Zeitung Heute : Auftrag: Kunst für jedermann

BERNHARD SCHULZ

"Deutsche Guggenheim Berlin" eröffnet im Gebäudekomplex der Deutschen BankVON BERNHARD SCHULZDen Namen werden die Besucher noch üben müssen: "Deutsche Guggenheim Berlin" oder auch: das "Deutsche Guggenheim".Na schön.Was indessen in dieser Art von Anglizismus durchschimmert, ist die Aura der Macht, die das New Yorker Stammhaus, die (oder besser das) Solomon R.Guggenheim Foundation, umgibt.Vereint sich nun solche, eher virtuelle Macht mit der realen des größten deutschen Bankhauses, dann ist die öffentliche Neugierde gewaltig. Im Mai erst war das ambitionierte Vorhaben bekanntgegeben worden, ein halbes Jahr später erlebt es bereits seinen Stapellauf: "Deutsche Guggenheim Berlin" eröffnet im Gebäudekomplex der Deutschen Bank an der Ecke Unter den Linden und Charlottenstraße eine Ausstellungshalle.Von morgen an hat das Publikum Gelegenheit, die Erstveranstaltung, eine Ausstellung unter dem Titel "Pariser Visionen: Robert Delaunays Serien", in Augenschein zu nehmen.In den Gebäudekomplex hat Richard Gluckman eine separat zu besuchende, aber mit dem großen, glasgedeckten Innenhof der eigentlichen Bank verbundene Ausstellungshalle hineingebaut.510 Quadratmeter standen als Bruttofläche zur Verfügung, reichlich 300 davon beträgt nun die eigentliche Ausstellungsfläche, der - was sonst - der obligatorische museum shop samt Kaffee-Bar angegliedert ist.Dem amerikanischen Innenarchitekten gelang eine elegante Lösung, die allerdings mit dem Verzicht auf jede erlebbare Beziehung zur Altbausubstanz oder gar zum Linden-Boulevard erkauft werden mußte.Weitgereiste Kunstfreunde erkennen nicht erst an der Typographie, sondern schon am Kartenschalter das corporate design des Kunst-Konzerns Guggenheim, und vollends im exklusiv mit Guggenheim-Ware bestückten Laden wird deutlich, daß hier ein ökonomisch denkendes Unternehmen am Werke ist, bei dem die Einnahmen aus dem merchandising einen respektablen Bestandteil der Kalkulation ausmachen.Wie diese Kalkulation im einzelnen aussieht, wollte Rolf-E.Breuer, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, auch auf Nachfrage hin nicht preisgeben. Erst vor anderthalb Jahren wurde die Idee einer Verbindung von Bank und Museum geboren, bei der offenbar beide Seiten Stillschweigen über die Modalitäten vereinbarten.Übrigens hatte es bereits 1993 heftig in Berlin rumort.Damals war es US-Botschafter Richard Holbrooke, der die Idee einer Berliner Guggenheim-Filiale lancierte; der Gropius-Bau, was sonst, galt als Objekt der Begierde.Doch seinerzeit war nur Rauch, kein Feuer; sprich: kein Geld, wie es die imagebewußte Deutschbank mobilisieren kann. Denn umsonst ist Guggenheim nicht.Das zeigt Bilbao, wo allein für die Leihgaben des New Yorker Stammhauses eine Million Dollar pro Jahr berappt werden müssen.Die Höhe der Aufwendungen, mit denen die Deutschbanker das von ihrem vormaligen Chef, Hilmar Kopper, hinterlassene Guggenheim-Kind alimentieren, interessiert naturgemäß.Doch der Umgang der Bankgewaltigen mit Informationen zu ihrem ureigensten Gegenstand, dem Geld, ist notorisch verbesserungswürdig, wie gerade der kulturfreundliche Kopper im Zenit seiner Laufbahn erkennen mußte. Peanuts mag man es vielleicht in Frankfurt am Main heißen, was in die Berliner Guggenheim-Filiale fließt, aber für eine Kulturinstitution sind es mit Sicherheit bemerkenswerte Summen.Für die Organisation der Ausstellungen selbst kommt der New Yorker Partner auf, dessen expertise unbestritten ist.Was immer man von den strategischen Vorhaben von Thomas Krens, dem energetischen Chef sowohl der Guggenheim-Stiftung als auch des eigentlichen Museums, halten mag - eines kann man dem Haus nun wirklich nicht absprechen: daß es Ausstellungen auf maßstabsetzendem Niveau veranstaltet, sei es in der Zusammenstellung, der Begleitung durch fundierte Kataloge oder in der Präsentation. All das trifft für die Berliner Premiere zu.Die Ausstellung ist Kammermusik von erlesener Qualität.Drei Dutzend Werke des zwischen Kubismus