Zeitung Heute : Aus dem Häuschen

Die Freude über den frisch erworbenen Altbau währt oft nur kurz: Alte Baumaterialien enthalten oft Schadstoffe, die in Wohnräumen nichts zu suchen haben

Jutta Burmeister

Als Pascale und Frank-Peter Weber das Einfamilienhaus im Berliner Ortsteil Frohnau besichtigten, waren sie begeistert: Anzahl und Zuschnitt der Räume erfüllten genau die Bedürfnisse der Großfamilie mit den fünf Kindern. Auch Wohnzimmer und Küche waren geräumig und noch dazu nach Süden ausgerichtet. Nur eines störte Pascale Weber: „Überall im Obergeschoss roch es nach Mottenkugeln“, erinnert sich die Lehrerin. Ein Hinweis auf Schadstoffe, wie sich später herausstellte. Zwar kaufte die Familie das Haus trotzdem, doch die Sanierung war aufwendiger als zunächst erwartet: Unter den mit Holzschutzmittel gestrichenen Verkleidungen fanden sich zusätzlich Dämmplatten aus Mineralwolle.

Gerade in den vergangenen Jahren hat die Schaffung gesunder Innenraumverhältnisse in der wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion erheblich an Bedeutung gewonnen. Dies liegt daran, dass das „Thema Gesundheit und Komfort stärker in das Bewusstsein der Menschen rückt“, so Joachim Rix, Architekt und Mitarbeiter am Stiftungslehrstuhl Ökonomie und Ökologie des Wohnungsbaus der Universität Karlsruhe. „Die Vermieter handeln im eigenen Interesse, wenn sie Gesundheitsmerkmale ihrer Wohnungen als besondere Qualitätseigenschaften offerieren – und damit ihre Mieter zufriedenstellen“, sagt Rix. Hinzu kommt, dass immer öfter bewohnte Wohnungen saniert werden. Besonders Eigentümer größerer Wohnungsbestände entscheiden sich für diesen Weg, weil das „Leerziehen“ der gesamten Anlage zu viel Zeit und Geld kosten würde. „Man sollte vor einer Sanierung nicht nur eine bautechnische Ortsbegehung vorsehen, sondern auch ermitteln, in welchen Wohnungen sich Kinder, ältere Menschen oder Allergiker aufhalten“, so Rix, „denn diese können Gefahren nur eingeschränkt erkennen und reagieren anders auf Belastungen als Bauarbeiter“. Er spricht sich deshalb für „weitere gesundheitlich begründete Grenz- und Richtwerte zum Gesundheitsschutz der Bewohner, die Vereinheitlichung von Messvorschriften – zum Beispiel beim Staub –, sowie für die Integration gesundheitlicher Aspekte in die Ausschreibung“ aus. Schutzmaßnahmen müssten vom Auftraggeber geplant, ausgeschrieben, realisiert und kontrolliert und nicht, wie oft in der Praxis üblich, den ausführenden Unternehmen überlassen werden. Gerade in bewohnten Gebäuden sei eine dem „Stand der Technik“ entsprechende Bauausführung zwingend notwendig.

Zum anderen sind rund zwei Drittel des gesamten deutschen Baubestandes zwischen 1950 und 1975 errichtet worden. „In dieser Zeit wurden besonders häufig Stoffe verwendet, die heute nicht mehr eingesetzt werden oder sogar verboten sind“, sagt Ulli Meisel, Professor beim Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und Bauwesen in Aachen. Da viele dieser Gebäude bisher gar nicht oder nur teilweise instand gesetzt wurden, besteht ein hoher Sanierungsbedarf. Manche Experten fordern gar – analog zum neu eingeführten Energiepass – auch einen Schadstoffpass für die Gebäude: „Es nützt ja nichts, wenn das Dach gedämmt wird und darunter befinden sich krebserzeugende Stoffe.“

Und gefährliche Stoffe können sich fast überall im Haus verstecken: in der Asbestzement-Bekleidung am Schornstein, den Formaldehyd-haltigen Spanplatten im Kinderzimmer, der PCB-haltigen Fugenmasse in Fenster und Türen oder der Mineralwolle im Fußboden. Besonders häufig kommen Holzschutzmittel, Asbest und Mineralfasern sowie PCB und Teerkleber vor. Oft werden sie erst bei einer „normalen“ Instandsetzung oder Sanierung gemäß Energieeinsparverordnung entdeckt. „Gerade Kinderzimmer wurden früher oft mit Holz verkleidet und mit Holzschutzmitteln gestrichen“, sagt Meisel und erinnert an das ebenso bekannte wie gefährliche Mittel Lindan. Das Spektrum möglicher Gesundheitsfolgen reicht von Hautreizungen über Kopfschmerzen bis zu chronischen Krankheiten.

Das bloße Vorhandensein von Asbest etwa bedeutet nicht zwangsläufig eine Gesundheitsgefahr. „Die Freisetzung erfolgt – wenn überhaupt – zeitweise und ist von mehreren Faktoren abhängig“, heißt es im Ratgeber „Häuser und Wohnungen gesundheitsbewusst modernisieren“. Während festgebundene Asbestprodukte meist nur dann ausgetauscht werden müssen, wenn sie beschädigt sind, werden aus schwachgebundenen Produkten – Asbestschnüren oder -pappen – relativ leicht Fasern freigesetzt. Eine Sanierung ist unbedingt erforderlich. Der Stoff, dessen Name vom Griechischen „asbestos“ kommt und „unvergänglich“ oder „unzerstörbar“ bedeutet, fällt nämlich in die höchste Kategorie krebserzeugender Stoffe.

Zu finden ist Asbest zum Beispiel in Form von Wellplatten auf dem Dach, in Fensterbänken – erkennbar an der zementgrauen oder schwarzen Farbe und einer glatten Oberfläche –, als Steinholz- oder Magnesia-Estrich, in Floor-FlexPlatten und Cushion-Vinyl-Bahnenware, in Pappen in Heizkörpernischen sowie in Brand- oder Schallschutztüren. Eine besondere Gefahr bergen außerdem astbesthaltige Nachtspeicheröfen. Im Gegensatz zu Asbest ist Formaldehyd in Spanplatten auch heute nicht verboten – obgleich die Weltgesundheitsorganisation die Substanz als krebserzeugend eingestuft hat. Vor allem Fertighäuser, die vor 1985 gebaut wurden, weisen eine hohe Formaldehyd-Konzentration auf. Häufig wurden den Spanplatten auch Fungizide wie Chlornaphthalin beigemischt. Diese verursachen den typischen Geruch nach Mottenkugeln – den Familie Weber in ihrem Haus wahrgenommen hat. Nachweislich krebserzeugend und das Nervensystem schädigend sind Holzschutzmittel, die Pentachlorphenol (PCP) und Lindan enthalten: Die Stoffe gasen aus, solange das Holz eingebaut bleibt. In Zweifelsfällen rät Meisel zu einer Analyse beim Chemischen Untersuchungsamt. Dazu genüge ein Holzspan, die Untersuchung koste rund 40 Euro.

Bei künstlichen Mineralfasern ist eine Materialanalyse nicht erforderlich: Dämmwolle, die bis 1996 hergestellt wurde, gilt generell als krebserzeugend. Produkte, die nach dem 1. Juni 2000 entstanden, sind dagegen ungefährlich – ebenso wie textile Glasfasern, zum Beispiel für Glasfasertapeten. Wurde die Glas- oder Steinwolle dagegen zwischen 1996 und 2000 eingebaut, ist immer dann mit „alter“ Dämmwolle zu rechnen, wenn die Lieferfirma kein Sicherheitsdatenblatt übergeben hat. Eine Verpflichtung zur Sanierung besteht jedoch auch bei „alter“ Wolle bisher nicht. Gefahren ausgehen können außerdem von Bleirohren.

Eigentümer müssen sich vor Beginn der Sanierung darüber informieren, welche Vorschriften beim Umgang mit dem jeweiligen Gefahrstoff und bei der Entsorgung einzuhalten sind. Größere Arbeiten sollten Fachfirmen überlassen werden.

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