Zeitung Heute : Aus dem afrikanischen ins globale Dorf

MICHAEL BEHRENS

Mit Hilfe der neuen Medien löst sich Südafrika aus seiner mentalen und geographischen RandlageVON MICHAEL BEHRENS

Kapstadt im April.Die Long Street ist die Szene-Straße der südafrikanischen Hauptstadt.Erst am Abend erwachen die Antiquariate, Boutiquen und In-Lokale zum Leben.Nur im Internet-Cafe ist schon morgens etwas los."icafe.co.za"; das ist Name und elektronische Anschrift zugleich.Die fünf Computer sind belegt, ein amerikanischer Tourist schickt ein E-Mail nach Hause an den anderen Bildschirmen sitzen Studenten, einige surfen, andere recherchieren im World Wide Web.

Nicola wechselt zwischen Tresen und Bildchirm hin und her.Seit einigen Monaten jobt sie im südlichsten Internet-Cafe der Welt.Mit ihrem Grunge-Look ist sie von ihren Kunden kaum zu unterscheiden, die für umgerechnet acht Mark die Stunde über das Netz navigieren.Bis zwei Uhr morgens sitzt Südafrikas neue Info-Elite am Bildschirm."Cape Town liegt geographisch am Ende der Welt", sagt sie."Mit dem Flugzeug brauche ich zehn Stunden nach Europa.Mit der Maus dagegen nur ein paar Sekunden."

"Südafrika: Die ganze Welt in einem Land" - so lautet der Werbespruch des staatlichen Fremdenverkehrsamtes.Was bisher nur für die landschaftlichen Sehenswürdigkeiten galt, gilt nun, zwei Jahre nach dem Ende der Apartheid und dem Amtsantritt von Präsident Mandela, zunehmend auch für die Bürger - unter umgekehrten Vorzeichen.Längst reicht es nicht mehr, Touristen und Investoren ins Land zu holen.Die 40-Millionen Schwarzen, Weißen, Farbige und Inder verstehen sich als poltisiche und technologische Schrittmacher Afrikas.Und das will man auch im Internet dokumentieren.

"Das Internet ist unsere Chance, nach den Jahren der Apartheid aus dem afrikanischen in das globale Dorf zurückzukehren", sagt Philip Nel, Medienwissenschaftler an der Universität Stellenbosch.Es ist eine spannende Darstellungmöglichkeit des "New South Africa" - des demokratischen Südafrikas. Der Afrikanische Nationalkongress (ANC) ist im Internet vertreten, der Nobelpreisträger und Erzbischof Desmond Tutu besitzt eine eigene homepage, die wichtigsten Zeitungen und Zeitschriften sind inzwischen im Netz abrufbar, und die Weinregionen am Kap werben mit ihrem touristischen Programm.Nach den Jahrzehnten der Verfemung meldeten die Sportgazetten im vergangenen Jahr, daß weltweit 50.000 Benutzer die Rugby-WWW-Seiten der Nationalmannschaft angeklickt hatten.So etwas erfüllt die Menschen im ehemaligen Pariah-Staat mit Stolz.

Zwischen 150.000 und 200.000 User, so schätzt man, gibt es bereits.Der Umsatz der südafrikanischen Computerindustrie betrug 1994 rund 11 Milliarden Rand (umgerechnet rund drei Millarden Mark), Tendenz stark steigend.Bill Gates und Netscape-Gründer Mark Andressen haben auch schon Nachahmer gefunden.David Frankel und Ronnie Aptker heißen die Besitzer der Johannesburger Firma "Internet Solution".Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter und des Managements liegt bei 26 Jahren.Die junge Aktiengesellschaft ist bereits 50 Millionen Rand wert.Dabei ist "Internet Solution", die WWW-Seiten einrichtet, nur eine von Hunderten solcher Existenzgründungen in Südafrika.

Der Siegeszug des Internet dokumentiert sich in der monatlichen Steigerung der Nutzerzahlen um zehn Prozent.Noch aber ist es in Südafrika wie überall sonst auf der Welt, hauptsächlich ein Medium weißer, 30jähriger Mittelklasse-Männer aus den Großstädten.Sie profitieren von der modernen Telekommunikationsinfrastruktur des Landes, das Dritte und Erste Welt in einem ist.Für die ländliche schwarze Mehrheit ist das Internet unerreichbar.Sie besitzen oft noch nicht einmal einen Stromanschluß.

Aber Südafrikas Bildungseinrichtungen haben die Chancen der Datenautobahnen erkannt.Computer und Modem, in den Zeiten der Rassentrennung Vorrecht weißer Schüler, finden zunehmend ihren Weg auch in die Townships.Die großen Computerfirmen zeigen sich als Sponsoren."30.000 Schulen müssen in den kommenden 10 Jahren gebaut werden", erklärt Mark Floissard, Marketing-Chef von Apple in Südafrika."Zum ersten Mal gibt es eine Chance in diesem Land, Informationen direkt in die Schulen einzuspeisen."

Fast alle südafrikanischen Universitäten haben eine eigene home-page; das gibt es noch nicht einmal in Deutschland.So auch die Universität Potchefstroom, zwei Autostunden von Johannesburg entfernt.Das beschauliche Studentenstädtchen, früher eine Hochburg der Buren-Bildung, öffnet sich im neuen Südafrika der schwarzen Mehrheit.An dem Computer in der Bibliothek sitzen zwei junge schwarze Studentinnen und geben Suchbegriffe ein.Für sie, wie für die bisher so engstirnigen Buren, die jahrzehntelang in einer mentalen Wagenburg lebten, weitet sich der gedankliche Horizont.Die Zeit der Isolation ist auch im Datennetz vorbei.

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