Zeitung Heute : Aufstand der Randständigen

Paris’ Obdachlose fordern ein Recht auf bezahlbare Wohnungen. Präsident Chirac ist dafür, die großen Parteien auch. Trotzdem werden die Zelte an den Kanälen nicht weniger. Im Gegenteil

Hans-Hagen Bremer[Paris]

Ins Zelt Nummer 73 kommt Bewegung. Jemand zerrt von innen am Reißverschluss und schlägt dann die Abdeckung des Eingangs zur Seite. Philippe – mehr als seinen Vornamen will der etwa 50 Jahre alte Mann nicht nennen – wühlt sich aus seinem Schlafsack, steigt heraus und blinzelt in die tief stehende Wintersonne, die den Kanal Saint-Martin zwischen zwei Regenschauern in ein helles Licht taucht. Abwechselnd auf beiden Füßen tretend und mit den Armen den Oberkörper schlagend versucht er, die feuchte Kälte abzuschütteln. Dann geht sein Blick über die roten Iglu-Zelte, die wie Perlen an Schnüren aufgereiht an beiden Ufern des Pariser Kanals stehen.

Es ist Mittag. An einer Ecke des Quai de Valmy haben freiwillige Helfer aus der Nachbarschaft einen Stand errichtet, an dem sie heißen Tee, belegte Brote und eine warme Suppe an Menschen wie Philippe austeilen, Obdachlose, die wie er seit Mitte Dezember in dieser von zahlungskräftigen Mietern bevorzugten Gegend in Zelten hausen. Etwa 100 waren es am Anfang. Inzwischen sind es fast dreimal so viele, und der Platz an den Quais wird knapp. Die Zelte stellt die Obdachlosen-Initiative „Kinder des Don Quichotte“. 30 Euro pro Stück haben dafür die Initiatoren aus eigenen Mitteln im Sporthandel bezahlt. Manche sind mit Blumen geschmückt, an anderen sind Pappschilder mit verwischten Aufschriften festgeklammert, etwa: „André, SDF depuis 2002“ .

SDF, die Abkürzung für „sans domicile fixe“, ohne festen Wohnsitz. SDF sind die etwa 400 Menschen alle hier, einige seit Monaten, manche seit vielen Jahren. „Ich war Baufacharbeiter“, sagt Philippe, während er an einem Becher mit Gemüsebrühe schlürft. „Dann starb mein elfjähriger Sohn an einem Tumor.“ Damit endete sein bürgerliches Leben, seine Ehe zerbrach, er verlor seine Arbeit. „Seitdem bin ich auf der Straße.“ Mit dem romantischen Bild des weinseligen Clochards, der aus freier Entscheidung unter Seine-Brücken lebt, hat sein Schicksal wenig gemein. „Ohne Arbeit finde ich keine Wohnung“, sagt Philippe, „und ohne Wohnung finde ich keine Arbeit.“

Passanten bleiben stehen. Das Verständnis der Bevölkerung für die Obdachlosen ist groß: 48 Prozent der Franzosen befürchten laut einer Umfrage, sie könnten eines Tages selbst obdachlos werden. Fotografen drängeln sich durch die Menschengruppen. Ein japanisches Fernsehteam bringt seine Kamera in Stellung. Das Camp am Kanal Saint-Martin ist das Pariser Medienereignis dieses Winters. Zahlreiche Prominente haben den SDF Solidaritätsbesuche abgestattet. Politiker übertrafen sich mit Absichtserklärungen zur Wohnungsnot. Einige folgten sogar dem Beispiel von Pariser Bürgern, die mit den Obdachlosen eine Nacht im Freien verbrachten. In seiner Neujahrsansprache forderte Staatspräsident Jacques Chirac die Regierung auf, noch vor dem Ende der Legislaturperiode im Februar ein Gesetz zu verabschieden, das den Obdachlosen ein einklagbares Recht auf eine Wohnung garantiert.

„Einen solchen Erfolg haben wir uns nicht träumen lassen“, sagt Jean-Baptiste Legrand. Der Dreißigjährige, von Beruf Filmproduzent, gehört zu den Initiatoren der Aktion „Die Kinder des Don Quichotte“. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, Frankreichs Politiker angesichts der um sich greifenden Not der Obdachlosigkeit zum Handeln zu zwingen. Mit mehr als einer Million wird die Zahl derer angegeben, die nach dem Verlust der eigenen Wohnung bei Verwandten oder Freunden unterkommen oder in Campingwagen leben, während sie auf die Zuteilung einer Sozialwohnung warten. Zwar werden in Frankreich laut Statistik ausreichend Wohnungen gebaut, jedoch sind die Mieten so hoch, dass viele Menschen auf dem Markt keine Chance haben.

„Seit 20 Jahren ist die Politik untätig geblieben“, sagt Legrand. Sein Mobiltelefon klingelt häufig während des Gesprächs an der Theke des Café le Canal 96. In der verrauchten Kneipe haben „Die Kinder des Don Quichotte“, die er mit seinem Bruder, dem Filmschauspieler Augustin Legrand, und Freunden gründete, ihr Standquartier. Hier kommen sie zu den täglichen Besprechungen zusammen.

Vertreter aller Parteien, mit Ausnahme der Nationalen Front, haben inzwischen die „Charta vom Kanal Saint-Martin“ unterzeichnet, eine „Erklärung über das Recht für jeden auf eine Wohnung“. Es herrsche ein breiter Konsens, sagt Legrand. Der Wahlkampf zu den Präsidentenwahlen beginnt im Frühjahr. Immerhin wird das Problem der Wohnungsnot nun dank des Drucks, den die Don-Quichotte-Kinder auf die Politik ausgeübt haben, das beherrschende Thema der nächsten Wochen sein. Nicolas Sarkozy, der Präsidentschaftskandidat der Regierungspartei UMP, versprach sofort, dass im Fall seiner Wahl „in zwei Jahren niemand mehr auf der Straße leben muss“.

Die für Sozialfragen zuständige Ministerin Catherine Vautrin hatte die Aktion der Don- Quichotte-Kinder zunächst als „Augenwischerei“ abgetan, musste dann aber auf Anweisung Chiracs 70 Millionen Euro Soforthilfe für zusätzliche Beherbergungszentren aus ihrem Haushalt bezahlen. Ségolène Royal, die Präsidentschaftskandidatin der Sozialisten, hielt sich mit Versprechen zwar zurück, wollte das Zeltdorf aber besuchen – was Legrand und seinen Leuten wenig gefiel. „Sie wollte hier in Begleitung der Medien auftreten, das haben wir abgelehnt“, sagt er.

Kommende Woche will die Regierung das von Chirac geforderte Gesetz verabschieden. Es soll zunächst für Menschen in besonders schwieriger Lage gelten, „insbesondere Obdachlose, arme Arbeiter und alleinstehende Frauen mit Kindern“, später auch für alle, die in „unwürdigen Wohnungen“ leben. Doch wie es angewendet werden wird, ist unklar. Gegen wen soll jemand klagen, der in seinem Ort keine Wohnung findet? Gegen den Bürgermeister, das Département, die Regierung? Die Zeitung „Le Monde“befürchtet schon, dass es ein „virtuelles Gesetz“ bleiben wird. „Wir müssen die Modalitäten abwarten“, sagt Legrand. „Solange es nicht verabschiedet ist und angewendet wird, bleiben wir mit unseren Zelten hier.“

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