Zeitung Heute : Aus dem Nichts

Alfred Hackensberger[Beirut]

Auf Bildern aus dem Libanonkrieg sind im Gegensatz zu israelischen Soldaten kaum Kämpfer der Hisbollah zu sehen. Warum ist die Miliz so schwer zu fassen?


In Südbeirut patrouillieren Hisbollah- Leute Tag und Nacht auf kleinen Vespas durch die zerstörten schiitischen Stadtteile. Über Funk wird jeder geprüft, der verdächtig erscheint. Nur mit spezieller Genehmigung und in Begleitung von Hisbollah-Offiziellen kann der zerbombte Süden von Beirut betreten werden. Überwachung, Kontrolle und Geheimhaltung hatten für die libanesische Hisbollah schon immer höchste Priorität, nicht erst seit Beginn des Krieges am 13. Juli. Auch in Friedenszeiten war es keinem Fotografen erlaubt, im Beiruter Stadtteil Hart Hereik, in dem die meisten Hisbollah-Organisationen ihren Sitz hatten, ein Foto zu machen oder auch nur selbstständig durch die Straßen zu schlendern. Selbst Bilder von den zahlreichen Krankenhäusern und Schulen, die die Hisbollah unterhält, durften nur mit besonderer Erlaubnis gemacht werden. Der TV-Sender Al Manar oder auch das Hisbollah-Pressebüro waren tabu.

Man kann sich also vorstellen, welche Anstrengungen die Hisbollah unternimmt, um ihren militärischen Flügel von der Öffentlichkeit abzuschotten. Der „islamische Widerstand“, wie er sich nennt, konnte durch die offizielle Anerkennung der libanesischen Regierung wie ein staatlicher Geheimdienst agieren und ein Netzwerk aufbauen. Verlässliche Informationen darüber gab es nie. Nur Hassan Nasrallah, dem Hisbollah-Generalsekretär, ist es vorbehalten, militärische Geheimnisse preiszugeben. Bei einem seiner regelmäßigen öffentlichen Auftritte sprach er vor einigen Monaten von 12 000 Katjuscha-Raketen, die im Besitz der Hisbollah seien. Seine Soldaten ließ Nasrallah zu tausenden ein bis zwei Mal im Jahr in Südbeirut vor den Kameras der internationalen Presse schaulaufen. Exakte Daten über weitere Bewaffnung und Kämpferkontingente sind nicht bekannt. Mit einem strikten Mitglieder-Ehrenkodex und eiserner Disziplin zur Geheimhaltung hat es Hisbollah geschafft, dass Experten aus der ganzen Welt bis heute nur spekulieren können. Nach vier Wochen Krieg kann niemand voraussehen, welche militärischen Überraschungen Hisbollah noch bereithält. Selbst Israel, von dem man sagt, es hätte einen der besten Geheimdienste der Welt, hat sich bei der Einschätzung der Hisbollah offensichtlich verrechnet.

Die Vespa-Fahrer, die das zerstörte Südbeirut bewachen, gehören zum „präventiven Sicherheitsdienst“, der für Gegenspionage und Kommunikationssicherung zuständig ist. Daneben gibt es einen klassischen Geheimdienst, der Agenten in Israel anheuert und Informationen über das gegnerische Militär sammelt. Hisbollah-Geheimdienstleute, wie auch alle Kämpfer, sind im Iran ausgebildet und können durchaus mit den Elitekommandos aus Israel und den USA mithalten.

Im umkämpften Grenzgebiet im Südlibanon führt der Hisbollah-Geheimdienst zusammen mit den libanesischen Behörden und militanten Vertretern der libanesischen kommunistischen Partei Regie. Unbefugte können nicht einmal daran denken, in die Nähe von Katjuscha-Stellungen oder Hisbollah-Soldaten zu kommen. Fotografen wurden bereits mehrfach als „israelische Spione“ verhaftet. Mit solchen Sicherheitsmaßnahmen soll verhindert werden, dass selbst allerkleinste Informationen an den Gegner gelangen. Aber viel wichtiger dabei ist der Propagandaeffekt. Mit ihrer Guerillataktik sind die Hisbollah-Kämpfer wie eine Geisterarmee, die aus dem Nichts auftaucht und plötzlich wieder verschwunden ist. Israel schätzt sie im Südlibanon auf etwa 2500 Mann, niemand weiß aber tatsächlich, wie viele es sind und wo ihre Stellungen liegen. Für die israelischen Soldaten ist die Hisbollah ein Albtraum. Überall und jederzeit können sie von ihnen beschossen oder – wie bereits mehrfach geschehen – in einen Hinterhalt gelockt werden.

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