Zeitung Heute : Aus allen Wolken

Über den Reaktor im Südwesten der Stadt streiten die Anwohner seit Jahrzehnten. Weil viele ihn gefährlich finden. Jetzt sind seinetwegen die Flugrouten über den Wannsee gekippt worden – und trotzdem ist die Freude verhalten.

von und
Seitdem die Flugrouten bekannt wurden, demonstrieren Anwohner in und um Berlin ausdauernd.
Seitdem die Flugrouten bekannt wurden, demonstrieren Anwohner in und um Berlin ausdauernd.Foto: Paul Zinken

Aus dem geöffneten Dachfenster strömt neblig-trübe Winterluft ins Haus. Der Blick trifft auf kahle Bäume, die nichts vom Katastrophenrisiko erahnen lassen, das in zwei Kilometer Entfernung lauert. Das Risiko gefährdet ihre Gesundheit, sagt Ines, und die ihrer beiden Kinder, da ist sie sich sicher. Es ist der Forschungsreaktor des Helmholtz-Zentrums in Wannsee.

Ein Forschungsreaktor am Rande der Stadt. „Die meisten Wannseer verschließen die Augen vor der Gefahr“, sagt Ines’ Lebensgefährte. Und die Physiker würden immer nur beschwichtigend von einer „Neutronenquelle“ sprechen. Ines Mutter hatte früher ihren Nachbarn gefragt; der arbeitete im Helmholtz-Zentrum und antwortet auf besorgte Fragen immer nur: „Nein, ihr müsst euch keine Sorgen machen.“

Und nun kommt das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg und hebt alle Beschwichtigungsformeln aus den Angeln. Das Risiko eines Flugzeugabsturzes oder eines terroristischen Anschlags sei von den Flugroutenplanern nicht bewertet worden, deshalb sei die Flugroute über den Wannsee rechtswidrig. Ein Schlag ins Kontor der Deutschen Flugsicherung. Und am Wannsee knallen die Sektkorken, könnte man vermuten. Doch von Feierstimmung ist an diesem Morgen nichts zu spüren.

Das erste Protestplakat gegen die Flugrouten hängt an der Straße zum Helmholtz-Zentrum an einem Gartenzaun. Auf mehrmaliges Klingeln lugt ein grauhaariger Kopf aus dem Fenster und sagt: „In Wannsee sind alle froh darüber.“ Mehr müsse man dazu aber nicht sagen. In der Bäckerei sitzt Irmgard Wittenberg, 87, in einem Schlangenlederimitatmantel und trinkt ihren Morgenkaffee. Sie wohnt 300 Meter Luftlinie zum Reaktor und zählt auf, wer in der Nachbarschaft so alles an Krebs gestorben sei in den Jahrzehnten, die zurückliegen. „Die sollen den Reaktor sonstwo hinstellen.“ Auch auf den neuen Flughafen und -routen könne sie gut verzichten.

Ina Helms seufzt am Telefon. Sie ist die Pressesprecherin des Helmholtz-Zentrums . In den vergangenen Jahren hat sie dieselben Sätze immer wieder sagen, die selben Debatten immer wieder führen müssen. Sie atmet tief ein und sagt dann: „Also noch einmal ganz von vorne…“ Dass die Flugrouten nun doch nicht über Wannsee führen dürfen, könnte den Forschern eigentlich egal sein. Doch in der Begründung werden ganz klar Sicherheitsbedenken genannt, die mit „ihrem“ Reaktor zu tun haben. Gerade jetzt, wo der Protest etwas abgeklungen war, nach Fukushima und dem Stresstest. Und nachdem der Reaktor im März 2012 nach Wartungsarbeiten wieder angelaufen war. Jetzt flammt die Debatte wieder auf. Vielleicht ist es ein Omen, dass er ausgerechnet BER II heißt.

Spätestens seit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl im April 1986 wird um die Anlage in Wannsee erbittert gestritten. Er war mit Genehmigung der amerikanischen Schutzmacht 1958 in Betrieb genommen worden. 1971 kam es zu einer ersten Krisensituation. Die Anlage, die damals noch Hahn-Meitner-Institut hieß, geriet außer Kontrolle, sie ließ sich nicht mehr runterkühlen. 1972 wurde der Betrieb eingestellt. Der Nachfolger, der Berliner Experimentierreaktor BER II, um den es jetzt geht, ging 1973 an den Start. Nach dem 11. September 2001 geriet zudem die Gefahr von möglichen Terroranschlägen in den Focus. Auf ihrer Homepage versucht die Helmholtz-Gesellschaft, Ängsten zu begegnen und bietet direkt Antworten auf naheliegende Fragen zu Reaktorsicherheit. Überhaupt setze man auf Öffentlichkeitsarbeit, sagt Helms. Am Abend wollte sie sich im Zehlendorfer Rathaus ein weiteres Mal den Kritikern des Reaktors stellen. Dabei nimmt sie nicht gern an Podiumsdiskussionen teil. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass dies kein Format für sachliche Informationen ist.“, sagt sie. Sie wird versuchen, mit Zahlen Menschen zu beruhigen. Zahlen, die klar besagen, dass die Strahlung rund um den Reaktor nicht höher ist, als die Grundstrahlung. Dass der Reaktor gar nicht zu vergleichen sei mit einem Atomkraftwerk. Erstens produziere er keinen Strom, außerdem habe er nur eine Leistung von 10 Megawatt, ein Kraftwerk etwa 4000 Megawatt.

