Zeitung Heute : Aufregendes Bonn

Kerstin Reisdorf

In Bonn regnet es entweder oder die Schranken sind zu. Sagen die Bonner. Und John le Carré. Warum sollte jemand so eine Stadt besuchen wollen? Das (ehemalige) Regierungsviertel sieht aus wie eine Westernstadt kurz vor High Noon, und das rheinische Leben, kann man das nicht viel besser in Köln genießen? Das sei dahingestellt, aber wohl nur in Bonn kann man einen Ausflug in die Welt der Spionage erleben. Einmal wie Günter Guillaume von der Telefonzelle zum totem Briefkasten schleichen. Einmal wie Elke Falk konspirative Plastiktüten in der U-Bahn tauschen. Oder wie Markus Wolf eine verschlüsselte Nachricht dechiffrieren.

"Gegenwartskunde und Stadtinszenierung" will die Stadtführung "50 Jahre Spionage" bieten, sagt Initiator Norbert Volpert vom Verein StattReisen. Vor zwei Jahren hat er die Tour entwickelt als Beitrag zum 50sten Jubiläum der Bundesrepublik. Inzwischen haben sich Tausende von ihm zum James-Bond-Spielen verleiten lassen, von Geburtstagsgästen bis zur seriösen Firma auf Betriebsausflug.

Mehr als 20 auf einmal dürfen es aber nicht sein, denn die Gruppe soll ja gemeinsam die ihr gestellte Aufgabe lösen und eine angeblich verloren gegangene Akte wiederfinden. Dazu werden die - in der Regel erwachsenen - Schnitzeljäger mit einem Schließfachschlüssel und einem Dechiffriercode auf die Suche geschickt. Auf dem Weg durchs ehemalige Regierungsviertel warten einige unterhaltsame und informative Begegnungen auf die Teilnehmer, zum Beispiel mit einer Vertreterin der Kategorie "ausgenutzte Sekretärin", die sehr glaubwürdig wirkt.

Romeos der Stasi

Für seine Spionage-Tour ist Volpert tief in die Materie eingedrungen und hat einiges über die Welt der Bonner Spione herausgefunden. Dass zum Beispiel im biederen Café Müller-Langhardt am Marktplatz gern die allein stehenden Sekretärinnen von Romeos der Stasi erst zu Käsekuchen eingeladen, dann zur Beschaffung von Geheimdokumenten überredet wurden. Er schätzt, dass sich bestimmt mehr als tausend der insgesamt bis zu 30 000 Agenten der deutschen Vergangenheit in Bonn tummelten. Und dass die meisten von ihnen, vielleicht weil sie so völlig unauffällig waren, nie enttarnt wurden. "Erst letztens hat mich doch wieder einer angerufen", erzählt der studierte Historiker. Leider habe er noch keinen zum Mitmachen bewegen können.

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