Zeitung Heute : Aus dem Versteck

Pakistan bietet vielen Al-Qaida-Terroristen Unterschlupf. Warum es so schwierig ist, bin Laden zu fassen

Frank Jansen

Einer der meistgesuchten mutmaßlichen Al-Qaida-Terroristen ist gefasst worden. Was bedeutet die Festnahme Ahmed Khalfan Ghailanis in Pakistan?

Schmächtig ist der Mann, das Gesicht auf den Fahndungsfotos wirkt bubihaft. Der in Pakistan festgenommene Ahmed Khalfan Ghailani alias „Ahmed der Tansanier“ oder schlicht „Foopie“ sieht nicht aus wie ein finsterer Terrorist. Doch vermutlich hat er bei einem der schwersten Anschläge der Al Qaida mitgemischt.

Am 7. August 1998 detonierten vor den US-Botschaften in Kenia und Tansania Lastwagen voller Sprengstoff. In Nairobi starben 213 Menschen, in Daressalam elf, mehr als 5000 wurden in beiden Städten verletzt. Ghailani soll Chemikalien und den Lkw für das Attentat in Daressalam besorgt haben. Ein bereits verurteilter Attentäter hat ausgesagt, Ghailani habe die Beschaffungstouren auf einem Fahrrad unternommen, da ihm ein Führerschein fehlte. Ein radelnder, milchgesichtiger Massenmörder – sollten Aussagen und Vorwürfe stimmen, hätte Al Qaida einen weiteren bizarren Terroristentypus präsentiert.

Die Festnahme Ghailanis in der ostpakistanischen Stadt Gujrat gelang erst nach stundenlangen Verhandlungen und einer Schießerei. Sicherheitsexperten sprechen von einem „Überraschungshit“ – offenbar kamen die Sicherheitskräfte erst durch den Hinweis eines kürzlich verhafteten Islamisten auf die Spur Ghailanis. Die Amerikaner führten ihn auf der Liste der „most wanted terrorists“ und hatten zunächst bis zu 25 Millionen Dollar auf seinen Kopf ausgesetzt. Jetzt wurde die Summe plötzlich auf fünf Millionen reduziert. Vier der Botschaftsattentäter hat bereits ein New Yorker Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt.

Sechs Jahre lang blieb Ghailani verschollen. Möglicherweise beteiligte er sich in Liberia am Handel mit „Blutdiamanten“. Wie viel Zeit Ghailani in Pakistan verbrachte, wissen die Behörden nicht – jedenfalls fühlte er sich in dem Land offenbar so sicher, dass er ein Familienleben führte.

Als die Polizei das Versteck entdeckte, hielten sich dort auch die usbekische Ehefrau Ghailanis und ein Dutzend weitere Angehörige und Freunde auf. Zum Hausrat zählten Kalaschnikows, Chemikalien, viel Bargeld. Zutaten für einen Anschlag? Sicherheitsexperten schließen auch nicht aus, dass sich Ghailani absetzen wollte.

Trotz der offenen Fragen spiegeln sich in der Person des etwa 30 Jahre alten Ghailanis einige Merkmale der Al-Qaida-Strukturen. Der auf der arabisch tansanischen Insel Sansibar aufgewachsene Ghailani radikalisierte sich in seiner Jugend zum Hassprediger, zog nach Pakistan und kam vermutlich dort oder in Afghanistan mit Al Qaida in Kontakt. Welchen Rang er einnahm, ist unklar. War Ghailani eine Art Ost- Afrika-Chef?

Kurz vor den Anschlägen in Kenia und Tansania flog Ghailani von Nairobi in die pakistanische Hafenstadt Karatschi. In dem Moloch sind viele Al-Qaida-Leute untergetaucht, mehrere wurden geschnappt. Am 11. September 2002, dem ersten Jahrestag der Anschläge auf World Trade Center und Pentagon, ging einer der Drahtzieher in Karatschi ins Netz, Ramzi Binalshibh. Der Chefplaner der Anschläge vom 11. September, Khalid Scheich Mohammed, wurde im März 2003 in Rawalpindi gefasst. Ein Jahr zuvor war in Faisalabad der „Personalchef“ der Al Qaida festgenommen worden, Abu Zubaydah. Die Fahndungserfolge zeigen: Al Qaida findet in ganz Pakistan Unterschlupf, doch die Städte bieten trotz ihrer Islamistenmilieus nur relative Sicherheit.

Im Gegensatz zum pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet, wo sich vermutlich Osama bin Laden und sein Vize Aiman al Sawahiri aufhalten. Dort herrschen paschtunische Stämme, ihr Ehrenkodex verbietet eine Auslieferung von Gästen. So endete im Frühjahr der Versuch der pakistanischen Armee, Sawahiri in Wasiristan zu fangen, in einem blutigen Desaster. Die US-Spezialtruppen am Ostrand Afghanistans konnten nicht im großen Stil eingreifen. Eine massive Militäraktion von Ungläubigen auf dem Boden Pakistans würde das Regime von Pervez Musharraf landesweit einer islamistischen Wutwelle aussetzen.

Ahmed Khalfan Ghailani weiß vielleicht, wo bin Laden und Sawahiri stecken. Doch bisher sagt er dazu nichts.

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