Zeitung Heute : Aufstieg mit Links

Der Tagesspiegel

Von Frank Jansen

Bitterer kann die „Ironie der Geschichte“ kaum sein. Dass ausgerechnet der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen den sozialistischen Premierminister Lionel Jospin aus dem Rennen um die Präsidentschaft geworfen hat, erscheint wie die Rückkehr eines vor vielen Jahren geworfenen Bumerangs.

Juni 1982. Die zehn Jahre zuvor aus der Schlägertruppe „Ordre Nouveau“ hervorgegangene Front National (FN) ist eine unbedeutende Wirrkopfpartei. Staatspräsident Francois Mitterand regiert das Land und seine Sozialisten wie ein Sonnenkönig. Er überlegt, wie die Macht auf lange Zeit zu sichern wäre. Eher zufällig verfällt Mitterand auf den alten Trick des „divide et impera“, teile und herrsche. Im Mai hat sich Le Pen im Elysée-Palast bei einem Berater des Präsidenten beschwert – die Medien boykottierten die FN, der kleinen Partei geschehe Unrecht. Mitterand wittert die Chance, einen Keil ins Lager der bürgerlichen Opposition zu treiben. Der Präsident schreibt dem Ultra-Rechten einen Brief und sagt zu, „die Verantwortlichen der Radio- und Fernsehgesellschaften auf die Verfehlung aufmerksam zu machen, auf die Sie mich hingewiesen haben“. Le Pen hat es geschafft: Sein Aufstieg zum Medienstar beginnt.

Die drei damaligen staatlichen Fernsehkanäle erhalten die Anweisung eines Ministers, „aus Sorge um Fairness die Front National nicht zu vergessen“. Bereits Ende Juni 1982 erscheint Le Pen als Studiogast in den Nachrichten. Bald wird in den staatlichen Sendern auch über regionale Aktivitäten der Front National berichtet. Prompt stellen sich Erfolge ein. 1983 gewinnt die FN bei den Kommunalwahlen in der Kleinstadt Dreux (westlich von Paris) plötzlich knapp 17 Prozent. Frankreich erschrickt, Le Pen triumphiert. Die Zahl der Mitglieder der FN nimmt sprunghaft zu. Und sozialistische Politiker haben eine Vision: Mit einem rechtsextremen Paria bei dauerhaft zehn Prozent werde das liberal-konservative Spektrum nachhaltig geschwächt. Da wären die Sozialisten kaum noch von der Macht zu verdrängen.

Ein strategischer Irrtum. Schon im zweiten Wahlgang in Dreux verbünden sich Gaullisten (RPR) und Liberale (UDF) mit der Front National. Das Rathaus fällt an die Mitte-Rechts-Allianz. Dennoch verharren die Sozialisten bei ihrer Taktik des „teile und herrsche“. Mitte der 80er Jahre wird das Verhältniswahlrecht eingeführt. Die Stimmen, die eine kleine Partei in den Wahlkreisen erringt, fallen nicht mehr unter den Tisch. Die Front National profitiert: 1986 ziehen 35 Rechtsextremisten in die Nationalversammlung ein.

Le Pen hat eine Partei formen können, die knapp zehn Prozent erreicht. Obwohl Personal und Programm bis heute nur einen kruden Mix darstellen. Einstige Nazi-Kollaborateure, katholische Traditionalisten, Veteranen des Algerien-Krieges, Monarchisten, Bonapartisten, Skinheads und Karrieristen propagieren vor allem rassistische Ressentiments. Parolen gegen die in Frankreich lebenden Algerier und gegen Juden gehören zum klassischen Repertoire der Front National.

Le Pen selbst hat seine antisemitische Gesinnung deutlich geäußert. 1997 verharmlost er in München, an der Seite des Ex-„Republikaner“-Vorsitzenden Franz Schönhuber, die Gaskammern als „Detail“ der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Manche Anhänger würden gerne entsprechende Taten folgen lassen. Im Oktober 2000 nimmt die Polizei den lothringischen FN-Funktionär und vier Freunde fest. Die Gruppe hat Waffen und Sprengstoff gehortet, bei einer Feier werden Nazi-Lieder gegrölt und zynische Witze gerissen - etwa über das KZ Treblinka, nach Ansicht dieser FN-Anhänger „der größte Campingplatz in Polen“.

Trotz der braunen Töne und schwerer Krisen hat die FN als eine Art permanenter Risikofaktor überlebt. Bei der Europawahl 1989 erhält der FN 11,7 Prozent und wird drittstärkste Kraft in Frankreich. Mit den deutschen „Republikanern“ und dem belgischen „Vlaams Blok“ bildet die FN eine gemeinsame Fraktion im Europaparlament. 1995 erringt Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen 15 Prozent, im selben Jahr erobert die Partei den Bürgermeisterposten in der Hafenstadt Toulon. Hier im Süden und im Elsass finden sich die Hochburgen der FN. 1999 muss Le Pen einen herben Rückschlag hinnehmen. Der zuvor abgesetzte Vizechef der Front National, Bruno Mégret, verlässt die Partei. Zahlreiche Funktionäre und reichlich Fußvolk, insgesamt knapp die Hälfte der bis dahin 40 000 Mitglieder, folgen dem Rebellen, der das „Mouvement National“ gründet. Mégret gelingt es jedoch nicht, einen „intellektuellen“ Rechtsextremismus als Alternative zum grobschlächtigen Le Pen zu präsentieren. Bei der Europawahl 1999 gewinnt die FN zwar nur 5,7 Prozent (1994: 10,5), doch Mégrets Partei verkümmert bei 3,3.

Den französischen „Kleine-Leute-Rassismus“ verkörpert niemand so wuchtig wie der „proletarische“ Le Pen. Vor allem auf Kosten von Kommunisten und Sozialisten. Nun ist der Bumerang, den Mitterand geworfen hat, gegen den Kopf von Jospin geprallt.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar