Zeitung Heute : Aus dem Hörsaal in den Chefsessel

Venture Campus und Firmenlabor: Was sich die Berliner Hochschulen einfallen lassen, um Existenzgründer zu unterstützen

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Anfang des Jahres hing plötzlich dieses Plakat in der Mensa. Gründerwettbewerb stand da, tolle Ideen wurden gesucht, von einem Stipendium war die Rede. Christina Hoffmann hatte gerade nichts zu tun und bewarb sich. Heute belegt sie Kurse in Buchhaltung und Patentrecht, lernt, wie man einen Businessplan entwickelt und in ihrer Kundendatei steht auch schon ein Name. Für das PharmaUnternehmen Schering organisierte sie vor kurzem eine Veranstaltung in Budapest.

Christina Hoffmann, die unter dem Namen Clindara Dienstleistungen für klinische Prüfungen anbieten will, ist eine der zehn Gewinner des Existenzgründer-Wettbewerbs der Technischen Fachhochschule Berlin (TFH) mit dem Namen Location4Innovation . Die Teams werden 18 Monate lang unterstützt, können die Labore und Räume der Hochschule nutzen, belegen Weiterbildungskurse, bekommen Ratschläge von Professoren und ein monatliches Stipendium in Höhe von 1500 Euro. Das Ziel: Zehn Unternehmen, die sich am Markt behaupten können. Wie die TFH unterstützen immer mehr Berliner Hochschulen Studenten und Absolventen bei der Gründung einer eigenen Firmen.

„Das Beschäftigungssystem wird in Zukunft anders sein“, sagt Harald Joneleit, Beauftragter für Technologie Transfer an der TFH. Die Formel Universitätsabschluss und danach Anstellung auf Lebenszeit gehöre der Vergangenheit an, so Joneleit. Statt dessen heißt es kreativ und flexibel sein, Eigenverantwortung übernehmen und in einigen Fällen ein eigenes Unternehmen gründen. Fast jeder fünfte Universitätsabsolvent macht sich im Laufe seiner Arbeitswelt einmal selbstständig. „So langsam kommen die Universitäten in Gang und zielen in ihrer Lehre nicht nur auf Fachwissen ab, sondern auch auf eine mögliche Existenzgründung“, sagt Joneleit.

An fast jeder Hochschule gibt es mittlerweile einen Career Service, der Einzelberatungen, Seminare und Workshops anbietet. Daneben lassen sich die Universitäten noch andere Dinge einfallen, um die Studenten auf die Arbeitswelt oder eine Existenzgründung vorzubereiten. An der Technischen Universität zum Beispiel gibt es die Entrepreneurial Research Teams - eine Einrichtung, die dabei hilft, Forschungsergebnisse in die Praxis umzusetzen. Die Technische Universität setzt auch auf den Venture Campus, der sich mit der Finanzierung und Rechnungswesen befasst. Zum krönenden Abschluss lehrt das Human Venture die so genannten Schlüsselqualifikationen. Wie verhalte ich mich als Unternehmer richtig? Welche Kommunikationsregeln muss ich beachten? Wie überzeuge ich einen Geschäftspartner von einer Idee?

Die Freie Universität Berlin integriert solche Gründerseminare in die Lehre selbst. Unter dem Titel „Fit für Studium und Praxis“ können Studierende Module wählen, in denen Nicht-Ökonomen in Management und Ökonomie ausgebildet werden. Daneben gibt es für Absolventen der Freien Universität Berlin gezielte Unterstützung bei der Unternehmensgründung. Die Promotion of Enterprise Foundations vermittelt Kontakte zu Gründertreffen, organisiert Seminare und Coachings und hilft bei der Bewerbung für Businessplan-Wettbewerbe. Zudem gibt es an der FU den Arbeitsbereich Entrepreneurship mit einem angegliederten Labor für Firmengründungen (www.entrepreneurship.de).

Aus Künstlern Unternehmer machen – das wollen die Kunsthochschulen. Die Workshops der Universität der Künste (UdK) tragen Titel wie „ Kunst und Kommerz: Businessplan – ein Gründungskonzept“ oder auch „Umsatzsteuer und Betriebskostenabrechnung“. Als erste Kunsthochschule in Deutschland bietet die UdK diese Beratungen an. Bisher haben fast 1000 Studenten an den Seminaren teilgenommen. „Nur zwei Prozent der freiberuflichen Künstlern überleben die ersten fünf Jahre auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Ulrike Feld von der UdK. „Wir müssen es schaffen, die Studenten noch während des Studiums auf ein Unternehmen vorzubereiten.“

Burkhard von Puttkamer hat das alles schon hinter sich. Der 38-Jährige gewann vor drei Jahren den Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg, der sich auch an Hochschul-Absolventen richtet (www.b-p-w.de). Heute ist von Puttkamer Geschäftsführer von „Zwischenakt“, einer Agentur, die Liederabende an ungewöhnlichen Orten wie Schleusen, Bergwerken oder auf Kreuzfahrten in die Antarktis organisiert. Nachdem Gesangsstudium an der UdK folgten verschiedene Engagements an Opernhäusern. Doch schnell war für ihn klar, dass er sich selbstständig machen wollte. Dank des Wettbewerbs konnte der Sänger an Kursen in Buchhaltung teilnehmen und lernen, wie man eine Firma finanziert. Ohne diese Unterstützung hätte er den Schritt in die Selbständigkeit vielleicht nicht gewagt, sagt Puttkamer. „Singen konnte ich zwar, aber von Buchhaltung und Vorsteuern hatte ich keinen Schimmer.“ Anne Hansen

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