Zeitung Heute : Aufwachen

Helmut Schümann

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Paul hat Ferien. Paul schläft. Bis Mittag. Dann bis ein Uhr. Zwei. Drei. „Paul, willst du nicht mal langsam aufstehen“, sagt der Vater. „Mhm, mhmmhm“, sagt Paul. „Paul, die Sonne scheint, es ist herrliches Wetter, es ist Frühling“, sagt der Vater. „Nachts auch“, sagt Paul. „Aber dann siehst du ihn nicht“, sagt der Vater. „Aber ich fühle ihn“, sagt Paul, „und jetzt lass mich noch ein bisschen schlafen, bevor es dunkel ist und ich in den Frühling hinaus kann.“

Mit anderen Worten: Der Vater bekommt zurzeit nicht so recht mit, was Paul treibt. Wenn Paul treibt, schläft der Vater. Man sieht sich selten. Ab und an geht beim Vater eine SMS ein: „Bin bei Tobias, bleib über Nacht.“ Oder: „Feiern Party. Wird spät.“ Nachtaktive Postpubertisten und Postpubertistinnen haben Kondition. Wenn der Vater seinerseits am späten Nachmittag bei Paul anruft, sagt das Handy: „The person you have called is temporarily not available.“ Das ist die englische Übersetzung für: „Paul schläft.“

Und ab und an treffen sich die beiden. Zu Männergesprächen in der Kneipe. Oder zum traditionellen gemeinsamen Kinogang. Der letzte führte mit Clint Eastwood in den Boxring. Hinterher waren sich der ältere Mann und der jüngere Mann einig, dass „Million Dollar Baby“ ganz okay ist. Vorher waren sie sich auch einig.

Da war nämlich die Reihe vor ihnen leer. Komplett leer. Dann kamen zwei Frauen und ein Mann. Dann setzten sie sich unmittelbar vor Paul und den Vater. „Paul sagte: „Hä?“ Dann sagte Paul: „Wie rücksichtslos und dumm darf man eigentlich sein?“ Eine der Frauen drehte sich um und sagte: „Ich bin nicht dumm. Ich bin Lehrerin.“ Der Vater sagte: „Hä?“ Paul sagte: „So wird das nichts mit Pisa. Wie sollen wir Schüler lernen von solchen Lehrern.“ Ob die kluge Lehrerin das versteht, dachte der Vater. Und: Mitunter treten nachtaktive Postpubertisten ganz schön selbstbewusst auf.

Nach dem Film wollte der Vater mit Paul noch auf ein Bier. „Ach, nee“, sagte Paul, „ist noch Party.“ Und verschwand in die Nacht. Der Vater ging seiner Wege. Kurz darauf piepte eine SMS: „Bleib über Nacht. Hab dich lieb.“ Guter Junge, dachte der Vater.

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