestag. Wie will die Bundesregierung die Gratwanderung zwischen Auklärung und Panikmache bewältigen?

Die Bundesregierung wandelt beim Umgang mit der Vogelgrippe auf einem schmalen Grat: Einerseits muss sie Panikmache vermeiden, andererseits wäre es fahrlässig, keine Vorbereitungen für den schlimmsten Fall zu treffen. Der schlimmste Fall, das ist die Übertragung des Vogelgrippevirus H5N1 von Mensch zu Mensch.

Bisher wurde das Virus nur von Tieren auf den Menschen übertragen. Bei der Aktuellen Stunde im Bundestag am Mittwoch wies deshalb nicht nur der zuständige Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) darauf hin, dass trotz einer erhöhten Gefahrenlage kein Anlass zur Panik bestehe. Es gebe bisher weder einen Verdachtsfall von Vogelgrippe in Deutschland, noch Hinweise auf eine Pandemie, ergänzte der FDP-Abgeordnete Hans-Michael Goldmann. „Die Vogelgrippe ist eine Tierseuche.“

Aber die Situation könnte sich schlagartig ändern, warnt das Robert-Koch-Institut (RKI). Mutiert das Virus genetisch so, dass eine Übertragung von Mensch zu Mensch möglich ist, könnten allein in Deutschland innerhalb weniger Wochen 100 000 Menschen sterben, schätzen Experten. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung rechnet bei einem Ausbruch einer Vogelgrippepandemie hier zu Lande mit einem wirtschaftlichen Schaden von zwischen 25 und 75 Milliarden Euro. Für diesen Fall wurde ein nationaler Notfallplan entwickelt, der unter anderem Einreisebeschränkungen, die Schließung von Schulen und Kindertagesstätten sowie Beschränkungen des Reiseverkehrs vorsieht.

Erst einmal haben sich Bund und Länder aber auf einen vorbeugenden Aktionsplan geeinigt, um ein Ausbrechen der Tierseuche in Deutschland zu verhindern. Dabei ist eine Stallpflicht für Geflügel im Frühjahr laut Seehofer „höchst wahrscheinlich“. Denn dann setzt der Vogelzug in Richtung Norden wieder ein, der nach Angaben des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tierseuchen zu einem Viertel über die von der Vogelgrippe betroffene Türkei verlaufen dürfte.

Wichtig sei auch ein europaweit koordiniertes Vorgehen, sagte Seehofer. „Kein Staat dieser Erde kann diese schlimme Tierseuche allein bewältigen“. Am nächsten Montag werde der EU-Agrarrat unter anderem über eine Lebensmitteldeklarationspflicht für Reisende beraten. Denn die größte Gefahr gehe weiter vom illegalen Import von Geflügel aus betroffenen Gebieten aus. Der Bund werde alles unternehmen, um das Virus von Deutschland und der EU fern zu halten.

Ein Impfstoff für Menschen könne erst entwickelt werden, wenn es schon zu einer Übertragung von Mensch zu Mensch gekommen sei und man die genetische Zusammensetzung des Virus kenne, sagten Fachleute des Paul-Ehrlich-Instituts und des RKI in einer Expertenanhörung des Agrar- und Gesundheitsausschusses. Danach werde es zehn Wochen dauern, bis ausreichend Impfstoff produziert worden sei. Eine Durchimpfung der deutschen Bevölkerung würde fünf Monate erfordern.

Wie ernst die Weltgemeinschaft das Thema Vogelgrippe nimmt, zeigte sich am Mittwoch: Auf der internationalen Geberkonferenz in Chinas Hauptstadt Peking kamen 1,9 Milliarden Dollar (1,57 Milliarden Euro) für den Kampf gegen die Vogelgrippe zusammen – sogar 400 Millionen mehr, als von den Vereinten Nationen gewünscht. Das Geld soll insbesondere für Maßnahmen zur Früherkennung und zur Intervention in den ärmsten Länder eingesetzt werden.

Die Europäische Union beteiligt sich mit 100 Millionen Euro. Zusammen mit den 114 Millionen Euro aus jeweils nationalen Mitteln der 25 EU-Mitgliedstaaten bringt die EU damit insgesamt Mittel in Höhe von rund 214 Millionen Euro auf. Deutschland trägt dabei nach Angaben des Bundestages einen Anteil von 26 Millionen Euro.

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