Zeitung Heute : Aufs Ganze

THOMAS LACKMANN

Festakt zum zehnjährigen Bestehen der Guardini StiftungTHOMAS LACKMANNDer einzigartige Saal des Musikinstrumentenmuseums steckt voller potentieller Klänge.Aus Vitrinen und Winkeln tönen - unhörbar - Rauschpfeifen, Krummhörner, Trompeten, Posaunen, Spieldose, Flötenuhr, Cembalo, Orgel, Mandoline und Kontrabaß.Sobald aber der Saal mit Ehrengästen gefüllt ist, für den Festakt zum 10jährigen Bestehen der Guardini Stiftung, gleicht er vielen Sälen.Die Rede Józef Tischlers fällt gleichwohl aus dem Rahmen.Der Text des Verhinderten wird verlesen - und an der provokantesten Stelle von einem Instrument unterbrochen.Der Theologe betrachtet den "Raum als Projektion der Freiheit".Die Gedanken klingen altmodisch, selbstbewußt.Ein "Haus" als Beheimatung entstehe nur aus der Gegenseitigkeit von Mann und Frau: "Das Haus ist vor allem für das Kind da.Kinderlosen Häusern entströmt eine seltsame Öde." Wenn der Mensch "dem Anderen" einen Teil "seiner selbst" schenke, werde er zugleich beschenkt: Das gegenseitige Geschenk sei "das Gute".Einsam könne keiner gut sein, nur "für einen Anderen".Freiheit entstehe durch das Gute, schreibt der Krakauer Priester.Menschen, deren inneres Haus zerstört sei, verwandelten dieses in ein Versteck, um "den Anderen" auf Distanz zu halten."Es ist ein gesellschaftlicher Raum denkbar, der nur aus Verstecken besteht." In Europa habe "jeder von uns" ein Versteck zu verlassen: Kommunismus, Nationalismus, Liberalismus, Vorurteile ..."Wollen wir jetzt an einem gemeinsamen Haus bauen, müssen wir uns aus unseren Verstecken wagen." Im Moment dieser Herausforderung schrillt blinkend die Alarmanlage des Museums. Die anderen Beiträge alarmieren weniger.Der Präsident der Guardini Stiftung, Jakob Kraetzer, streift artig die Hau-Ruck-Rede des anwesenden Bundespräsidenten und erinnert an die so anderen 20er Jahre, als Romano Guardini in Berlin antrat und seine Fahrkarte mit einem Waschkorb voll Inflationsgeld bezahlen mußte.Hellsichtig habe der Religionsphilosoph den Totalitarismus des Jahrhunderts vorausgesagt.Mit Ausstellungen und Kolloquien führe die Stiftung sein Erbe, eine "Kultur des freien Dialogs, der parteiunabhängigen, konfessions- und disziplinüberschreitenden Begegnung zwischen Wissenschaft, Kunst und Glauben" weiter; derzeit bereite man ein Kolleg für junge Führungskräfte vor, das "zur Stärkung des Grundkonsenses in unserer Gesellschaft" beitragen solle.Nur eine flache Apologie des Ballungsraumes bietet Klaus Töpfers Rede "Großstadtprofil nach Menschenmaß".Bei jeder Maßnahme müsse man sich fragen: "Was trägst du dazu bei, diese Stadt unverwechselbar zu machen?" Krieg und Frieden entscheide sich an der Überschaubarkeit einer Stadt, am Nachbarschaftsgefühl, an täglicher Abrüstung - hier stoße man auf Guardinis Frage: Wie können Menschen auf Dauer miteinander leben? Eberhard Diepgen überrascht vielversprechend: Von Berlin aus solle der Dialog monotheistischer Religionen gefördert werden; eine Stadt wie Berlin müsse "über eine starke Theologie verfügen" und auch eine Katholische Fakultät ermöglichen - sobald der Haushalt im Lot sei."Der von dieser Stiftung beschrittene Weg macht immer mehr Schule" - eben das werde von Berlin erwartet: der "Blick aufs Ganze". "Guardini sprengt das Klassenzimmer" hat vormals Hanna-Renata Laurien ihren Bericht über die für sie wegweisende Begegnung mit dem charismatischen Lehrer genannt.Aufs Ganze geht an diesem Abend, außer der Tischler-Rede, nur die zwischendurch hörbare Musik.Die Gruppe Camerata instrumentale der Deutschen Oper spielt Witold Szaloneks "Connections": eine sich quietschend vorandrückende Laut-Landschaft aus Flügel-Prasseln, lispelndem Flötenwind, Streicherkreischen, ein Soundtrack der ungeölten Evolution.Später wird Bertold Hummels "Partita für Kammerorchester" aufgeführt: eine Großstadtsonate der expressionistischen Fluchten, Schatten, Passagen, der quirligen Triller und Unisono-Schiebungen - stotternde Walzer-Splitter, humpelnde Verkehrs-Märsche, gelenkte Eskalation, Sekunden-Harmonie.Der Raum weitet sich.Nach dem Stehempfang bleibt er mit seinen ungespielten Museums-Instrumenten einsam schön zurück - wie eine wunderbare Möglichkeit.

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