Zeitung Heute : Aus der Nähe betrachtet

Vor dem Irakkrieg suchte ein Vertrauter von Saddam Hussein Kontakt zum BND

Frank Jansen

Das Parlamentarische Kontrollgremium (PKG) will am Montag klären, ob der BND irakische Verteidigungspläne weitergab. Wie könnte es passiert sein, dass der BND in den Besitz solcher Dokumente kam?


Es ist nur eine Theorie, doch sie besitzt beachtliche Brisanz. Nach dem Bericht in der „New York Times“ über eine weitreichende Kooperation zwischen BND und US-Militär vor Beginn des Irakkrieges skizzieren der Publizist und Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom sowie andere Experten, die anonym bleiben wollen, ein bizarres Szenario. Demnach haben die zwei BND-Männer, die während des Krieges in Bagdad blieben, von dem Chef des irakischen Geheimdienstes oder einem seiner Vertrauten die Verteidigungsstrategie der Saddam-Truppen übermittelt bekommen. Es gebe einen „speziellen Verdacht“, dass Generalleutnant Jahir Talil Habbusch al Tikriti, Direktor des gefürchteten „al Mukhabarat“, die hochgeheimen Pläne weitergereicht habe, sagt Schmidt-Eenboom. Die „New York Times“ hatte nur gemeldet, eine unbekannte Person habe den BND-Männern das Material geliefert, das dann dem US-Zentralkommando in Katar zugeleitet worden sei.

Die neue Theorie klingt plausibel, auch wenn nicht abzusehen ist, ob sie bestätigt wird – oder widerlegt. Jedenfalls steht fest, dass Habbusch während des Angriffs der Amerikaner auf Bagdad übergelaufen ist. Er versuchte sogar, Saddam Hussein einem amerikanischen Bombenangriff auszusetzen. Der Diktator wollte sich am 7. April 2003 mit Habbusch und anderen Funktionären in einer Villa im Bagdader Stadtteil Mansur treffen. Als Saddam ankam, war Habbusch nicht da. Saddam witterte den Verrat und setzte sich in einem Taxi ab. Eine Viertelstunde später bombardierte die US-Luftwaffe das Areal. Zwölf Zivilisten starben, der Diktator war entkommen.

Die Amerikaner haben Habbusch mit einer neuen Identität ausgestattet. Für die Verbrechen, die er und sein Geheimdienst begangen haben, musste sich der Ex-General nicht verantworten. Um den Überläufer zu schützen, legte die US-Justiz sogar eine falsche Spur: Habbusch wurde zur Fahndung ausgeschrieben, mit einem Kopfgeld von einer Million Dollar.

Noch vor Beginn des Krieges hatte Habbusch Kontakt gesucht zur diplomatischen Vertretung der Bundesrepublik in Bagdad. Die britische Zeitung „The Daily Telegraph“ berichtete Ende April 2003, Habbusch habe sich am 29. Januar 2003, knapp zwei Monate vor Beginn des Krieges, mit einem BND-Mann namens Johannes H. getroffen. H. soll Habbusch vorgeschlagen haben, die Kontakte zwischen den beiden Geheimdiensten auszubauen. Habbusch habe lukrative Verträge für deutsche Unternehmen angeboten, sollte die Bundesrepublik helfen, die drohende US-Invasion zu verhindern. Der „Telegraph“ berief sich auf Geheimdokumente, die am Ende des Krieges im zerstörten Hauptquartier des „Mukhabarat“ gefunden wurden.

Schmidt-Eenboom und andere Experten vermuten nun, Habbusch habe über H. die spätere Weitergabe der Verteidigungspläne des Saddam-Regimes an die in Bagdad ausharrenden BND-Männer eingefädelt. Damit habe sich Habbusch sein „Ticket“ in die westliche Welt erkauft. Der Geheimdienstchef, der sich selbst überwacht fühlte, konnte in Bagdad keine US-Spione treffen – aber jemanden vom BND, da Saddam die Bundesrepublik nicht für einen Feindstaat hielt.

Sollte es so gewesen sein, wäre dem BND offenbar gar nichts anderes übrig geblieben, als die Amerikaner zu informieren. Um mit der Weitergabe von Saddams Verteidigungsstrategie das Leben tausender US-Soldaten zu retten – und den Amerikanern einen Beleg zu liefern für die Absicht des irakischen Geheimdienstdirektors, sich von dem Diktator nach jahrelanger Treue abzusetzen.

Im Umfeld der Bundesregierung wird die Theorie zur Kenntnis genommen. Dann ist zu hören, es bleibe beim Dementi der Geschichte der „New York Times“. Doch es gibt einen Hinweis, der aufhorchen lässt. BND-Mann H., der vor dem Krieg mit Habbusch verhandelte, soll am Montag vor dem Parlamentarischen Kontrollgremium auftreten. Obwohl H. unverdächtig ist, den Amerikanern Material geliefert zu haben. Worüber soll er dann dem PKG berichten?

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