Zeitung Heute : Aus dem Willen zu Freiheit und Leistung

UWE SCHLICHT

Mitten im düsteren Blockadewinter 1948 war die Eröffnung der Freien Universität vor 50 Jahren am 4.Dezember ein ermutigender Lichtstrahl in die ZukunftVON UWE SCHLICHTEs war wie seinerzeit während der Fremdherrschaft Napoleons, als die Gründung der Berliner Universität im Jahre 1810 den Selbstbehauptungswillen eines Volkes symbolisierte, das zwar Schlachten verloren hatte, aber geistig einen Neuanfang wagte.Nur: Die Niederlagen, die die Deutschen im Zweiten Weltkrieg erlitten hatten, waren ein Segen für Europa, denn ein siegreiches Deutschland hätte den Kontinent der Barbarei ausgesetzt.Die wenigen Studenten, die so dachten, wurden zu Gründern der Freien Universität. Seit 1946, der Wiederöffnung der Berliner Universität im sowjetischen Sektor, breitete sich der Geist einer neuen totalitären Ideologie aus: Pflichtvorlesungen im Marxismus-Leninismus, die Bevorzugung von Arbeiter- und Bauernkindern, die Verhaftungen und Verschleppungen kritisch denkender Studenten oder ihr Ausschluß vom Studium - das waren deutliche Signale.Die Gründung einer neuen, freien Universität im amerikanischen Sektor bot sich als Alternative an.Sie stellte nicht nur ein finanzielles Wagnis dar, sie erfolgte auch gegen den Widerstand aller Bedenkenträger unter Hochschulrektoren und Professoren.Nur weil es Studenten gab, die das neue Deutschland verkörperten, konnte die Gründung gelingen.Es waren Studenten "halbjüdischer" Herkunft darunter, die unter den Nazis gelitten hatten.Sie boten den skeptischen Amerikanern ein anderes Bild des deutschen Studenten als jene Fanatiker in Braunhemden, die in der Weimarer Republik die Universitäten terrorisiert hatten.Und sie waren nach 1945 zum Engagement bereit - anders als viele Kriegsheimkehrer, die dem "Ohne-Mich-Standpunkt" huldigten. Die Gründer der Freien Universität waren überzeugte Gegner des Nationalsozialismus und der stalinistischen Variante des Sozialismus.Keine belasteten Professoren sollten im Lehrkörper der Universität aufgenommen werden.Schlagende Verbindungen, die den Ungeist des deutsch-nationalen Konservativismus verbreitet hatten, wurden nicht zugelassen.Nur weil sie Garanten eines neuen Geistes waren, erhielten die Studenten der FU mehr Mitspracherechte als an anderen Universitäten.Inspiriert wurde die Gründung auch von deutschen Politikern und Wissenschaftlern wie Ernst Reuter und Edwin Redslob, dem Mitbegründer des Tagesspiegels. Die Freie Universität ist ohne die Unterstützung durch die Amerikaner undenkbar.Herausragend in der Gründungszeit war die Hilfe von Kendall Foss, Stadtkommandant Frank Howley und General Lucius Clay.Der Henry-Ford-Bau, das Kennedy Institut, das Studentendorf, das Otto-Suhr-Institut, das Klinikum Steglitz sind amerikanischen Spenden - vor allem der Ford-Stiftung und Benjamin-Franklin-Stiftung - zu verdanken.Aus gutem Grund eröffnet heute der amerikanische Botschafter John Kornblum das Jubiläumsjahr 1998. Daß die FU nicht wie die Berliner Universität von 1810 als Modell im Weltmaßstab gelten konnte, schmälert keineswegs ihre Bedeutung.Hinter Humboldts Universität stand die Idee einer neuen Aufgabe: der Bildung durch Wissenschaft.Der Modellcharakter der Freien Universität blieb umstritten.Die erweiterte Mitbestimmung von Studenten endete nach 1968 in der Gruppenuniversität.Globalhaushalt und Dienstherrenfähigkeit und damit die Chance, daß eine Universität ihre eigenen Beamten bestellt, blieben in Deutschland die Ausnahme.Die Kehrseite des "Berliner Modells" sind Belastungen, die andere Universitäten nicht zu tragen haben: Millionenkosten für die Altersversorgung der Wissenschaftler, die zum Problem werden, weil das Abgeordnetenhaus rigorose Sparauflagen beschlossen hat. Die Freie Universität wurde zum Symbol für den Wandel in den Beziehungen zwischen Deutschen und den Siegermächten im Westen.Aber nach dem Ende des Kalten Krieges kann eine Universität von Symbolen allein nicht leben.Heute erbringt die FU nach Jahren der Krise wieder Spitzenleistungen in der Forschung.Das sollten sich jene Politiker vergegenwärtigen, die nach der Wiedervereinigung von der "Stunde Null" träumen, in der man nur noch zwei Universitäten in der Stadt brauchen würde: die TU und die Humboldt-Universität.

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