Zeitung Heute : Aus dem Dunkel der Mappe

KATRIN BETTINA MÜLLER

Italienische Zeichnungen aus Privatbesitz im KupferstichkabinettKATRIN BETTINA MÜLLERSie gelten fast schon als ausgestorben: Die großen Sammler historischer Werke, die ihre Kunstliebe jahrelang im Verborgenen pflegen.Zum letzten Mal erwarb das Kupferstichkabinett 1902 eine Sammlung mit viertausend Zeichnungen aus privater Hand.Doch die Ausnahme bestätigt die Regel.Anfang des Jahres wurden dem Kupferstichkabinett 200 italienische Zeichnungen von einem Berliner Sammler angeboten, der über fünfzig Jahre lang Werke von der italienischen Renaissance bis zum Klassizismus zusammengetragen hatte.Bei der Aufarbeitung einzelner Blätter stieß der Kurator Schulze Altcappenberg auf viele Belege einer Sammlerkultur, die mit der Vernichtung des jüdischen Bürgertums im Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg ein gewaltsames Ende fand.So versteht sich die Ausstellung der "unbekannten Sammlung italienischer Zeichnungen aus Berliner Privatbesitz" auch als Hommage an die "verlorene Welt" der Sammler älterer Kunst. Einige der Blätter, die jetzt aus dem Dunkel von Mappen und Schubladen gehoben wurden, sind aus der älteren kunsthistorischen Literatur bekannt.Dazu gehört eine Studie von Baccio Bandinelli, der sich Anfang des 16.Jahrhunderts in Rom mit den Männerakten Michelangelos beschäftigte.Den Eindruck machtvoller Bewegung steigerte Bandinelli, indem er die Figur auf engstem Raum aus verschiedenen Perspektiven erfaßte.Drei Jahrhunderte später brachte der Dresdner Porträtist August Grahl die Federzeichnung nach Deutschland.Daß die Studie seit 1930 als verschollen galt, macht ihren Besitz heute umso kostbarer. Die Flecken auf einer Skizzenbuchseite Tiepolos, die eingeklebte Korrektur, mit der Federico Zuccari im Entwurf für eine Prozessionsfahne wahrscheinlich den Wünschen des Auftraggebers nachkam, oder die Einbeziehung einer Landschaft aus der Hand eines gebildeten Dilettanten geben der Sammlung ihr sympathisches Profil: Denn gerade im Unvollkommenen erscheint die Begegnung mit dem Künstler als Menschen möglich. Unten den Historienbildern der thematisch geordneten Ausstellung springen dramatische Szenen ins Auge.Einen barocken Höhepunkt bildet die stürmische Episode aus der Kindheit Moses, eine Federzeichnung von Marco Marcola aus dem 18.Jahrhundert: Der aufbrausende Pharao, der erschrockene Knabe, der eben noch mit der Krone des Herrschers spielte, der schon das Schwert zur tödlichen Strafe zückende Soldat, die zur Rettung hereinstürmende Pharaonen-Tochter - diese Kette von Ereignissen wird mit flotten Strichen zu einem Moment verflochten. Aber die Sammlung bietet nicht nur Vergnügen, sie schließt auch Lücken im Bestand des Kupferstichkabinetts.Zu den namhaften Werken zählt ein nüchternes Selbstporträt von Rosalba Carriera, eine der wenigen aus dem 18.Jahrhundert bekannten Malerinnen, und das liebliche Profil einer Prinzessin, gezeichnet von dem Bildhauer Antonio Canova.Die Sammlung wartet nicht zuletzt mit Besonderheiten für Berlinhistoriker auf.Unter den Bühnenentwürfen finden sich Dekorationen Giuseppe Galli Babienas für eine von Friedrich II.in Auftrag gegebene Oper, außerdem Prospekte für die Hofoper Unter den Linden, in denen Bartolomeo Verona, langjähriger Gastarbeiter am preussischen Hof, seine ganze Phantasie aufbot.Diesen Teil der Sammlung erhält die Kunstbibliothek. Kupferstichkabinett, Kulturforum, bis 15.März.Dienstag bis Freitag 9-17 Uhr, Sonnabend, Sonntag 10-17 Uhr.

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