Zeitung Heute : Aus der Luft gegriffen

Ausländische Flugzeuge werden von Kampfjets eskortiert. Andere dürfen gar nicht erst landen. Die Weltmacht USA ist hochnervös. Ihre Kontrollen wegen der Terrorgefahr sind scharf wie nie zuvor. Bislang jedoch haben sie nur neue Pannen der Sicherheitsdienste zutage gefördert.

Malte Lehming[Washington]

TERROR UND LUFTVERKEHR – WOHIN GEHT DIE REISE?

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Ein Terrorverdächtiger entpuppt sich als Kind, ein anderer als harmloser Versicherungsmakler aus Wales, ein dritter als ältere chinesische Frau. Krasser könnte der Kontrast kaum sein. Hier die drastischen Sicherheitsmaßnahmen einer Supermacht – Flüge werden gestrichen, Kampfjets zur Begleitung entsandt, Passagiere an Bord stundenlang verhört –, und dort die Banalität des Realen. Kleinlaut räumen die US-Behörden eine Reihe peinlicher Verwechslungen ein. Es waren sicher nicht die letzten.

Wer am Silvesterabend die amerikanischen Fernsehnachrichten anschaltete, sah zwei Bilder: Auf dem Internationalen Flughafen Dulles bei Washington stand, grell erleuchtet, eine Maschine der „British Airways". Sie war von Kampfjets eskortiert worden, um 19 Uhr 06 gelandet, auf einem abgelegenen Rollfeld geparkt worden, an Bord befanden sich 247 Passagiere. Dann betraten FBI-Agenten die „BA 223". Sie durchsuchten die Maschine, Passagiere wurden verhört. Bis um 22 Uhr 30 durfte niemand das Flugzeug verlassen. Das zweite Bild zeigt die Vorbereitungen der Neujahrsparty am „Times Square" in New York, die Scharfschützen, die Leibesvisitationen, die Hubschrauber. „Jetzt wünschen wir allen unseren Zuschauern ein frohes Neues Jahr", sagt die Ansagerin um Mitternacht. Das klang etwas seltsam.

Seit 13 Tagen herrscht in Amerika eine Art Ausnahmezustand. Am 21. Dezember hatte der Chef der US-Heimatschutzbehörde, Tom Ridge, das nationale Terrorwarnsystem erhöht. Seitdem gilt „Code Orange", die zweithöchste Alarmstufe. Die Gefahr eines Anschlags in den Vereinigten Staaten, sagte Ridge, sei „heute vielleicht größer als zu irgend einer anderen Zeit seit dem 11. September 2001". Ob das stimmt, wissen nur Eingeweihte. Für den Rest, also im Prinzip für fast alle Amerikaner, lautet die Regel: Die Warnungen werden in dem Maße ernst genommen, wie jemand seiner Regierung vertraut.

Besonders betroffen ist der Flugverkehr. Mehrere Flüge, aus Frankreich, Mexiko und Großbritannien wurden zwischen Weihnachten und Neujahr gestrichen. Jedesmal hatten die US-Behörden Sicherheitsbedenken angemeldet. Bestätigt hat sich noch kein Verdacht. Im Falle von drei Air-France-Maschinen, deren Passagiere in Paris vernommen wurden, muss das FBI nun einen groben Irrtum einräumen. Bei der Fahndung nach mutmaßlichen Terroristen habe es schlicht Namensverwechslungen gegeben. Allerdings war die Liste, die den französischen Behörden vorgelegt worden war, höchst unvollständig. Es fehlten sowohl der Vorname als auch das Geburtsdatum der Gesuchten.

Die Sache mutet peinlich an. „Die große Frage heißt", schrieb am Freitag das „Wall Street Journal", „warum die technologisch fortschrittlichste Macht der Welt nicht zwischen einem terroristischen Flugzeugentführer und einem harmlosen Touristen mit einem verdächtigen ausländischem Namen unterscheiden kann?" Eine Antwort liefert die Zeitung gleich mit. Eine zuverlässige und aktuelle Liste von Terrorverdächtigen gebe es bis heute nicht. In fünf Behörden – Außen-, Verteidigungs- und Justizministerium, Heimatschutz und CIA – kursieren nicht weniger als zwölf verschiedene Listen. Daten seien veraltet und würden nicht ausgetauscht. Vor drei Monaten erst wurde das „Terrorist Screening Center" (TSC) eingerichtet. Dort sollen künftig alle Daten zentral gesammelt und ausgewertet werden. Doch das kann „möglicherweise Jahre" dauern, glaubt das „Wall Street Journal".

Bis dahin, so steht zu befürchten, wird es noch mehrere Pannen geben, die einige US-Sicherheitsvorkehrungen aktionistisch wirken lassen. Die Amerikaner selbst sehen das, trotz der Einschränkungen ihrer Reisefreiheit und der drohenden Einbußen im Tourismus, relativ gelassen. Bei der Terrorbekämpfung, sagen sie, sei es besser, zehnmal einen Falschen verdächtigt zu haben, als einmal den Richtigen entkommen zu lassen.

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