Am Abend wird Helms auch wieder Alf Jarosch begegnen. Sie kennt ihn von früheren Diskussionen. Gegen den Reaktor kämpft er schon seit Jahren. „Für die Flugroutengegner ist das natürlich ein Erfolg“, sagt Jarosch. Auch er ist gegen mehr Fluglärm, schließlich wohnt er in Wannsee. Doch er will den Reaktor nicht, wie einige andere, als Feigenblatt benutzen, um lästigen Fluglärm loszuwerden. Er hat wirklich Angst. „Als Anwohner habe ich mich natürlich anfangs auf die Informationen aus der Politik verlassen. Darauf, dass das Risiko einer Kernschmelze ,physikalisch’ ausgeschlossen ist.“ Eben auf jene Zahlen, die das Helmholtz Zentrum veröffentlicht. Irgendwann, erzählt er, habe er selber nachforschen wollen. In einer Bibliothek stieß er dann auf eine Studie, die das Zentrum selbst veröffentlich hatte. Darin fand er den Satz, der ihn endgültig politisierte: „20 Minuten nach Trockenfall des Reaktors kommt es zur Kernschmelze“, habe dort gestanden. Heute ist Jarosch in der Piratenpartei. Gebietsbeauftragter, eine Art Kreisvorsitzender in der Piratenpartei, ist er für Steglitz-Zehlendorf.

Von seinen politischen Kollegen wurde er eher belächelt. Selbst von den Grünen. Die haben in die BVV nun einen Antrag eingebracht, die Anlage mit zusätzlichen Wassertanks zu sichern. Alf Jarosch macht diese „Verharmlosung“ wütend. „Als würde es helfen einen Eimer Wasser extra daneben zu stellen.“, sagt er. Das klingt polemisch, doch er ist auch frustriert, weil seine Bedenken über die Jahre nicht ernst genommen wurden. Auch nicht, als er sich dem Anti-Atombündnis Berlin/Potsdam anschloss. Artikel schrieb, auf die Gefahren aufmerksam machen wollte. Ein Pamphlet mit der Überschrift „Deutschlands gefährlichster Atomreaktor steht in Berlin“ verteilte er im Abgeordnetenhaus. Dass ihm das Urteil nun ein Stück weit Recht gab, müsste ihm eigentlich eine Genugtuung sein. So richtig, kann er sich dennoch nicht freuen. „Für die Anti-Atomkraft-Bewegung ist das kein Sieg.“, sagt er.

Das schnelle Urteil hat ihn denn auch vor allem eines: überrascht. „Ich dachte, es verzögert sich jetzt um Jahre“, sagt er. Dass der Reaktor als Argument gegen Flugrouten herhält, findet er ebenfalls misslich. „Auch heute fliegen schon Flugzeuge aus Schönefeld und Tegel über den Reaktor.“ Immerhin werde nun wieder über Sicherheit diskutiert. Sein Anliegen bleibt nach dem Urteil das gleiche. Sein Hasswort auch: „Restrisiko“. Nach Fukushima müsse wirklich niemand mehr mit Wahrscheinlichkeiten argumentieren.

Ina Helms versucht es trotzdem: „Rechnerisch kann die Wahrscheinlichkeit, dass eine Maschine auf spezielle Punkte in der Anlage stürzt, nicht als Null angegeben werden. Nur deswegen gibt es überhaupt die Notfallpläne.“ Zwei Jahre ist es her, dass neue Katastrophenpläne Aufregung auslösten. Da gaben die Behörden bekannt, dass die Anwohner innerhalb eines Radius von vier Kilometern präventiv mit Jodtabletten eingedeckt werden sollten. Dieses Vorhaben wurde wieder aufgegeben, stattdessen plant man nun, Polizei, Feuerwehr und sogar Taxifahrer im Fall einer erhöhten radioaktiven Belastung mit der Verteilung der Tabletten zu betrauen. In einem Radius von 2,5 Kilometern muss evakuiert werden. Das Areal wäre im Falle einer Kernschmelze auf Jahrzehnte nicht zu bewohnen. Aber so eine Kernschmelze sei eben fast unmöglich, sagt Helms. Das ist das Wort, dass die Anwohner auf die Barrikaden bringt: „fast“.

Ein Protestplakat klebt auch vor dem Friseurladen von Sigrid Knoblich, obwohl Frau Knoblich Flugrouten nicht weiter schlimm findet. „Ich staune, dass sich einige so aufregen.“ Sie glaubt eher dem Wissenschaftlern vom Helmholtz-Zentrum, die sich bei ihr die Haare schneiden lassen. „Die sagen, man muss keine Angst haben.“ Der Reaktor bringt Kundschaft und lässt sie ansonsten in Ruhe. Und Flugzeuge würden schon immer ihr Viertel, das „schöne kleine Dorf Stolpe“, überfliegen. Hier kann man tagsüber trotz des Fluglärms Füchse beobachten.

Bildhauerin Simone Elsing – langer Mantel, roter Schal, tropfenförmige Brille – wäre gleich doppelt von der Flugroute betroffen. Sie hat ihr Atelier in Stahnsdorf und wohnt in Wannsee. Sie sei „heilfroh“, dass die Route gekippt wurde, und doch wird ihre Freude durch Gewissensbisse getrübt. „Hier wohnen doch viele Leute, die gerne fliegen.“ Sie eingeschlossen. Und Fliegen sei ohne Flugrouten nur schwer zu machen. Das Argument, der Forschungsreaktor sei eine große Gefahrenquelle, sei zwar objektiv korrekt, aber den meisten Gegnern ginge es eigentlich nur um die subjektive Ruhe – zu Lasten derer, die unter einer verlagerten Flugroute zu leiden hätten. Das altbekannte St. Floriansprinzip.

Autoren

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben