Zeitung Heute : Aufräumen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

As hätte der liebe Gott mich gekannt. Alles hat seine Zeit, steht in der Bibel geschrieben: Das Lachen und das Weinen, das Suchen und das Verlieren, „Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit…“ Die Zeit des Steinesammelns währt bei mir schon ziemlich lange. 46 Jahre, um ehrlich zu sein. Mindestens aber zwölf. So lange wohne ich schon in derselben schönen großen Altbauwohnung. Und da sammelt’s sich.

Jetzt aber ist die Zeit des Wegwerfens angebrochen. Vor ein paar Wochen hatte ich nämlich Besuch. Von einer Aufräumerin. „Personal organizer“ nennen die Amerikaner Menschen wie Sophie Babendererde, das klingt nicht nur besser, das trifft es auch eher, weil sie nämlich nicht einfach aufräumen, sondern ein Ordnungssystem schaffen, das zu den Lebensgewohnheiten des hilfsbedürftigen Chaoten passt. Was sie mir gesagt hat? „Ihre Sachen haben kein Zuhause.“ Und was soll ich sagen: Recht hat sie. Obdachlos fliegt alles bei mir herum, von der Kaffeekanne bis zu den Zeitungsbergen, weil ich nie weiß, wohin damit.

Also habe ich mit dem Ausmisten begonnen. Ein überraschend unsentimentales, ja, beschwingendes Unterfangen. Denn die Zeiten, so die Erkenntnis des Grabens in den Schränken, ändern sich, und das heißt oft: Sie bessern sich. Die alte zerfetzte Bibel zum Beispiel in der alten deutschen Schrift, die ich kaum noch entziffern kann, habe ich weggegeben. Auch nach Stunden des Suchens hätte ich die zitierte Bibel-Stelle vom Prediger Salomo nicht gefunden; das Internet aber macht’s möglich. Und: Man selber ändert sich. Das Häkeln zum Beispiel hat bei mir seine Zeit gehabt. Aus einer wunderschönen bemalten Hutschachtel (deren Schönheit niemand sah, weil sie unter Bücherbergen beerdigt war) habe ich neben Stoffresten, Stickgarn und Wollknäueln auch einen halb gehäkelten Topflappen gefunden. Angefangen habe ich ihn vor ungefähr 20 Jahren, als ich mit einer häuslichen Schwäbin die Studenten-Wohnung teilte und dachte, so was müsste ich doch auch können. Kann ich aber nicht. Heute sag ich mir: Muss ich auch nicht. Also: Topflappen adé.

Nachdem ich schon säcke- und kistenweise Bücher, Stoffballen, Aktenordner, Vasen und überfällige Lebensmittel (die so gut im Schrank versteckt waren, dass ich sie nie gesehen habe) aus der Wohnung geschafft hatte, war die personal organizerin an diesem Wochenende bei mir. Und innerhalb von Stunden hat sich das Chaos in Küche und Kammer in zauberhafteste Ordnung verwandelt. Resolut und gut gelaunt ging Sophie Babendererde ans Werk, allein beim Anblick meiner Marmeladengläsersammlung hat sie gejuchzt vor Vergnügen. Ich hatte nämlich ungefähr 36 Marmeladengläser, auf vier Schrankfächer verteilt, und 84 Marmeladengläserdeckel, nur die passenden habe ich nie gefunden.

Nun also ist die Zeit des Findens angebrochen. Jetzt juchze ich vor Vergnügen, wenn ich sehe, wie die Marmeladengläser stramm stehen vor mir, alle in einer Schublade. Es steht zusammen, was zusammen gehört, jede Ölflasche hat ihr Zuhause, ach was: ein richtiges Heim.

Sophie Babendererde, Telefon 04 104/79 52, 01 79/20 12 455, www.Aufgeraeumt.com.

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