Zeitung Heute : Aus dem Sinn, nicht aus der Welt

HARTMUT WEWETZER

Das Thema Aids ist aus den Schlagzeilen weitgehend verschwunden.Keine Sensationsmeldungen, keine Skandale, keine Heilung.Der Schock der 80er Jahre ist längst verwunden.Es herrscht Ruhe, ja Gleichgültigkeit.Auch der Genfer Welt-Aids-Kongreß in dieser Woche dürfte sie nur kurz gestört haben.Die Entwicklung ist offenkundig, und auch der Kongreß hat sie bestätigt: Der Brennpunkt der Immunschwäche Aids rückt immer mehr in die Länder der Dritten Welt.Schon heute leben zwei von drei Virusinfizierten oder bereits Aidskranken in Schwarzafrika - schätzungsweise 20 Millionen von 30 Millionen insgesamt Betroffenen.

Aids ist ein Indiz für die Spaltung der Welt in Arm und Reich, und nicht nur das.Die Krankheit trägt dazu bei, daß die Kluft noch tiefer wird, denn die Immunschwäche betrifft vor allem Menschen im arbeitsfähigen Alter.Dem armen Süden stehen die Industrienationen im Norden gegenüber, in denen gut ausgestattete Labors und Kliniken die Krankheit erforschen und behandeln.Mit bemerkenswerten Ergebnissen.Über keinen Erreger weiß man inzwischen mehr als über das Immunschwächevirus HIV.Man kennt die Tricks und Schliche, mit denen sich der Erreger in seine Wirtszellen einschleicht und sie zu regelrechten Virus-Fabriken umbaut.Und man hat zwar kein Heilmittel, aber Medikamente gegen HIV.Sie haben zeitweise sogar die Illusion genährt, es würde gelingen, das Virus völlig aus dem Körper zu tilgen.

Auch wenn dieses Fernziel verfehlt wird, so ist es doch möglich, mit den neuen Arzneien das Virus über lange Zeit in Schach zu halten.Die Medikamente unterdrücken die Virusvermehrung, zögern den Ausbruch von Aids heraus und verlängern das Leben.Aber die Therapie ist teuer und kompliziert, und sie verlangt vom Infizierten Disziplin und nicht selten die Bereitschaft, erhebliche Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen.Doch die Tendenz ist eindeutig: Die erworbene Immunschwäche wird in Amerika und Europa zur chronischen Krankheit, wie Diabetes oder verengte Herzkranzgefäße.Die Zahlen sprechen für sich.In den ersten zehn Monaten des Jahres 1996 starben in Berlin 208 Menschen an Aids, ein Jahr später waren es noch 86.Die Zahl der neuen Aids-Fälle ging in Deutschland 1997 gegenüber dem Vorjahr um ein Drittel zurück.Die Aids-Stationen leeren sich.

Vor diesem Hintergrund ist es für Aids-Aufklärer schwierig, weiter Gehör zu finden.Sorglosigkeit breitet sich aus.Aus den USA, wo im ersten Halbjahr 1997 die Zahl der Aids-Todesfälle um 44 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückging, wird berichtet, daß Homosexuelle wieder viel öfter Sexualverkehr ohne Kondom haben.Ähnliche Tendenzen dürften sich auch hierzulande bemerkbar machen.Aber man sollte sich nichts vormachen - eine Infektion mit HIV ist noch immer unheilbar, und die Zahl der neuen Ansteckungen in Deutschland ist mit geschätzten rund 2000 Fällen pro Jahr konstant.

Die Vorbeugung mit Kondom bleibt also das A und O.Das gilt noch viel mehr für die armen Länder, in denen schätzungsweise 90 Prozent der Infektionen auftreten und in denen oft weder Tests noch gar eine Therapie vorhanden sind.Auch ein Impfstoff ist bisher nicht verfügbar.Aids ist in den Entwicklungsländern zudem nur eine unter mehreren großen Seuchen.Weil sie die Abwehrkräfte schwächt, bahnt die Immunschwäche der Tuberkulose den Weg, die nicht nur die häufigste Todesursache bei Aidskranken, sondern auch der größte "Killer" unter den Infektionen der Erwachsenen überhaupt ist.Nicht vergessen werden sollte zudem, daß sich Aids in Osteuropa stärker ausbreitet.

Aber es gibt auch Zeichen der Hoffnung.Vorbeugemaßnahmen in Thailand und Uganda sind trotz knapper Mittel erfolgreich.Und afrikanische Staaten nehmen an einem Programm teil, bei dem das Risiko der Virus-Übertragung von der infizierten Mutter auf das Kind verringert werden soll; ein Pharmaunternehmen hat sich bereit erklärt, zu diesem Zweck das Virusmittel AZT deutlich billiger abzugeben.Aids ist kein unausweichliches Schicksal.Sofern man den Satz eines Infektionsforschers ernst nimmt: "Wenn die Reichen sich abwenden von der Not der Armen, triumphieren die Mikroben." Er stammt von Robert Koch, dem Entdecker des Tuberkulose-Erregers.

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