Zeitung Heute : Aus dem Gefühl

Sie duzen sich, die Chefs von Frankreich und Deutschland. Ihr persönlicher Kontakt gilt als Gradmesser für das Verhältnis beider Länder. Aber wichtiger als menschliche Nähe sind allemal die staatlichen Interessen. Danach handelten schon de Gaulle und Adenauer.

Albrecht Meier

Die Chemie muss stimmen. Helmut Kohl prägte diesen Satz in seiner Regierungszeit. Und er wollte so etwas ausdrücken wie: Auch Staats- und Regierungschefs sind nur Menschen, und wenn sie zueinander passen – umso besser für die internationalen Beziehungen. Das deutsch-französische Verhältnis, das sich in diesen Tagen mit dem Jahrestag des Elysée-Vertrages feiert, hat in der Nachkriegszeit etliche von diesen Menschen gesehen: Sie heißen und hießen Helmut, François, Gerhard oder Jacques. Aber schon vor Kohls Ära, in den 70er Jahren, rückte die Frage der persönlichen Beziehungen auf der obersten Ebene in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Seither gilt sie als Gradmesser für den Stand der deutsch-französischen Beziehungen. Ein sehr trügerischer Gradmesser.

Da aber der „Human touch“ heute in jedem Fall dazugehört, mochte auch Bundeskanzler Gerhard Schröder beispielsweise bei einem Treffen mit Frankreichs Präsident Jacques Chirac im vergangenen Sommer in Schwerin vor der Presse nicht auf den Hinweis verzichten, seine Ehefrau Doris telefoniere gelegentlich mit Chirac. Die großen Nachkriegsgesten – siehe das historische Bild von Helmut Kohl und François Mitterrand 1984 Hand in Hand an den Soldatengräbern von Verdun – hatte Schröder mit seinem Amtsantritt im Jahr 1998 bewusst zur Vergangenheit erklärt. Dafür müssen eben kleine Gesten her.

Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, die Gründerväter des Elysée-Vertrages, hatten noch ein distanziertes persönliches Verhältnis, das vor allem von großem Respekt gekennzeichnet war, sagt Ingo Kolboom, der frankophone Landes- und Kulturwissenschaften an der Technischen Universität Dresden lehrt.

Die Ersten, denen es gelang, aus ihrer persönlichen Beziehung während der im Elysée-Vertrag vereinbarten regelmäßigen Konsultationen einen medialen Funken zu schlagen, waren Helmut Schmidt und Giscard d’Estaing. Dabei waren der bodenständige Sozialdemokrat Helmut Schmidt und der in Koblenz geborene Adelige Valéry Giscard d’Estaing denkbar unterschiedliche Charaktere. Bei einem Besuch Giscards in der Privatwohnung Schmidts wunderte sich der Franzose, dass die Wohnung Schmidts so klein und bescheiden sei. Was beide aber verband, war eine ähnliche Analyse der weltwirtschaftlichen Lage. Schmidt und Giscard waren beide Finanzminister gewesen, bevor sie 1974 in die höchsten Ämter vorrückten und das gemeinsame Europäische Währungssystem, das EWS, aus der Taufe hoben.

Gegensätzlicher, als der joviale Kohl und der feinsinnige Mitterrand es waren, kann man sich kaum zwei Politiker vorstellen. Henrik Uterwedde, stellvertretender Direktor des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg, hat den Beginn der achtziger Jahre so in Erinnerung: „Wenn man damals gesagt hätte, dass die beiden noch ein gutes Politiker-Paar werden, dann hätte man Sie ausgelacht.“ Später erlangten die Treffen zwischen Mitterrand und Kohl in der Pfalz bei Saumagen und Deidesheimer Riesling einen vertraulich-verschwörerischen Charakter.

Echte menschliche Nähe kam im deutsch-französischen Verhältnis auf der obersten Ebene dennoch nur ganz selten auf. Obwohl er ihn zu diesem Zeitpunkt schon lange kannte und obwohl beide aus konservativen Parteien kommen, dauerte es bis 1996, bis Helmut Kohl den Franzosen Chirac duzte. Aber ohnehin, so argumentiert Uterwedde, sei nicht die gute Chemie zwischen deutschem Kanzler und französischem Präsidenten ausschlaggebend für das europäische Einigungswerk gewesen, sondern etwas anderes: Viel wichtiger als die persönlichen Beziehungen sei es gewesen, dass sowohl Schmidt als auch Kohl das Europäische Währungssystem und später den Euro in Deutschland zur Chefsache gemacht und auch gegen die Interessen ihrer Minister durchgesetzt hätten. Gleiches habe für ihre Gegenüber auf französischer Seite gegolten.

Heute fehlt Deutschland und Frankreich ein übergeordnetes Projekt wie der Euro. Dennoch stehen beide Staaten weiter unter Einigungszwang, um der Erweiterung und der Debatte um eine EU-Verfassung zum Erfolg zu verhelfen. Im vergangenen Oktober einigten sich Schröder und Chirac immerhin auf einen Agrar-Kompromiss, der die Erweiterung halbwegs bezahlbar macht. Uterwedde: „Schröder und Chirac können noch ein ,Dreamteam’ werden.“ Allerdings, so findet Kolboom, sollte man nicht alles nur unter dem Blickwinkel des Elysée-Vertrages betrachten. Der Vertrag hatte sowohl in Frankreich als auch in Deutschland bei seiner Unterzeichnung vor 40 Jahren zahlreiche Gegner. Dass der Elysée-Vertrag nicht unmittelbar auf das Verhältnis zwischen den beiden Staaten einwirkte, zeigt das Beispiel Ludwig Erhardts. Keine zehn Monate nach der Unterzeichnung des Vertrages wurde er Kanzler. Zwar führte ihn unmittelbar nach seiner Wahl ein Besuch nach Paris zu de Gaulle – reine Höflichkeit. Im folgenden Monat machte sich der überzeugte Atlantiker Erhard auf die Reise zum US-Präsidenten Lyndon B. Johnson. Das Verhältnis zu den USA blieb während der gesamten Amtszeit Erhards bestimmend – und die beiden Partner diesseits und jenseits des Rheins hatten sich in der Ära Erhard nicht viel zu sagen.

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