und einem eigenen, als "Orphismus" bezeichneten Expressionismus changierenden Franzosen Robert Delaunay aus dessen besten Jahren zwischen 1909 und 1914 sind zu sehen, und zwar konzentriert auf die vier Hauptmotive, die er damals in Bildserien bearbeitete: Innenansichten der Pariser Kirche Saint-Séverin, "die Stadt", der Eiffelturm sowie "Fenster (auf die Stadt)".In diesen, hier in Berlin jeweils in Gemälden aller Formate sowie Aquarellen und Gouachen gezeigten Serien liegt die ganze Spannbreite des Delaunayschen Formenvokabulars vor Augen.In Deutschland, am meisten aber in Berlin, fand der Franzose seine nachhaltigste Anerkennung.Die künstlerischen Zeitgenossen diesseits des Rheins verdanken Delaunay außerordentlich viel, und zwar so verschiedenartige wie Meidner, Feininger, Franz Marc oder Paul Klee.Herwarth Walden gab ihm 1912 die erste Einzelausstellung in seiner Berliner Galerie "Der Sturm".Ihm widmete Delaunay 1911 ein Aquarell mit seinem zu dieser Zeit bevorzugten Motiv, dem kubistisch zerlegten Eiffelturm vor abstraktem Hintergrund; ein Werk, das jetzt aus Privatbesitz ausgeliehen werden konnte und den von Breuer und Krens unisono beschworenen Geschichtsbezug "des" Guggenheim zu Berlin beglaubigt. Geschickt bezieht sich so die Ausstellung auf den genius loci.Anders als beim gigantischen Neubau des baskischen Guggenheim-Museums in Bilbao, dessen Erstausstattung mit eilig zusammengekauften Werken als unangemessen US-lastig kritisiert worden ist, füllt Guggenheim Berlin mit seiner Erstausstellung eine lokale Lücke, ja holt auf bewundernswerte Weise nach, was hiesige Institutionen sträflich versäumt haben.Die Delaunay-Auswahl wandert von den Linden zum New Yorker Stammhaus, was das Berliner Haus als Ausdruck seines Stellenwertes stolz verbuchen darf.In der Guggenheim-Filiale SoHo wurde Ende 1996 eine konzentrierte Ausstellung zum Thema "Max Beckmann in Exile" gezeigt, deren überwältigender Erfolg ausschlaggebend für Krens war, zusätzlich zu den hausüblichen Großausstellungen - wie derzeit der Retrospektive des Pop-Meisters Rauschenberg mit gut 400 Werken - auch auf eine "Produktlinie" konzentrierter Themenausstellungen zu setzen, wie sie für Berlin, aber zukünftig wohl auch für das in Venedig geplante Ausstellungshaus unabdingbar und für New York gleichfalls sinnvoll sind. Wohin steuert die Guggenheim-Stiftung noch? Thomas Krens, dessen souveränes Auftreten einem Konzernmanager alle Ehre macht, schwieg sich darüber gestern auf beredte Weise aus.Jeder weiß, daß ein Standort in Asien im Gespräch ist.Aber Krens verstand es, mit dem Hinweis auf den zusammengebrochenen japanischen Immobilienmarkt sowie das untergegangene Salzburger Museumsprojekt derart Sand zu streuen, daß sein bündiges Resümee "Kein weiterer Ableger" glaubhaft klang.Dabei hatte er Augenblicke zuvor dargelegt, daß er die Aufgabe seines Hauses, dessen Bestände zu neunzig Prozent in Depots lagern müssen, in der weltweiten Schaffung von access, von Zugang für jedermann sieht.Dagegen ist nicht nur nichts zu sagen, es liegt vielmehr im ureigensten Aufgabenbereich der Institution Museum, den Zugang zur Kunst zu ermöglichen. Wie Krens dies allerdings umsetzt - nämlich in Gestalt eines weltweit operierenden Konzerns mit dem umfassend vermarkteten Markennamen "Guggenheim" -, das erweckt Argwohn und taugt als Lehrbeispiel nur bedingt; zumal in Deutschland, wo Museen öffentliche Einrichtungen sind.Was aber beeindruckt, ist die strategische Grundausrichtung, Kunst nicht passiv bereitzuhalten, sondern aktiv zu vermitteln, ob mit öffentlicher Hilfe wie in Bilbao oder mit privatem Geld wie in Berlin.Den Nutzen haben im Augenblick die Kunstfreunde.Deutsche Guggenheim Berlin, Unter den Linden 13-15.Ausstellung Delaunay bis 4.Januar 1998, Katalog 39 DM.Täglich 11- 20 Uhr, Führungen täglich 18 Uhr, "lunch-lectures" mittwochs 13 Uhr, Themenführungen sonntags 11 Uhr.Eintritt 8 DM, montags frei.Während der ersten beiden Wochen täglich freier Eintritt.

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