Zeitung Heute : Aufstehen, um nicht übersehen zu werden

MATTHIAS SCHLEGEL

Vermutlich wird nur ein Bruchteil der von den Organisatoren erwarteten 100 000 Menschen am heutigen Sonnabend "Aufstehen für eine andere Politik".Und womöglich wird das allgemein gefaßte Anliegen der Demonstranten untergehen in dem Aufsehen, das die nebenan marschierende NPD und deren linksradikale Gegnerschaft erregen.Gleichwohl starten die teils prominenten Protagonisten des sanften Protestes hoffnungsvoll in den Tag.Denn das Motto ist, so scheint es, trefflich gewählt.Doch gerade darin liegt der Haken.

"Aufstehen für eine andere Politik" schien der größtmögliche gemeinsame Nenner zu sein, unter dem die Initiatoren all jene Menschen zu vereinen versuchten, die - aus welchen Gründen und auf welchem Feld auch immer - Unbehagen zu artikulieren bereit sein würden.Da ließen sich Ost und West, Arbeitende und Beschäftigungslose, Umweltbewußte und Autofahrer, Männer und Frauen, Jung und Alt zusammenführen.Wo gibt es heutzutage noch solcherart Gemeinschaftssinn - von Fußball und Rolling-Stones-Konzert einmal abgesehen? Weit weisen die Unterzeichner der "Erfurter Erklärung", die die kräftigsten Anstöße für die Zusammenkunft gaben, den Vorwurf von sich, sich von SPD und PDS für Wahlkampfzwecke politisch instrumentalisieren zu lassen.Daß sich der Eindruck dennoch aufdrängt, muß nicht von vornherein gegen das Engagement der einzelnen Demonstranten sprechen.Aber es rückt die Veranstaltung unversehens in ein anderes Licht, von dem vermutlich die unterschiedlichen Befindlichkeiten vieler, die am Alexanderplatz zusammenkommen, geblendet werden.

Es wäre fatal, die Probleme der Menschen speziell in den neuen Bundesländern zu unterschätzen.Die grassierende Arbeitslosigkeit ist dabei zweifellos die verheerendste Epidemie, aber nicht die alleinige Ursache für eine mentale Verkrampfung, die viele in den neuen Ländern noch immer plagt, ohne daß sie deshalb auch gleich auf die Straße gehen.Der Anpassungsdruck an einen Alltag, der ihnen die Freiheit bescherte, immer neuen Unwägbarkeiten zu begegnen, ist noch nicht zu Ende.Wer in einer Gesellschaft sozialisiert wurde, deren staatliche Regelungswut vor kaum einer Sphäre des Lebens haltmachte, mußte sich mühen, das Empfinden für Freiheiten nicht verkümmern zu lassen, die eigene Aktivitäten voraussetzten.Viele unterzogen sich dieser Mühe nicht.Die vielgerühmte Kreativität, die man in der allgegenwärtigen Mangelwirtschaft entwickelte, und die heute oft überinterpretierte Verweigerung, mit der man sich ideologischer Vereinnahmung entzog, konnten den Mangel an freiheitlicher Kultur nicht kompensieren.Unter solchen Voraussetzungen wird Arbeitslosigkeit anders, dramatischer empfunden.Vor solchem Hintergrund kann Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes krank machen.Unter solchen Bedingungen werden Preis- und Mietsteigerungen als bedrohlich empfunden.Unter solchen Vorzeichen stößt der in den neuen Ländern alle finanziellen Segnungen des Aufschwunges Ost einheimsende Westdeutsche auf Ablehnung.Manch ein Einheimischer fühlt sich als Heimatvertriebener am eigenen Geburtsort.

Es war die PDS, die sich von Beginn an solcher Befindlichkeiten angenommen hat und darauf ihre politische Strategie aufbaute.Die Ost-Filialen der anderen Parteien waren vorrangig damit beschäftigt, die mit West-Tinte geschriebenen Parteiprogramme in ostdeutsche Dialekte zu übersetzen.Weil die PDS aber als SED-Nachfolgepartei das Recht verwirkt hatte, als Sprachrohr der Ostdeutschen zu fungieren, waren von Anfang an ihre Auslassungen diskreditiert, auch die berechtigten.Indem die PDS wie ein Gralshüter vor dem Mißmut der Überforderten stand, stand sie auch einer sachlichen Diskussion über Erhaltenswertes aus der DDR wie über Nachdenkenswertes im geeinten Deutschland im Wege.Und weil seit der Wiedervereinigung jährlich 150 bis 200 Milliarden Mark in den Osten transferiert wurden, hatte die Geduld der Westdeutschen ihre Grenzen, sich irgendwelchen "postkommunistischen Experimenten" auch nur gedanklich zu nähern.Wenn sich Ostdeutsche zahlreich an der heutigen Demonstration beteiligen sollten, so ist das wohl weniger ein "Aufstehen für eine andere Politik" als vielmehr ein Aufstehen, um nicht übersehen zu werden.

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